Frau Paluch, die Titelheldin Ihres Romans begibt sich auf eine Bergwanderung. Wandern sei kein Flanieren, sagt die Kulturwissenschaftlerin Rebecca Solnit in Ihrem Buch „Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens“. Was schätzen Sie selbst am Wandern?

Ich persönlich habe mit Wandern nicht allzu viel zu tun. Auch meine Protagonistin im Buch kennt das Wandern eigentlich nicht. Sie macht das zum ersten Mal, stürzt sich in ein Abenteuer und geht ins Hochgebirge. Einen Gipfel zu besteigen ist auch ein schönes Bild dafür, etwas zu vollbringen, das sie noch nie bewältigt hat. Und nicht zu ahnen, dass sie sich auch in Gefahr begibt.

Der Aufstieg Ihrer Roman-Heldin zum Gipfel ist begleitet von einem inneren Dialog über ihr bisheriges Leben. Das erinnert an eine Pilgerwanderung…

Mit dem Pilgern kenne ich mich nicht aus. Aber ich weiß, dass das viele Menschen machen. Mein Eindruck ist: Ein Pilger sucht eher das Gemeinschaftliche. In meinem Buch geht es eher um Einsamkeit.

Ihre Heldin stellt sich nach Jahren der Erziehungsarbeit die Frage nach dem weiteren Lebensweg. Wie war das bei Ihnen, als der letzte Ihrer vier Söhne das Haus verlassen hat?

Es war ganz still. Und es gab sehr viel Zeit. Das ist ein schleichender Prozess. Es zeichnete sich ja vorher schon ab, mit dem Erwachsenwerden der Kinder, dass man weniger Betreuungszeit braucht. Und obwohl das alles absehbar ist, und alle wissen, dass es einmal so kommt, ist der Auszug dann doch eine starke Umstellung für beide Elternteile – für die Frau und den Mann. Und beide Geschlechter gehen damit unterschiedlich um. Das erlebe ich auch in meinem Bekanntenkreis.

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Männer suchen in der Krise der Lebensmitte oft nach neuen Bestätigungen. Wie gehen Frauen mit der Empty-Nest-Phase um?

Meine Beobachtung ist: Mütter werden cooler und stärker, Väter werden unsicherer. Es passiert auf jeden Fall etwas, und es ist schwierig, mit diesen Wechseljahren gemeinsam klarzukommen. Männer fangen mit vierzig an, Marathon zu laufen und mit fünfzig steigen sie um aufs Fahrrad, weil die Knie nicht mehr wollen. Oder sie gründen eine neue Familie. Das passiert ja auch ganz häufig. Aber mein Buch handelt nicht von Männern.

Wie lässt sich mit dieser plötzlichen Ruhe im Haus umgehen, wenn die Kinder aus dem Haus sind?

Man muss sich im Grunde daran erinnern, wie es war, bevor man Kinder hatte. Und wie viel Zeit man für andere Sachen hatte. Vielleicht auch verplempert hat. Man muss wieder lernen, Zeit mit sich zu verbringen.

Was haben Sie persönlich wiederentdeckt?

Bevor ich Kinder bekommen habe, habe ich mich auf Studium und Promotion gestürzt. Sich mit einer Sache befassen zu können, ohne abgelenkt zu werden, das ist echter Luxus. Jetzt sitze ich am Schreibtisch und denke die ganze Zeit, gleich braucht irgendwer irgendwas. Aber das passiert nicht. Ich kann mich wieder ganz auf eine Sache fokussieren.

Andrea Paluch: „Gipfelgespräch“, Roman, Ellert & Richter Verlag: 2021, 160 Seiten, 20 Euro.
Andrea Paluch: „Gipfelgespräch“, Roman, Ellert & Richter Verlag: 2021, 160 Seiten, 20 Euro. | Bild: Ellert & Richter Verlag

Die neue Stille hatte in Corona-Zeiten für viele Eltern ein rasches Ende. Selbst die erwachsenen Kinder waren plötzlich wieder zu Hause, weil die Ausbildungsstellen dicht machten, die Universitäten auf Fernunterricht umstellten. Wie war das bei Ihnen?

Das war geschenkte Familienzeit. Aber es war von allen Seiten auch irgendwann genug. Man teilt das Leben nicht mehr. Jeder hat jetzt sein eigenes Leben.

„Gipfelgespräch“ ist ihr neues Buch als Solo-Autorin. Zuvor haben Sie gemeinsam mit Ihrem Mann, Robert Habeck, Bücher geschrieben. Wie ist das, wenn man plötzlich alleine am Schreibtisch sitzt, eine Befreiung?

Eine Befreiung war es überhaupt nicht. Es fehlt vielmehr. Man motiviert sich gegenseitig, spricht die ganze Zeit, lacht, das ist unglaublich lebendig und lustig. Zu zweit zu arbeiten, ist auch unterhaltsamer und kreativer. Unsere Texte, die wir gemeinsam geschrieben haben, waren sehr klangvoll, weil wir die ganze Zeit gesprochen haben. Vielleicht muss ich mir beim Schreiben häufiger vorlesen.

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Ihr Mann ist erst relativ spät in die aktive Politik gewechselt. Hat sich durch seine Karriere der öffentliche Blick auf Sie als Autorin verändert?

Ich habe immer unter meinem Namen geschrieben und kann mich da ganz gut abgrenzen.

Ihrer Roman-Heldin ist die aktive Politik ein wenig suspekt, auch wegen des Streits.

Die Protagonistin stört sich noch an etwas anderem: Es heißt häufig, in der Politik müsse man sich Mehrheiten suchen. Jemandem zu sagen, dass die eigene Meinung die bessere ist, empfindet meine Protagonistin aber als unangemessen und missionierend. Das ist es, was sie von der Politik fernhält.