Was macht eine Intendantin, wenn das Orchester nicht spielt?

Sie arbeitet (lacht). Ganz haben die Berliner Philharmoniker ihre Aktivitäten aber auch nicht eingestellt. Es waren immer Musiker im Haus. Seit unserem Europakonzert am 1. Mai haben wir etliche Produktionen für die Digital Concert Hall gemacht, drei davon mit unserem Chefdirigenten Kirill Petrenko. Aber natürlich ist meine Lernkurve seit März stark angestiegen.

In welchem Bereich?

Krisenmanagement. Wir mussten den Dialog mit unserem Publikum und mit unseren Mietern führen. Und bewegten uns dabei in der Anfangszeit auf unsicherem Terrain, weil fast jede Woche eine neue Pandemieverordnung erschien. Dann wurden die Osterfestspiele Baden-Baden und die große Europa-Tournee und die Konzerte in Israel abgesagt. Auch das aufwändige Projekt mit Gustavo Dudamel bei den olympischen Spielen in Japan wurde gecancelt.

Es gab in den letzten Monaten viele unangenehme Dinge zu klären: Wie löst man Verträge auf? Wie bekommt man seine Gelder zurück? Wir haben die längste Spielpause in der gesamten Geschichte des Orchesters seit der Gründung 1882. Weder in den beiden Weltkriegen noch in der Zeit der Spanischen Grippe hat das Orchester länger pausiert.

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Ist das Orchester derzeit in Kurzarbeit?

Ja – von Anfang April bis Ende August. Angesichts unserer riesigen Defizite eine wichtige Maßnahme, um Kosten zu sparen.

Mitten im Lockdown kam die Meldung, dass die Zusammenarbeit der Berliner Philharmoniker mit dem Festspielhaus Baden-Baden bei den Osterfestspielen auch nach 2022 weitergehen wird. Zuvor gab es starke Gerüchte, das Orchester gehe wieder zurück nach Salzburg.

In den Medien wurde das Thema stark diskutiert, intern allerdings nicht. Das Orchester ist schon längst in Baden-Baden angekommen. Wir haben programmatisch viel mehr Möglichkeiten als früher in Salzburg. Die Residenz ist über die Jahre gewachsen. Die Zukunft möchten wir mit einer klaren Perspektive planen. Es ist natürlich ein Jammer, dass dieses Jahr die Osterfestspiele ausfielen. Wir hatten uns so auf den „Fidelio“ mit Kirill Petrenko und das ganze Festival gefreut.

Das Programm der nächsten Saison stellten Sie am 20. April in einem Video in der leeren Philharmonie vor. Es soll mit der Biennale ein großes neues Festival geben und viel russisches, groß besetztes Repertoire. Ich habe mich darüber gewundert, dass es ein normaler Spielplan geworden ist ohne jede Einschränkungen. Haben Sie einen Plan B in der Tasche?

Damals war der Blick auf die Saison zugegeben noch sehr optimistisch. Natürlich arbeiten wir mit verschiedenen Szenarien, aber hoffen darauf, dass wir im August mit unserem geplanten Programm beginnen können – und auch mit möglichst viel Publikum. Das würde aber bedeuten, dass die gegenwärtigen Abstandsregeln fallen müssten.

In Österreich spielen die Orchester mit einem Mindestabstand von nur einem Meter. Die Wiener Philharmoniker spielen ohne Abstand mit Corona-Tests für das ganze Orchester. Wir sind hier natürlich mit vielen intensiv im Gespräch – auch mit Fachleuten. Wir haben ja selbst eine Studie bei der Charité in Auftrag gegeben, die die Aerosolbildung bei Bläsern untersuchte. Wir können nicht verstehen, dass Wirtschaftszweige wie Tourismus oder Gastronomie ganz anders behandelt werden als Musikveranstalter. Dass Konzerthäuser gefährlicher sein sollen als Gaststätten, kann mir nicht einleuchten.

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Der Sänger Michael Volle hat ein Foto getwittert, welches das bis auf den letzten Platz besetzte Flugzeug auf dem Flug zu seinem Konzert im Opernhaus Wiesbaden zeigt. Und danach ein Foto aus dem spärlich gefüllten Zuschauerraum – mehr Personen seien nicht erlaubt gewesen.

Das bringt es auf den Punkt. Warum gibt es beispielsweise für die Bahn und das Flugzeug Freigaben und für uns so harte Auflagen? Auf der Basis der jetzigen Vorschriften in fast allen Bundesländern kann man die Konzerthäuser nur zu rund 20 Prozent besetzen. Das ist weder für das Publikum noch für das Orchester ein schönes Erlebnis. Wirtschaftlich kann sich das natürlich nicht tragen. Wir müssen eine gute Mischung finden, mutig voranzugehen und trotzdem verantwortungsbewusst zu handeln.

Vom Orchester gibt es keine vorsichtigen Stimmen?

Unsere Orchestermitglieder wollen spielen. Es ist eher schwierig zu vermitteln, warum ihre Kollegen in Österreich auf die Bühne dürfen und wir hier nicht.

Bei den Salzburger Festspielen werden die Berliner Philharmoniker aber auftreten. Halten Sie sich dort an die lockeren österreichischen Vorgaben?

Nein. Wir sind dazu angehalten, auch in Österreich die deutschen Abstandsregeln umzusetzen, weil wir hier versichert und angestellt sind. Ich hoffe aber, dass wir bis zum 25. August auf einem anderen Stand sind. Die Schulen werden in Berlin nach den Ferien ohne Abstandsregeln geöffnet. Das ist für uns ein gutes Signal.

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Wird das Publikum kommen, wenn es wieder möglich ist? Der große Teil davon gehört zur vielzitierten Risikogruppe.

Ein Selbstläufer wird es auf jeden Fall nicht – das zeigen die ersten Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen.

Ist das die bislang größte berufliche Herausforderung Ihres Lebens?

Ja, das würde ich schon sagen. Mich beschäftigt am meisten, wie wir alle als Kulturschaffende für mehr Aufmerksamkeit sorgen können und unsere gesellschaftliche Relevanz anerkannt wird. Wir müssen in Zukunft viel mehr für unsere Interessen sorgen und auch lauter sein.