Zwei Jahre lang waren die Abos wegen Corona ausgesetzt. Jetzt geht es wieder weiter. Genauer gesagt am 23. und 25. September. Dann startet die Südwestdeutsche Philharmonie unter der Leitung ihres Ersten Gastdirigenten Marcus Bosch im Konstanzer Konzil in die neue Saison. Auf dem Programm stehen Hector Berlioz‘ überaus beliebte „Symphonie fantastique“ sowie das Cello-Konzert von Mieczyslaw Weinberg.

Der von den Nazis verfolgte und daher in Vergessenheit geratene polnisch-jüdische Komponist erlebte in den letzten Jahren eine beachtliche Renaissance. Im Philharmoniekonzert war vor wenigen Monaten erst sein Violinkonzert zu hören (mit Linus Roth als Solist). Im Cellokonzert übernimmt der bereits mit vielen Preisen geehrte Cellist Maximilian Hornung den Solopart.

Intendantin Pijanka setzt auf Publikumslieblinge

Es ist das zweite Saisonprogramm, das Intendantin Insa Pijanka inhaltlich alleine verantwortet. Es ist geprägt von vielen klassischen Publikumslieblingen wie Beethovens „Pastorale“, Mendelssohns „Italienische“, Mozarts „Prager“, Brahms‘ 2. Symphonie oder Strawinskys „Petrouschka“-Suite – gewissermaßen ein Verwöhnprogramm für das konzertentwöhnte Publikum, das nun gerne wieder das Ritual des Abo-Konzerts aufgreifen darf.

Auch die Handschrift der Intendantin ist zu erkennen – Werke von Dmitri Schostakowitsch, Richard Strauss und Gustav Mahler dürfen da einfach nicht fehlen. Besonders das März-Programm sticht hier hervor, das ausschließlich Gustav Mahlers 5. Symphonie gewidmet ist – das ist die mit dem berühmten Adagietto (welches separat bereits in der vergangenen Saison erklang) und mit dem markanten Trompeten-Solo, das das 80-minütige Schwergewicht eröffnet.

Dass Pijanka den Konzertabend „Liebeserklärung“ genannt hat, spricht für sich (Termine: 24., 26. und 29. März in Konstanz; 28. März Radolfzell). Dirigiert werden die Abende von dem erst 27-jährigen Österreicher Emmanuel Tjeknavorian, der schon als Geiger auf sich aufmerksam gemacht hat und der sich jetzt mehr und mehr aufs Dirigieren verlegt.

Ein alter Bekannter, aber nicht der neue Chef: Marcus Bosch hat bereits in der Vergangenheit die Südwestdeutsche Philharmonie geleitet. ...
Ein alter Bekannter, aber nicht der neue Chef: Marcus Bosch hat bereits in der Vergangenheit die Südwestdeutsche Philharmonie geleitet. In der kommenden Spielzeit dirigiert er Bruckners Symphonie Nr. 5. Bild: Martin Goffing | Bild: Nikolaj Lund

Apropos junge Talente: Die Südwestdeutsche Philharmonie hat mit Gabriel Venzago einen neuen Chefdirigenten, der sich als junge Begabung bereits einen Namen gemacht hat. Er ist erst 32 Jahre alt und derzeit noch als 1. Kapellmeister am Landestheater in Salzburg angestellt. Der Schritt nach Konstanz ist ein logischer Karriereschritt.

Erstmals kann er nun einen Posten als Chefdirigent bekleiden und das Musikleben in der Stadt mitgestalten. Anders als sein Vorgänger, der sich nach dem Geschmack vieler außerhalb seiner Konzertverpflichtungen zu wenig vor Ort blicken ließ, will Venzago Konstanz zu seinem Lebensmittelpunkt machen und sich entsprechend einbringen. Offiziell tritt er seine Stelle am 1. Januar 2023 an, er wird aber bereits die Oktober-Konzerte dirigieren.

Im SÜDKURIER-Interview gab Venzago an, künftig einen Schwerpunkt auf die Klassik, vor allem auf Beethoven und Mozart legen zu wollen. Da passt es gut, dass er im Oktober gleich Beethovens „Pastorale“ dirigiert. Hinzu kommen Debussys Prélude à „L‘après-midi d‘un faune“ sowie Leos Janaceks Suite aus der Oper „Das schlaue Füchslein“. Auch das passt zu dem musiktheatererprobten Venzago (Termine: 5. und 7. Oktober in Konstanz; 11. Oktober in Radolfzell).

