Über zehn Millionen Mal wurde die Seite auf TikTok aufgerufen. Auf der Internet-Plattform singt Nathan Evans das alte Walfanglied „The Wellerman“ und Tausende singen mit. Über elftausend Videos wurden inzwischen hochgeladen, denen Evans‘ „Shanty“-Gesang als Ausgangspunkt dient, um den Titel zum Beispiel als Dub-Step zu remixen, eine eigene Version zu singen oder dazu zu tanzen. Der Riesenerfolg hat dem Hobbysänger aus Schottland, der eigentlich Briefträger ist, 760.000 Follower beschert, dazu einen Plattenvertrag mit einem Major-Label.

Die Formel für den Erfolg ist simpel: Shantys sind leicht zu singen. Es handelt sich um einfach gestrickte Songs mit eingängigen Melodien, kurzen Versen und eindringlichem Refrain – wahre Ohrwürmer. Shantys folgen einem Ruf-Antwort-Schema, wobei ein Vorsänger, der „Shantyman“, eine Zeile vorgibt, die dann von der Mannschaft nachgesungen wird.

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Ursprünglich stammt das Wort „Shanty„ aus dem Französischen und ist vom Verb „chanter“ (=singen) abgeleitet. Daraus wurde das englische „chant“, was einen Anfeuerungsruf bezeichnet, sowie „chanting“, was so viel wie „laut singen“ bedeutet. Ein Shanty braucht also Kraft beim Singen!

Die Seemannslieder hatten ihre Blütezeit im Zeitalter der Segelschifffahrt, wo sie zur Arbeit an Deck gesungen wurden. Zu jeder einzelnen Verrichtung gab es maßgeschneiderte Lieder, die im Rhythmus dem Tempo der Tätigkeit entsprachen. Es gab Shantys zum Hissen der Segeln oder zum Auspumpen des Schiffs. Das gemeinschaftliche Singen im stampfenden Rhythmus machte die schwere Arbeit leichter und verlieh ungeahnte Kräfte. Darüber hinaus synchronisierte der Rhythmus die Tätigkeit im Team und förderte das Gemeinschaftsgefühl.

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„Es will viel heißen, wenn ein Matrose sich aufs Singen versteht, denn das verschafft ihm Ansehen bei den Offizieren und große Beliebtheit bei den Kameraden. Manche Kapitäne fragen immer, ehe sie einen Mann heuern, ob er am Tau auch singen kann,“ heißt es in Herman Melvilles Roman „Redburn“ von 1849.

Die Lieder reisen um die Welt

Die Texte der Shantys sind oft vulgär, andere erzählen von Wehmut, Leid und Kummer, ausgelöst durch die Trennung, wenn es wieder einmal rausging aufs Meer – monatelang, einem ungewissen Schicksal entgegen. Die Seemannslieder können aber auch von der harten Arbeit an Bord berichten, einem sadistischen Kapitän oder dem Kampf gegen eine unerbittliche See mit peitschenden Stürmen, haushohen Wellen und eisigem Wetter.

Seemannslieder kamen weit herum. In den Kaschemmen der Hafenviertel begegneten sich Matrosen aus der ganzen Welt und sangen ihre Lieder, die von anderen aufgegriffen wurden. Die Mannschaft eines Schiffs setzte sich aus den unterschiedlichsten Nationalitäten zusammen, wodurch die Shantys in alle Ecken der Welt gelangten. Deshalb konnte ein bestimmtes Shanty in der jeweiligen Landessprache gleichzeitig in Norwegen, den Niederlanden, den USA, der Karibik, Australien oder England in Gebrauch sein. Das deutsche Seemannslied vom „Hamborger Veermaster“ basiert etwa auf dem Shanty „The Banks of the Sacramento„.

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Im 19. Jahrhundert verloren mit dem Niedergang der Segelschifffahrt die Shantys ihre Funktion. Aus Arbeitsliedern wurde Folklore, gesungen von Männern im Pub oder von Shanty-Chören, die es heute fast in jeder größeren Küstenstadt gibt. Shanty-Festivals, ob in Großbritannien, Amerika, Holland, Polen oder Deutschland, bringen Chöre aus der ganzen Welt zusammen und ziehen Tausende von Besuchern an.

Jetzt spült das Internet die Shantys weiter nach oben. Vielleicht sind sie in tristen Corona-Zeiten einfach eine willkommene Abwechslung. Denn Singen hebt die Laune!