Die Südwestdeutsche Philharmonie ist auf der Suche nach einem neuen Chefdirigenten oder eine Chefdirigentin. Der Posten an der Spitze ist wichtig, da will die Wahl sorgfältig und gründlich bedacht sein. Als die Berliner Philharmoniker vor einigen Jahren einen neuen Chef wählten, war das ein riesiges Medienereignis, das die Bedeutung dieses Postens ebenfalls nachhaltig unterstrich. Nur – worin eigentlich liegt diese Bedeutung? Der Chefdirigent gibt die inhaltliche Linie des Orchesters vor, er setzt Schwerpunkte im Repertoire, gestaltet das Programm mit und dirigiert eine bestimmte Anzahl der Konzerte selbst. Rechtfertigt das bereits den Kult, der um manche Dirigenten – und nicht nur um Chefdirigenten – gemacht wird? Steht und fällt tatsächlich alles mit dem Mann (und selten mit der Frau), der vorne am Pult steht und den Taktstock schwingt? Oder anders gefragt: Was würde passieren, wenn da einfach mal niemand stünde?

Ein politisches Statement

Die Idee ist nicht ganz so abwegig, wie sie auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag. Auch die Südwestdeutsche Philharmonie hat bereits Erfahrungen mit dirigentenlosen Konzerten – abseits der Saison ohne Chefdirigenten. In solchen Fällen, in denen es keinen Dirigenten gibt, übernehmen die Konzertmeisterin oder der Solist von seinem Instrument aus eine Leitungsposition. Der Pianist Rudolf Buchbinder erarbeitete so mit der Philharmonie Mozart- und Beethoven-Konzerte. Und Kolja Blacher, Violin-Solist und ehemaliger Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, leitete die Südwestdeutsche Philharmonie vom Pult des Konzertmeisters aus in einem Konzert mit Werken von Haydn und Mozart.

Was für die Konstanzer Musiker und Musikerinnen eine Ausnahme ist, haben andere Orchester zum Programm erhoben. Es sind nicht viele, aber es gibt diejenigen, die das Konzertieren ohne Dirigenten zum Prinzip gemacht haben. Dahinter steht keine praxisferne Management-Idee in Zeiten leerer Kassen, sondern der Wunsch nach künstlerischer Eigenverantwortung. Wo sich Musiker nicht auf einen Dirigenten verlassen können, müssen sie besser aufeinander hören. Anstatt der interpretatorischen Linie zu folgen, die ihnen der Dirigent vorgibt, müssen sie sich selbst Gedanken über die Richtung machen, die sie einem Stück geben wollen. Sollen die Blechbläser an dieser Stelle besonders hervorgehoben werden oder nicht? Wie breit sollen die Streicher ihr Ritardando gestalten? Wie leise hat der Komponist das pianissimo gemeint? Die Musiker müssen sich gemeinsam auf eine Interpretation einigen – und sie so verinnerlichen, dass sie im Konzert alle an einem Strang ziehen. Das kann eine schöne Herausforderung sein – ist aber auch ein Risiko. Oder wie es ein Musiker-Witz formuliert: Ein Dirigent ist wie ein Kondom. Mit ist es sicherer – aber ohne macht es mehr Spaß.

Doch es geht nicht nur um den Spaß. Orchester ohne Dirigenten sind auch ein politisches Statement. Wo nur einer das Sagen hat und dessen Meinung nicht hinterfragbar ist, kriegen demokratisch sozialisierte Menschen unter Umständen Bauchweh. Orchester ohne Dirigenten gelten daher häufig auch als basisdemokratisches Experiment. Und es ist gewiss kein Zufall, dass solche Modelle besonders in den 80er-Jahren diskutiert wurden, als man Hierarchien flach zu halten versuchte und Autoritäten gerne hinterfragte. In dieser Zeit entstand beispielsweise das Freiburger Barockorchester, das meist ohne Dirigenten spielt, aber eine Doppelspitze aus zwei gleichberechtigten künstlerischen Leitern hat. Diese leiten die Proben und Konzerte vom Pult des Konzertmeisters aus. Auch für die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen war die musikalische Selbstbestimmung ein wichtiger Antrieb für die Gründung 1980. Auch wenn das Orchester nicht unbedingt ohne Dirigenten arbeitet, so werden wichtige musikalische Angelegenheiten doch demokratisch von allen Musikern entschieden.

Der Beruf des Dirigenten ist jung

Wenn es um dirigentenloses Konzertieren geht, sollte man allerdings immer genau hinschauen. Das Freiburger Barockorchester ist dafür ein gutes Beispiel. Es arbeitet nicht nur aus politischer Überzeugung oft ohne Dirigenten, sondern weil es in der Musik aus Barock und Frühklassik, auf die sich das Orchester spezialisiert hat, ebenfalls noch keine Dirigenten gab. Der Beruf des Dirigenten ist vergleichsweise jung. Carl Maria von Weber, der mit seinem „Freischütz“ als Begründer der deutschen romantischen Oper gilt, war auch der Erfinder des Taktstocks und des modernen Dirigenten. Zuvor wurden die Aufführungen von der ersten Geige oder auch von Klavier oder Cembalo aus geleitet. Das funktionierte, weil die Orchester damals ohnehin kleiner waren und die Musiker auf gemeinsame spielpraktische Konventionen bauen konnten, die die musikalische Verständigung vereinfachte. Bei heutigen Orchestern, die sich auf Alte Musik spezialisiert haben, ist das Spiel ohne Dirigenten also ein notwendiger Teil der historischen Aufführungspraxis.

Kleiner dimensionierte Kammerorchester oder Solisten-Ensembles, wie man sie vor allem in der Neuen Musik häufig findet, können sich also eher Aufführungen ohne Dirigenten leisten als große Orchester, für die die Symphonik des 19. Jahrhunderts zum Kernrepertoire gehört. Als Grundsatzfrage taugt die Entscheidung für oder gegen einen Dirigenten ohnehin nicht. Die Zeit der Grabenkämpfe ist auch hier zum Glück vorüber. Für ein philharmonisches Orchester ist ein Dirigent eine Selbstverständlichkeit. Und wenn es den Posten eines Chefdirigenten zu vergeben hat, wird es seine Wahl richtigerweise sorgfältig bedenken.