Solisten mit eigenem Programm

Im neuen Jahr übernimmt er drei weitere Programme der insgesamt zehn Philharmonischen Konzerte – und hat dabei Gelegenheit, seine stilistische Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen. Die Januar-Konzerte kombinieren Schostakowitschs 5. Symphonie (die quasi erzwungene Versöhnung des Komponisten mit der sowjetischen Zensur) mit Werken der Amerikaner George Gershwin und Aaron Copland. Im Klarinettenkonzert des Letzteren ist David Orlowsky als Solist zu hören. Er ist vielen als Klezmerklarinettist bekannt. (Termine: 13., 15. und 18. Januar, Konstanz)

David Orlowsky ist als Klezmer-Musiker bekannt geworden. Mit der Philharmonie spielt der das Klarinettenkonzert von Aaron Copland. Bild: ...
David Orlowsky ist als Klezmer-Musiker bekannt geworden. Mit der Philharmonie spielt der das Klarinettenkonzert von Aaron Copland. Bild: Kaupo Kikkas | Bild: Leo-Tippbilder

Im Februar dirigiert Venzago „Very British“ mit Benjamin Brittens „Simple Symphony“, Haydns „Londoner“ sowie Beethovens 5. Klavierkonzert, das den Beinamen „Emperor“ trägt (Klavier: Antonio Chen Guang). Termine: 24. und 26. Februar in Konstanz. Im April folgen zwei spätromantische Schwergewichte: Antonin Dvoraks Cellokonzert (Solist: Emanuel Graf) sowie Johannes Brahms‘ 2. Symphonie.

Gabriel Venzago übernimmt auch die Neujahrskonzerte, die als Operettengala mit Werken von Johann Strauß (Sohn), Paul Abraham, Emmerich Kalman, Franz Lehár und anderen gestaltet sind und von Insa Pijanka moderiert werden.

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Überhaupt lohnt ein Blick auf die sogenannten „Sonderkonzerte“, die Gelegenheit bieten, neue Formate auszuprobieren, die so nicht in die Abo-Reihe der Philharmonischen Konzerte passen würden. Dazu zählt etwa die Bruckner-Reihe unter Leitung von Marcus Bosch im Konstanzer Münster, die am 5. Mai mit der 7. Symphonie fortgesetzt wird.

Neu ist das Format #takeover. Unter diesem Motto lädt die Philharmonie nun ein Mal pro Saison einen außergewöhnlichen Solisten dazu ein, ein eigenes Programm zu kuratieren und mit dem Orchester ohne Dirigenten zu erarbeiten. Das ist im ersten Jahr der Geiger und Bratscher Lawrence Power. Sein Programm, das am 10. April im Konstanzer Inselhotel zu hören ist, trägt den Titel „Story“ und wird Power zufolge so unterschiedliche Komponisten wie Monteverdi, Biber, John Cage und Schubert „zu Wort kommen“ lassen.

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Weitere Sonderkonzerte sind ein „Tag der alten Musik“ mit einem Countertenor zum Thema „Carneval di Venezia“ (Leitung: Jörg Halubek) am 4. Februar im Inselhotel, ein weiteres Crossover-Konzert mit Hits aus den Siebzigern von The Doors, Deep Purple, Beatles, Led Zeppelin und anderen mehr (1. Juli, Bodenseeforum).

Ein Experiment ist die Zusammenführung der Südwestdeutschen Philharmonie und dem Sinfonie Orchester Biel Solothurn zu einem Konzert mit dem Titel „Monumental“. Auf dem Programm stehen Debussys „La Mer“ sowie Richard Strauss‘ „Alpensinfonie“ (Leitung: Yannis Pouspourikas). Das Programm wird allerdings nur in Friedrichshafen aufgeführt (11. Juni im GZH) – das Konstanzer Konzil wäre da überfordert.

Für die kleinen, aber feinen Konzertmomente sorgt wie immer die Kammermusikreihe, in der sich Musiker und Musikerinnen der Philharmonie in eigenen Formationen und als Spezialisten für Musik der Renaissance bis hin zur Gegenwart zeigen. Die EduArt-Reihe mit Angeboten für Kinder, Familien und Bildungseinrichtungen runden das Saisonangebot ab.

Informationen zu Programm und Tickets: http://www.philharmonie-konstanz.de