Kann Kunst überhaupt politisch sein? Letztlich steckt sie in einem Dilemma: zieht sie sich auf sich selbst zurück und kreist etwa um ästhetische Fragestellungen, heißt es, sie bewege sich in einem Elfenbeinturm. Befasst sie sich aber mit politisch brisanten Themen, wird ihr vorgehalten, sie tue dies aus einer Komfortzone heraus. Womit ihr gleich auch die Legitimität abgesprochen wird, sich überhaupt politisch zu engagieren.

Dem Komponisten Christoph Ogiermann ist das etwa so ergangen, als er in einer spontanen Reaktion auf den Mord an dem Afroamerikaner George Floyd im Mai 2020 ein Musikstück produzierte, das dann auch im Deutschlandfunk gesendet wurde. „Das hat dann eine Diskussion ausgelöst, ob es überhaupt statthaft sei, dass ein alter weißer Mann sich der schwarzen Problematik bedient, um damit jetzt mal kurzfristig was zu machen und dann wieder in seine wohl gepamperte Umgebung zurück zu kehren.“

Sprachrohr für belarussische Künstler

Ogiermann erzählt diese Begebenheit nebenher auf dem Eclat Festival in Stuttgart. Er ist hier mit einem wiederum politisch brisanten Thema befasst, nämlich den Ereignissen in Belarus, auch wenn der mediale Fokus inzwischen auf einem anderen osteuropäischen Krisengebiet liegt, der Ukraine.

Möglich, dass ihn das Glaubwürdigkeitsproblem dieses Mal nicht einholen wird, denn anders als im Fall Floyd äußert sich Ogiermann hier nicht über einen politisch brisanten Fall, sondern gemeinsam mit Betroffenen selbst.

Seit der Festnahme der charismatischen belarussischen Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa im September 2020, die zuvor als Social-Media-Expertin für Eclat gearbeitet hatte, hat die künstlerische Leiterin Christine Fischer das Neue-Musik-Festival – auch – zu einem Sprachrohr für belarussische Künstler und Künstlerinnen zwischen Exil und Widerstand gemacht.

Da sind beispielsweise die in Performances bespielten Installationen „Echoes – Voices from Belarus“ von und mit Nadya Sayapina, Lesia Pcholka und Zhanna Gladko, in denen es nicht zuletzt um die ganz alltäglichen, nicht immer sichtbaren Formen der Unterdrückung geht.

Zhanna Gladko in ihrer Installation „Vicious Circle“, Teil von „Echoes – Voices from Belarus III“.
Zhanna Gladko in ihrer Installation „Vicious Circle“, Teil von „Echoes – Voices from Belarus III“. | Bild: Martin Sigmund

Oder da ist das Projekt „Practices of Subordination“ des Bildenden Künstlers Sergey Shabohin, eine Art Archiv mit zahllosen Objekten, Bildern und Audiodateien, die ebenfalls die Unterdrückungsmechanismen des belarussischen Staates dokumentieren. Christoph Ogiermann hat diesen „Praktiken der Unterwerfung“ einen beklemmenden Soundtrack gegeben.

Subtile Mechanismen der Unterdrückung

Ähnlich wie Lesia Pcholka in „Invisible Trauma“ geht es Shabohin um die oft subtilen Mechanismen der Unterdrückung. Daher finden sich etliche Alltagsgegenstände in seinem Archiv, etwa ein Schuh, der am Ort eines Anschlags liegen geblieben ist, oder ein Stuhl, der nach der Rückkehr in die eigene Wohnung plötzlich auf dem Tisch steht – ein Zeichen der Anwesenheit des Fremden im Privaten.

Und weil diese Bilder für Außenstehende kaum zu verstehen sind, beschäftigt sich ein hoch spannender Nachmittag im Eclat Festival mit eben jenen „Practices of Subordination“, die die belarussische, in Berlin lebende Kunsthistorikerin Lena Prents für ein außenstehendes Publikum beispielhaft entschlüsselt.

Viele der belarussischen Künstler im diesjährigen Eclat-Festival haben ihr Land bereits verlassen. Dennoch konnten oder wollten nicht alle auch nach Stuttgart kommen. Die Lyrikerin Valzhyna Mort etwa wird aus Rom für ein Gespräch mit dem Büchner-Preisträger Jan Wagner und einer Performance mit ihrer in Stuttgart anwesenden Landsmännin Oxana Omelchuk zugeschaltet. Zum Glück gibt es die digitalen Mittel.

Interaktive Spielerei: Im Musiktheater „Hyphemind“ wurden die Zuschauer über einen QR-Code zur Teilnahme an einer Umfrage ...
Interaktive Spielerei: Im Musiktheater „Hyphemind“ wurden die Zuschauer über einen QR-Code zur Teilnahme an einer Umfrage über Pilze gebeten. Im Bild das Ergebnis. | Bild: Martin Sigmund

Und diese bilden in dieser hybriden Festival-Ausgabe nicht bloß eine Notlösung, sondern sind immer wieder auch Teil des Konzepts. Etwa wenn drei belarussische Jazzbands in Kiew, Warschau und Minsk sich mit Musikern um Ogiermann virtuell in Stuttgart zu einer Jam-Session treffen. Oder wenn (auch außerhalb des Belarus-Schwerpunkts) Kinga Toth und Silvia Rosani in ihrer Performance „Electrical Jungles“ das Publikum per App Haushaltsgeräte ansteuern lassen, die dann auf der Bühne aktiv werden – als gesellschaftskritisch verstandenes Zeichen weiblicher Fremdbestimmung. Oder, eher lustig, wenn mitten in der Aufführung von „Hyphemind“, ein Musiktheater von Andreas Eduardo Frank und Matthias Rebstock über die Netzwerk-Intelligenz von Pilzen (und mit den großartigen Stuttgarter Vocalsolisten!), die Zuschauer per QR-Code zu einer Umfrage gebeten werden.

Viktoriia Vitrenko in ihrer Performance „Limbo“, die sie der inhaftierten belarussischen Dissidentin Maria Kolesnikowa ...
Viktoriia Vitrenko in ihrer Performance „Limbo“, die sie der inhaftierten belarussischen Dissidentin Maria Kolesnikowa gewidmet hat. | Bild: Martin Sigmund

Den vielleicht nachhaltigsten Eindruck im Festival hinterließ jedoch die Solo-Performance „Limbo“ von Viktoriia Vitrenko. Nicht nur, weil die Ukrainerin hier als Pianistin, Sängerin und Darstellerin in einer Person mehrere Liedzyklen zu einem Gesamtkunstwerk zusammenspannte. Zu der intensiven Performance gehörte auch ein Video, das Maria Kolesnikowa auf einer der Demonstrationen in Minsk zeigt. Sie und Vitrenko kennen sich gut, ihr hat sie diesen bewegenden Abend gewidmet. Gegen Ende kann sie ihre Tränen kaum noch zurückhalten. Kolesnikovas Geist ist hier in jeder Minute präsent. Wie es ihr in Haft geht, weiß derzeit niemand. Aber vergessen ist sie nicht.

Die Veranstaltungen stehen als Streams bis 31. März auf eclat.org zur Verfügung