Museen bewahren die Vergangenheit? Das kommt durchaus vor. Allerdings ist es oft reiner Zufall, welche Objekte den Zahn der Zeit überleben. Zuweilen müssen altehrwürdige Traditionen und Geschichten, die zu den Exponaten passen, erst noch erfunden werden.

Wie Erinnerung fabriziert wird und was sich hinter den Kulissen eines Museums abspielt, zeigt in Vorarlberg eine Ausstellung zu „Geschichte, Gegenwart und Zukunft jüdischer Museen“, die das Jüdische Museum Hohenems in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Völkerkundemuseum gestaltet hat.

Ketubba (ju?discher Hochzeitsvertrag), Marokko, JMH.
Ketubba (ju?discher Hochzeitsvertrag), Marokko, JMH. | Bild: Dietmar Walser

Das erste jüdische Museum der Welt wurde 1895 in Wien eröffnet. Ähnlich wie bei den „Nationalmuseen“, die zur gleichen Zeit in der Schweiz, Japan und anderswo entstanden, war ziemlich unklar, was es eigentlich ausstellen sollte.

Von Anfang an war umstritten, was „jüdisch“ sein soll: eine Religion, ein Volk, eine Sprache, das Land Israel, vielleicht gar eine biologische Rasse? Wie die christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft war auch die jüdische Gemeinde Wiens, die das Museum gründete, durch Verweltlichung und Verstädterung verunsichert und uneins – wollte aber ihre Kultur behaupten.

Eine in Wien mit Ritualobjekten und Haushaltsgegenständen eingerichtete „Gute Stube“ wurde dann als Schabbat-Zimmer zum Vorbild für viele weitere Museen. Stilbildend wurde auch die nostalgische Verklärung des Schtetls zum quasi natürlichen jüdischen Habitat.

In Wirklichkeit waren viele Juden aus armen und beengten Siedlungen in Osteuropa nur zu gern in Großstädte wie Wien gezogen, sobald sie Bürgerrechte, Berufs- und Bewegungsfreiheit bekamen.

In Ausstellungen zum Judentum landen bis heute immer wieder Gegenstände, die jüdisch aussehen, aber nichts damit zu tun haben. Nicht jeder Stern aus zwei Dreiecken ist ein Davidstern: Das Hexagramm war einst ein Schutzzeichen gegen Feuer – und auch auf nichtjüdischen Lampen oder Bügeleisen verbreitet.

Ganz unmosaisch sind die in Süddeutschland und der Schweiz anzutreffenden Biersterne: Das alte Zunftzeichen der Brauer und Mälzer weist den Weg zum Bier, nicht zur Synagoge.

Flasche Flasche (Purim), mit Bemalung, musizierende Juden darstellend; Jüdisches Museum Hohenems.
Flasche Flasche (Purim), mit Bemalung, musizierende Juden darstellend; Jüdisches Museum Hohenems. | Bild: Dietmar Walser

Im Gefolge von Museen und Weltausstellungen entwickelte sich ein florierender Markt für Antiquitäten und Sammlerstücke. Fehlende Kundenorientierung kann man den Fälschern von Judaica nicht vorwerfen.

Wenn gerade die italienische Renaissance beliebt ist, werden dem Bayerischen Nationalmuseum nagelneue „jüdische Hochzeitsringe, Italien 1650“ verkauft. Besonders blamierte sich das Berliner Kultusministerium, als es für teures Geld gefälschte archäologische Fundstücke aus dem alten Israel ankaufte.

„Schon immer kritisch mit uns selbst beschäftigt“

Ab den 1980er-Jahren setzte eine zweite Welle jüdischer Museen ein, meist von nichtjüdischen Gründern. Heute gibt es weltweit mehr als 120 jüdische Museen, mit höchst unterschiedlicher Ausrichtung.

Die Hohenemser Ausstellung behandelt, welche Schwierigkeiten sie mit der Darstellung des Holocausts haben, mit Nazi-Memorabilien, aber auch mit politischer Einmischung und „blinden Flecken“, beispielsweise Arabern in Israel.

Während bei ethnografischen Museen die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und der kolonialen Herkunft der Sammlungen erst am Anfang stehe, habe das Jüdische Museum Hohenems noch nie Probleme gehabt, auch unbequeme Themen aufzugreifen, sagt Museumsdirektor Hanno Loewy: „Wir haben uns immer schon kritisch mit uns selbst beschäftigt.“

„‘Ausgestopfte Juden?‘ Geschichte, Gegenwart und Zukunft jüdischer Museen“, bis 19. März 2023 im Jüdischen Museum Hohenems. Infos: http://www.jm-hohenems.at