In einer Zeit, in der Künstler bei der Frage nach Krieg und Frieden verstärkt Gehör einfordern, lohnt sich ein Blick zurück. Ihrer Rolle als verlässlicher moralischer Kompass ist die Kunst nämlich in der Vergangenheit weit seltener gerecht geworden, als ihr Selbstverständnis es nahelegt. Bekanntlich haben nicht wenige Schriftsteller, Maler und auch Musiker im Vorfeld des Ersten Weltkriegs den Waffengang beschworen.

Ein prominentes Beispiel ist Franz Marc. Was den so feinsinnigen Maler mit seiner Vorliebe für blaue Pferde und gelbe Kühe dazu bringen konnte, den Krieg als „positive Instanz“ zu würdigen und Forderungen wie „Alles muss noch härter werden“ zu artikulieren, scheint heute vielen rätselhaft.

Aufklärung stellen nun zwei neue Romanbiografien in Aussicht (Tilman Röhrig: „Der Maler und das reine Blau des Himmels“, Piper; Reinhard Lindenhahn: „Franz Marc. In fünf Jahren zur Unsterblichkeit“, Südverlag). Deren zeitgleiches Erscheinen ist insofern bemerkenswert, als ein Gedenkjahr weit und breit nicht in Sicht ist, das Thema liegt offenbar ganz von selbst in der Luft.

So spekulativ solche Romanbiografien auch sind, die freie Form bietet zumindest die Gelegenheit, interessante Thesen zu entwickeln und am konkreten Beispiel auszutesten. Das gelingt am besten, wenn ein Autor die Prosaform nicht nur wählt, sondern sie auch beherrscht. Was ja bedeutet, Charaktere mit glaubwürdiger Innensicht und authentischer Sprache zu kreieren, Figuren, deren Denken und Handeln eine sinnhafte Einheit bilden.

Tilman Röhrig: „Der Maler und das reine Blau des Himmels – Der große Franz-Marc-Roman“, Piper 2022; 544 Seiten, 26 Euro.
Tilman Röhrig: „Der Maler und das reine Blau des Himmels – Der große Franz-Marc-Roman“, Piper 2022; 544 Seiten, 26 Euro. | Bild: PIPER

Was das betrifft, wird der Leser in beiden Fällen enttäuscht. Dabei bietet Röhrig alles auf, was Marcs Biografie an saftigen Episoden zu bieten hat: seine Dreiecksbeziehung mit Scheinehe, Scheidung und verhinderter zweiter Hochzeit, belogene Schwiegereltern, eine unter seiner mutmaßlichen Unfruchtbarkeit leidende Partnerin. Und natürlich große Künstler, Kandinsky, Macke, Münter.

Doch wilde Geschichten und prominente Namen allein bringen noch lange kein Leben auf die Bühne. Röhrigs Figuren sind so blutleer wie austauschbar, was genau sie antreibt, bleibt nebulös. Zwar lobt man einander wegen „beeindruckender Kompositionen“ oder „intensiver Farben“, das ließe sich aber auch über Werke ihrer Gegner sagen. Diese sind freilich allesamt rückständige Spießer mit belehrend fuchtelnden Zeigefingern. Die verkannten Künstlergenies dagegen ballen vor Wut die Fäuste. Wo Sinn fehlt, muss das Klischee herhalten.

„Gereinigtes Europa“

Irgendwann taucht plötzlich der Name Nietzsche auf. Franz Marc fühlt sich von ihm inspiriert, über die Verherrlichung des Krieges nachzudenken. Und es dauert nicht lange, da faselt er bald von seiner Vision eines durch Krieg „gereinigten Europas“. So grausam es sein möge, aber er fürchte, „jede Nation wird ihr Opfer dazu beitragen“ müssen. Das alles wirkt auf ganz fürchterliche Weise kurz gedacht und unzureichend durchdrungen.

