Beethoven war Naturliebhaber. Den Beweis liefert seine 6. Sinfonie, die sogenannte „Pastorale“, ein in Töne gegossener Rückzugsort auf dem Lande. Im Beethovenjahr 2020 machte ein weltumspannendes „Pastorale-Projekt“ das Werk gar zu einer Art Klima-Sinfonie. Doch ob Beethoven beim Komponieren von Bachgeplätscher und Gewittergrollen die Klimaerwärmung vorhergesehen hat, darf doch eher bezweifelt werden. Auch wenn zu seiner Zeit die Industrialisierung bereits ihren Anfang nahm und mit ihr die Umweltbelastung, so scheint die Idee, der Mensch könnte mit seinem Verhalten Einfluss auf das Klima nehmen und so die Natur aus ihrer Balance bringen, Beethoven doch recht ferne gelegen zu haben. Sein Bach tritt nirgends wie die Ahr aus dem Flussbett, und das Gewitter ist zwar ein Naturereignis, dem der Mensch mit Demut begegnen sollte, aber keines, auf das er Einfluss nimmt. Die „Pastorale“ ist so gesehen vor allem ein Idyll, die Beschreibung eines ausbalancierten Idealzustands von Mensch und Natur.

Alte weiße Männer

Kritischer war da schon der Komponist Leos Janacek, der in seiner Oper „Das schlaue Füchslein“ einige leicht frustrierte Exemplare der Gattung Mensch vorführte – heute würde man vielleicht von alten, weißen Männern sprechen -, die die Natur- bzw. Tierwelt zwar zu beherrschen versuchen, letztlich aber mit deren Gabe der Selbsterhaltung und Erneuerung nicht mithalten können.

Gabriel Venzago gab seinen Einstand als Chefdirigent der Südwestdeutschen Philharmonie. Bild: Nikolaj Lund
Gabriel Venzago gab seinen Einstand als Chefdirigent der Südwestdeutschen Philharmonie. Bild: Nikolaj Lund | Bild: Nikolaj Lund

Die Suite zu dieser Oper war jetzt zusammen mit Beethovens „Pastorale“ und Claude Debussys „Prélude à l‘après-midi d‘un faune“ im Abokonzert der Südwestdeutschen Philharmonie zu hören – ein schön komponiertes Programm, das unter dem Titel „Ungezügelte Natur“ stand und von Gabriel Venzago dirigiert wurde. Der gab damit seinen Einstand als neuer Chefdirigent – auch wenn er ganz offiziell erst ab 2023 diese Position innehat – und punktete bereits mit seiner publikumsnahen Art: Zwischen den einzelnen Sätzen von Janaceks Suite griff er nämlich immer wieder zum Mikro, um den Fortgang der Geschichte zu erzählen – beziehungsweise seine eigene Interpretation davon, wie er ausdrücklich anmerkte. Und diese Interpretation steckte voller Tierlaute – Insektensummen, Hühnergackern und Hundegebell -, die Venzago mit dem Orchester sodann wunderbar in Szene setzte. Und auch wenn er so vor allem auf die harmlose Oberfläche des Stücks aufmerksam machte, war diese Form der Musikvermittlung doch eine gelungene Bereicherung und Hörhilfe für das gespannt lauschende Publikum.

Ein Bach, aus dem Kühe trinken

Wie viel Naturlaut darf in der Musik sein? Die Tonmalerei war schon lang vor Beethoven eine beliebte Spielerei, doch als vordergründiges Geplänkel wollte Beethoven seine Musik ja gerade nicht verstanden wissen. Daher gab er der „Pastorale“ die berühmt gewordene Erklärung mit: „Mehr Ausdruck der Empfindung als Mahlerey“. Ob die „Mahlerey“ beim Hören dominiert oder nicht, ist jedoch auch eine Frage der Perspektive. Claude Debussy jedenfalls vernahm trotz allem eine „sinnlose Nachahmerei“ und verspottete insbesondere die „Szene am Bach“ – einem Bach, „aus dem allen Anschein nach die Kühe trinken“. Ein böser Vorwurf, den man Debussy nur deswegen zu verzeihen bereit ist, weil er mit dem „Prélude à l‘après-midi d‘un faune“ seinerseits ein Naturstück schrieb, das tatsächlich jeglicher „Nachahmerei“ unverdächtig ist. Die Natur, der er hier nachspürt, ist die der Erotik, und er zeigt sie in flirrenden Klängen und Farben. Stimmung statt Malerei, könnte man sagen.

Musik, die sich räkelt

Diese Stimmung einzufangen und im Konzertsaal wieder freizusetzen, ist gar nicht so leicht. Schon das einleitende Flötensolo entscheidet darüber, ob das Parfüm zu duften beginnt. Es ist ein heikler Start, doch die Solo-Flötistin Constance Sannier meistert ihn souverän, gibt ihm Präsenz in der Zurückhaltung, einen schwebenden und doch definierten Charakter. Und hieraus entwickelt Venzago mit dem Orchester nun behutsam das komplette Stimmungsbild von dem Nachmittag des antiken Fabelwesens Faun, der sich den erotischen Phantasien mit zwei Nymphen hingibt. Die Holzbläser lösen sich hier ab wie Traumbilder, es ist eine Musik, die sich verführerisch räkelt, die zwischen Realität und Illusion changiert. Und mit der Venzago zeigt, welche feinen, duftigen Klangnuancen in dem Orchester stecken.

Die Furcht ist einkomponiert

Deutlich geerdeter, menschlicher sozusagen, geht es dann an Beethovens „Pastorale“. Venzago wählt ein zügiges Tempo, das das „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ (so die Bezeichnung des 1. Satzes) bald zu ausgelassenem Jubilieren werden lässt. Und doch gelingt es ihm, den Überschwang immer wieder elegant einzuhegen. Die Dynamik bleibt immer flexibel, die Musik dadurch gelenkig und – um beim Thema zu bleiben – natürlich.

Die „Szene am Bach“ ist mit ihrem 12/8-Takt die eigentliche Pastorale innerhalb der Sinfonie und auch Venzago lässt sie friedlich dahin plätschern, von stinkenden Kühen keine Spur. Beim „lustigen Zusammensein der Landleute“ mitsamt Dorfkapelle zieht das Tempo wieder an, die scherzohafte Karikatur wird aber nie bösartig. Beeindruckend dann das Gewitter mit zuckenden Blitzen und Donnergrollen. Die Furcht des Menschen vor dem Naturereignis scheint hier bereits einkomponiert und Venzago bringt sie schön zur Geltung, bis sich die „Empfindungen“ im letzten Satz wieder beruhigen. Insgesamt: eine Pastorale ohne jede Betulichkeit, angekommen im 21. Jahrhundert.

Ein Blumenstrauß fürs Publikum

Und noch eine ungewöhnliche Geste zum Schluss: Während viele Dirigenten den Blumenstrauß, den sie als Dankeschön überreicht bekommen, an eine Dame im Orchester weitergeben, warf Venzago ihn mit großem Schwung ins Publikum, als wolle er sagen: Auch ihr habt euren Anteil am Gelingen des Konzerts! Was auch insofern zutraf, als sich mit der Wiederaufnahme der Abonnements das Konstanzer Konzil quasi wie auf Knopfdruck wieder gefüllt hatte. Die Coronabeschränkungen sind weg, der neue Dirigent ist da.

Weitere Aufführungen: Freitag, 7.10., 19.30 Uhr, Konstanzer Konzil; Sonntag, Dienstag, 11. Oktober, 19.30 Uhr, Milchwerk Radolfzell