Als Paul Celan im Juli 1967 zu einer Lesung seiner Gedichte nach Freiburg im Breisgau kam, fanden sich weit mehr als tausend Zuhörer im Auditorium der Universität ein. Die Lesung wurde vom Südwestfunk aufgezeichnet. Wie lässt sich ein solcher Vorgang, der aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar ist, erklären?

Berühmtestes Gedicht nach 1945

Zum einen besaß die Lyrik in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende in der literarischen Öffentlichkeit einen außergewöhnlich hohen Stellenwert. Zum anderen war Celan vor allem aufgrund seiner „Todesfuge„, des wohl berühmtesten deutschen Gedichts nach 1945, ein längst vielbeachteter Autor.

Um zu Celans schwieriger Lyrik einen Zugang zu finden, gilt es, sich sowohl das neue Verständnis der Sprache nach 1945 als auch Celans persönliches Schicksal vor Augen zu führen. In Theodor W. Adornos 1951 veröffentlichtem Aufsatz Kulturkritik und Gesellschaft findet sich jenes berühmte Verdikt, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, das auf die Lyrik der unmittelbaren Nachkriegszeit einen unschätzbaren Einfluss hatte.

Adornos Verdikt war Ausdruck eines grundlegenden Misstrauens gegenüber den Möglichkeiten der Sprache angesichts der Barbarei der Nationalsozialisten, vor allem ihres Sprachmissbrauchs, wenn sie beispielsweise euphemistisch von „Endlösung“ sprachen und Massenmord an den Juden meinten.

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Aus dem Versagen der poetischen Sprache im Angesicht der Shoah verblieben der Literatur in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende nur zwei Möglichkeiten: Entweder beschränkte sie sich auf die Beschreibung dessen, „was ist“ nach dem Motto „Wahrheit statt Schönheit“, wie das vor allem für die moderne Kurzgeschichte galt, oder sie bewegte sich am Rande des Verstummens, wie das für die verschlüsselte, hermetische Lyrik der Fall war.

Mario Andreotti, 73, war Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen, arbeitet heute als Dozent und Buchautor.
Mario Andreotti, 73, war Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen, arbeitet heute als Dozent und Buchautor. | Bild: privat

Das Letztere trifft vor allem auf die Lyrik Celans zu. Und hier allem voran auf seine 1947 erstmals veröffentlichte „Todesfuge„, einem lyrischen Requiem auf den Holocaust, die Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Celan kontrastiert hier die Todeserfahrung von Millionen mit dem Auferstehungsglauben, der Messias-Erwartung des Volkes Israel. Mit diesem Gedicht profilierte er sich in einer äußerst schwierigen Situation und in der Wahl einer Thematik, die jede sprachliche Bewältigung auszuschließen schien.

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Celans weltliterarisch fast einmalige Wirkung besteht vielleicht gerade darin, dass es ihm gelang, in einer Sprache zu schreiben, die in der Verknüpfung von realem Grauen und ästhetischer Poesie an die Grenze des Sagbaren gelangt. Dahinter verbirgt sich wohl seine durch Ludwig Wittgenstein beeinflusste Erkenntnis, dass man von den Dingen, über die man nicht sprechen kann, letztlich schweigen muss.

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