Wenn es wahr ist, was das Forscherpaar Christine und Stanislav Grof in den 1970er-Jahren herausfand, dann können wir uns an die Umstände unserer Geburt erinnern. Mit der richtigen Stimulanz – Gerüche oder Geräusche – sei es möglich, die Kontraktionen zu spüren, die uns damals in die Enge trieben, die Hitze und die plötzliche Einsamkeit auf der frisch geborenen Haut…

Es muss ja nicht gleich das Drama der Geburt sein. Unstrittig ist, dass nicht nur Elefanten ein differenziertes Langzeitgedächtnis besitzen, sondern auch wir Menschen. Die Erfahrung, dass ein Anstoß uns auf die Spur der Erinnerung bringt, die hat jeder gemacht. Dieser „Klick“ ist längst Literarturstoff. In seinem Hauptwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (1913-1927) berichtet der französische Schriftsteller Marcel Proust von einer Episode, in der ein in den Tee eingetauchter Kuchen, eine Madeleine, im Munde des Erzählers ein Erinnerungsfeuerwerk entfacht und ihn in eine andere Stimmung versetzt. So, als habe er Drogen genommen.

Das Gebäckstück als Auslöser von Glücksgefühlen – Christine Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, zitiert den großen Schriftsteller, der seine letzten Lebensjahre im Bett verbrachte, im Katalog zur neuen Sonderausstellung „Mit allen Sinnen. Französischer Impressionismus“. Die Ausstellung möchte so etwas wie die Proust‘sche Madeleine sein, die Erinnerungen an eine – aktuell durch Corona – bedrohte Sinnlichkeit in uns wachruft.

Berthe Morisot: „Amme und Kind (Blanche Pontillon)“, 1872.
Berthe Morisot: „Amme und Kind (Blanche Pontillon)“, 1872. | Bild: Staatsgalerie Stuttgart

Das Kuratorenteam hat sich bewusst von einer verkopften kunstwissenschaftlichen These verabschiedet. Damit wird nicht nur die Kraft und die Schönheit dieser Malerei beschworen, sondern auch Druck vom Besucher genommen, sich mit einem akademischer Debatte herumschlagen zu müssen.

„Wir betrachten den Flieder von Édouard Manet und sehen ein Meiserwerk der impressionistischen Malerei, der Verkürzung von Stofflichkeit, der Evokation von Lichtreflexen, von Schatten, von Räumlichkeit. Und was wir nicht reflektieren, ist, dass das ein Flieder ist; und dass dieser Flieder einen Duft hat; eine Farbe; und dass dieser Flieder in uns alle Fliedererlebnisse wecken kann, die wir je hatten“, bringt Mitkurator Christofer Konrad das Konzept auf den Punkt. Manets blauweiser „Flieder“ (1881), ein 21 mal 27 Zentimeter kleiner Strauß in einer Glasvase, eröffnet die Ausstellung und setzt damit eine erste Duftmarke. Damit nicht genug: Eingespieltes Vogelgezwitscher (und andere Geräuschteppiche) machen den Herbst zum Frühling (im Museum).

Das ganze Spektrum des Lichts

60 Exponate, darunter 33 Gemälde und Zeichnungen aus Privatsammlungen, die bisher selten oder noch nie öffentlich gezeigt worden sind, sollen den gewünschten Zustand zwischen Tag und Traum herbeiführen – Claude Monets Gemälde bilden den zeitlichen Rahmen (1867 bis 1924). Dafür geht die Staatsgalerie neue Wege und präsentiert diese Sonderausstellung statt wie immer in der Stirling-Halle nun in den oberen Säle, dort, wo Tageslicht ist. Für die Freiluftmalerei gibt es kein schöneres Licht.

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Sehen, riechen, hören schmecken und fühlen, also mit allen Sinnen reagieren, verführen die spektakulären Schönheiten dieser Ausstellung. Edgar Degas‘ selbstverliebte wie anmutige „Tänzerinnen“ (1874) etwa. Der Holzboden der Halle atmet schwer am Bohnerwachs, die Ballerinen zeigen sich erschöpft, Schweiß liegt in der Luft. Ein zweites Beispiel: Paul Gauguins „Bretonische Heuerinnen“ (1889). Das gleißende Licht der Sonne blendet die Augen, der Geruch von Natur lässt an Leben auf dem Lande denken. Oder Claude Monets „Rand der Steilküste bei Pourville“ (1882), da steigt das Salz des Meeres in die Nase oder – ein paar Schritte weiter im Parcours – der Duft der Blumen aus Pierre-Auguste Renoirs „Gewächshaus“ (1876).

