Ferdinand von Schirach war 15, als er versuchte, sich das Leben zu nehmen. Aus dem Waffenschrank des Vaters stahl er eine Schrotflinte und trank sich ordentlich Mut an. Am nächsten Morgen fanden die Gärtner ihn in seinem Erbrochenen, die Flinte im Arm. „Er war so betrunken, dass er keine Patrone eingelegt hatte“, schreibt er in seinem Bestseller „Kaffee und Zigaretten“ (2019).

Wer darf über unseren Tod entscheiden?

Später als Strafverteidiger wurde der Enkel des Reichsgauleiters Baldur von Schirach häufig mit dem Thema Suizid und Sterbehilfe konfrontiert. In seinem neuen Theaterstück „Gott“, das am 10. September in einer Doppelpremiere in Düsseldorf und Berlin uraufgeführt wurde, stellt er seinem Publikum jetzt die Frage, wem unser Leben gehört und wer über unseren Tod entscheiden darf. Am Montag (20.15 Uhr) ist das Werk nun auch als Verfilmung in der ARD zu sehen.

Anlass für den Zweiakter war ein im Februar 2020 gesprochenes Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, das in der Corona-Krise etwas untergegangen ist. Es kippt den bisher gültigen Paragrafen 217 und gibt den Bürgern die Freiheit, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe dritter zurückzugreifen.

Dem Arzt bleibt es dabei überlassen, ob er die Hilfeleistung gewährt und dem Betroffenen die tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital verschreibt, oder nicht. In von Schirachs Stück debattiert nun die Deutsche Ethikkommission über diese moralische Problemstellung. Wie in einem Gerichtssaal treten nacheinander Vertreter des Ethikrates, der Medizin, der Jurisprudenz und ein Bischoff auf und führen ihre Argumente ins Feld.

Sie sitzen zu Gericht – am Montagabend in der ARD (von links nach rechts): Christiane Paul in der Rolle der rechtlichen Sachverständigen Litten, Ina Weisse als Mitarbeiterin des Ethikrates Keller, Anna Maria Mühe (Augenärztin Brandt), Matthias Habich (Richard Gärtner), Ulrich Matthes (Bischof Thiel), Barbara Auer (Vorsitzende), Lars Eidinger (Rechtsanwalt) und Götz Schubert (Medizinischer Sachverständiger Sperling).
Sie sitzen zu Gericht – am Montagabend in der ARD (von links nach rechts): Christiane Paul in der Rolle der rechtlichen Sachverständigen Litten, Ina Weisse als Mitarbeiterin des Ethikrates Keller, Anna Maria Mühe (Augenärztin Brandt), Matthias Habich (Richard Gärtner), Ulrich Matthes (Bischof Thiel), Barbara Auer (Vorsitzende), Lars Eidinger (Rechtsanwalt) und Götz Schubert (Medizinischer Sachverständiger Sperling). | Bild: Julia Terjung

Verhandelt wird der Fall des 78-jährigen Richard Gärtner, der nach dem Tod seiner Ehefrau Elisabeth, mit der er 42 Jahre zusammenlebte, keinen Sinn mehr sieht. Obwohl gesund, will der ehemalige Architekt ein Architekt seines eigenen Lebens bleiben, sich selbstbestimmt das Leben nehmen und dafür nicht in die Schweiz reisen, sondern ein Exempel statuieren.

Ferdinand von Schirachs Stück stellt die Fragen der aktuellen Debatte: Ob ein Arzt, der dem Eid des Hippokrates verpflichtet ist und eigentlich Leben erhalten soll, Sterbehilfe leisten kann, ohne damit das fragile Vertrauensverhältnis zu seinen Patienten zu beschädigen? Ob eine 18-Jährige, die Liebeskummer hat, das gleiche Recht haben soll, aus dem Leben zu gehen, wie ein sterbenskranker Alter? Und ob man in Deutschland, weil die Nazis in Europa 300.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen euthanisiert haben, erneut eine Debatte über „unwertes Leben“ anstimmen wolle?

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Ferdinand von Schirachs Stück, dem im Buch Aufsätze der Ethikprofessoren Bettina Schöne-Seifert und Hartmut Kreß sowie des Juristen Henning Rosenau zur Seite gestellt werden, schiebt die Debatte an, die jetzt nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts nötig sein wird, keine Frage. Darin besteht von Schirachs Verdienst. Zumal er als Bestsellerautor die Aufmerksamkeit der Medien besitzt und das Problem in der Öffentlichkeit diskutieren kann wie gerade bei Markus Lanz geschehen.

Ästhetisch enttäuschend

Allerdings leistet das Stück auch nicht viel mehr als der Fernsehauftritt. Ästhetisch gesehen enttäuscht es ebenso wie die dokumentarischen Theaterstücke von Rolf Hochhuth, Heinar Kipphardt oder Hans Magnus Enzensberger in den 60er und 70er Jahren das getan haben.

Die Figuren sind identisch mit ihren Rollen und agieren nur als Lautsprecher, die Thesen und Fakten loswerden, eine dramaturgische Entwicklung existiert nicht, und die Sprache ist sachlich und reduziert, wie man das von Ferdinand von Schirach kennt. Fast möchte man böse anmerken: Das kommt dabei heraus, wenn Juristen Theater machen.

Schon bei seinem letzten Stück „Terror“ (2015) verwechselte der 1964 in München geborene Ferdinand von Schirach den Gerichtssaal mit der Bühne. Musste sich darin ein Kampfpilot für den Abschuss einer Passagiermaschine verantworten, mit dem er einen Anschlag verhindern wollte, so erinnert auch die Sitzung der Ethikkommission stark an eine Gerichtsverhandlung.

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Wie damals beweist Ferdinand von Schirach ein feines Gespür für aktuelle Themen. Das ist das Geheimnis seines Erfolges. Mit seinen kriminalistischen Fallgeschichten („Verbrechen“, 2009; „Schuld“, 2010) hat er sich ein großes Publikum erschrieben. Er liefert das, was die Leute lesen wollen. Das Theater aber kann eigentlich mehr.

Ferdinand von Schirach: Gott. Ein Theaterstück. Luchterhand, 160 Seiten, 18 Euro. Die ARD hat das Stück bereits verfilmt. Ausstrahlungstermin: Montag, 23. November, 20.15 Uhr.

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