Der Bad Dürrheimer Autor Reinhard Lindenhahn vermag es zwar gleichfalls nicht, eine Erzählhaltung zu entwickeln, die dem Anspruch eines Romans gerecht würde. Wo er sich aus der Warte des distanzierten Berichterstatters hervortraut, geraten leicht Fakten durcheinander. Das Wort „Orphismus“ fällt ein Jahr vor seiner Erfindung, ein Kandinsky-Zitat landet im Munde Franz Marcs. Doch erscheint dies verzeihlich, weil sein Buch auf anderer Ebene Röhrigs Vergleichswerk um Längen schlägt.

Reinhard Lindenhahn: „Franz Marc. In fünf Jahren zur Unsterblichkeit“, Südverlag 2022; 200 Seiten, 20 Euro.
Reinhard Lindenhahn: „Franz Marc. In fünf Jahren zur Unsterblichkeit“, Südverlag 2022; 200 Seiten, 20 Euro. | Bild: Südverlag

Lindenhahn nämlich interessiert sich für die Motive des Malers und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Das gilt zunächst ganz konkret für jene auf der Leinwand, die blauen Pferde und gelben Kühe also, in denen er den Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber der Moderne sieht. Der Mensch, so lautet Marcs Überzeugung, hat vor lauter Technikbegeisterung das Schauen verlernt. Wer sich auf Maschinen verlässt, lässt seine Sinne verkümmern, die Wirklichkeit erscheint zunehmend eindimensional, flach, sinnentleert.

Wenn der Mensch versagt, muss sich der Maler eben der Tierwelt bedienen. Marc fragt sich: Wie sieht ein Pferd die Welt? Welche Geister geben sich ihm zu erkennen, die wir längst aus unserem Blickfeld vertrieben haben? Das Tier eröffnet den Zugang zu verschütteten Dimensionen. Vom Wunsch „nach einer Religion, die es nicht gibt“, ist hier zu lesen, das erinnert frappierend an andere spirituelle Ansätze dieser Zeit, etwa Maria Rilkes „kapellenlosen Glauben“.

Er malte die Welt aus den Augen der Tiere: Franz Marcs Gemälde „Die großen blauen Pferde“, 1911.
Er malte die Welt aus den Augen der Tiere: Franz Marcs Gemälde „Die großen blauen Pferde“, 1911. | Bild: Wikipedia/gemeinfrei

So dringt diese Romanbiografie über das Motiv auf der Leinwand zu jenem des gesamten ästhetischen Konzepts vor. Es gründet auf dem Unbehagen vor einer Menschheit, die ihre Augen nur noch für technische Vorgänge verwendet und trotzdem nicht den Untergang eines Riesendampfers wie der Titanic verhindern kann. Eine solche Gesellschaft ist von sich aus schon dem Untergang geweiht.

Indem Lindenhahn Marcs Kriegshoffnung als Ausdruck eines radikalen Kulturpessimismus interpretiert, setzt er sie in den Kontext jener allgemeinen Überforderung und Gereiztheit, wie sie von Historikern in den vergangenen Jahren so oft als Wesensmerkmal dieser Zeit beschrieben worden ist. Das ist durchaus schlüssig, auch wenn – oder vielmehr gerade weil – diese Reaktion mit krassen Widersprüchen einhergeht.

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Da begeistert sich derselbe Maler, der in seinen Werken eine verloren gegangene Einheit von Mensch und Natur betrauert, ausgerechnet für die von Rennwagen und Maschinen durchdrungenen Bilder der Futuristen. Die Schnittmenge dieser vermeintlich gegensätzlichen Welten liegt in der Wahrnehmung der Gegenwart als vollkommen unzulänglich, verkommen, hoffnungslos. Nur ein Krieg, glaubt der Futurist Filippo Tommaso Marinetti, könne diesem Elend ein Ende bereiten, gewissermaßen als Hygieneprogramm für Europa. Und Marc stimmt ihm zu.

Vielleicht liegen genau darin Chance und Gefahr des künstlerischen Blicks auf die Welt. Eine sinnliche Wahrnehmung spürt Fragen auf, die der technischen Perspektive verborgen bleiben. Geht es aber um die Antworten, hat sich die nüchterne Betrachtung des Ingenieurs schon manches Mal als verlässlicher erwiesen.