Gleißendes Licht und Geruch der Natur: „Rand der Steilküste bei Pourville“ von Claude Monet, 1882.
Gleißendes Licht und Geruch der Natur: „Rand der Steilküste bei Pourville“ von Claude Monet, 1882. | Bild: Staatsgalerie Stuttgart

Und ja, bei Alfred Sisleys Bildern „Winter in Louveciennes“ und „Straße im Schnee“ (beide 1876) folgt ein unbarmherziger Kälteeinbruch, Gänsehaut stellt sich ein, dazu die Erinnerung an die letzte Schlittenfahrt auf der Straße der Geburtsstadt.

Die Impressionisten im ausgehenden 19. Jahrhundert waren nicht nur Künstler, die die Stimmung eines Augenblicks in einem Bild festhalten konnten, sie waren auch Strategen. Viele Erkenntnisse der heutigen Neurobiologen nahmen sie instinktiv vorweg. Angeregt von den Entdeckungen ihrer Zeit setzten sie farbige Pinselstriche so nebeneinander, dass sie im Auge der Betrachter die gewünschte einnehmende Wirkung erzielten. Dank der Erfindung, Farbe in Tuben haltbar zu machen, konnten sie ihre Ateliers verlassen und „vor Ort“ malen. Darauf weist Christine Lange im Katalog ausdrücklich hin.

Claude Monet: „Rand der Steilküste bei Pourville“, 1882.
Claude Monet: „Rand der Steilküste bei Pourville“, 1882. | Bild: Staatsgalerie Stuttgart

Keine Lampe kann mit dem Tageslicht konkurrieren. Unsere limitierte Sehkraft kann aber das gesamte Spektrum des Lichts nicht erfassen. Dafür hat unsere Haut ebenfalls viele Rezeptoren. Auf diese Weise spüren wir nicht nur die Wärme des Lichts, sondern fühlen auch mit geschlossen Augen, ob es Tag oder Nacht ist.

Daher erstaunt es nicht, dass Malerei in der Natur, en plein air, etwas radikal Neues hervorbrachte: Flirrende Sommerwiesen, in denen stolze Frauen mit Sonnenschirmen flanieren und man glaubt, Grillen zirpen und Bienen summen zu hören (Claude Monet: „Felder im Frühling“, 1887), das ewige Rauschen eines Flusses in einer bukolischen Landschaft (Camille Pissarro: „Pontoise, Die Ufer der Oise“, 1872) oder den prasselnden Regen (auch von Pissaro: „Rouen, Platz der Republik bei Regen“, 1883).

Die Impressionisten haben mit solchen Szenen nicht nur die Moderne in der Kunst eingeläutet, sondern zugleich den historischen Ballast über Bord geworfen, der noch in der Historienmalerei der Salons vorherrschte. Dass sich die Kritiker zunächst über sie lustig machten, ist eine ebenso lustige Fußnote der Geschichte. So meinte Louis Leroy über Monets berühmtes Gemälde „Impression soleil levant“, das 1874 auf der ersten Impressionisten-Ausstellung in Paris gezeigt wurde: „Eine Tapete im Embryonalstadium ist weiter ausgearbeitet als diese Bild“. Voll daneben.

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„Warum also nicht einmal den Impressionismus auf seine sinnliche Wirkung hinterfragen?“, fragt die Direktorin der Staatsgalerie Lange. Darauf kann es nur die eine Antwort geben: Nur zu!

„Mit allen Sinnen. Französischer Impressionismus“. Bis 4. Juli in der Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer Straße 30-32. Öffnungszeiten: 10-17 Uhr, Do bis 20 Uhr, Mo geschlossen. Katalog 24,90 Euro. Weitere Informationen: http://www.staatsgalerie.de