Alle reden von der Notwendigkeit eines neuen Gesellschaftssystems. Einer Wirtschaft, die auch ohne Wachstum brummt, einer Demokratie, die einer digital organisierten Öffentlichkeit standhält, und einem Wohlstand, der nicht auf Ausbeutung des Planeten beruht. Aber woher nehmen? Wer zeigt sie uns, die Zauberformel einer goldenen Zukunft?

Künstler sind gefragt

Die Antwort will nicht passen zu einer Zeit, die ihr Heil zuletzt in technischen Lösungen gesucht hat. Es dürften nämlich zunächst nicht Techniker sein, keine Informatiker und keine Naturwissenschaftler. Sondern Schriftsteller, Künstler, Regisseure.

So jedenfalls sieht es aus, wenn man dem Historiker Philipp Blom folgt. In einem neuen Essay (“Das große Welttheater“, Zsolnay Verlag), das auf seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen 2018 basiert, räumt er mit dem verbreiteten Irrglauben auf, es bedürfe für notwendige Veränderungen nur gute nüchterne Rechenmeister statt Experten des Fiktiven und Fantastischen. Seine Begründung: Ohne die Kraft von Erzählungen hat es in der Menschheitsgeschichte noch nie funktioniert.

Philipp Blom bei seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen 2018.
Philipp Blom bei seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen 2018. | Bild: Franz Neumayr

Denn tatsächlich mangelt es in dieser Geschichte keineswegs an Parallelen zur scheinbar auswegslosen Situation unserer Tage. In der sogenannten kleinen Eiszeit zum Beispiel, die im 16. Jahrhundert Ernteausfälle und Hungersnöte hervorrief, verzweifelten Menschen in ganz Europa an der Wirkungslosigkeit sämtlicher bewährter Hilfsmaßnahmen. Tausende Hexen wurden verbrannt, unzählige Prozessionen abgehalten, man geißelte sich den Körper wund und trug Reliquien auf die sich bedrohlich ausbreitenden Gletscher. Nichts half.

Das Neue zur Welt bringen

„Die Krise besteht in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann“, erklärte einmal der Philosph Antonio Gramsci. Was im 16. Jahrhundert sterben musste, war ein Weltbild, das auf dem Glauben von Naturkatastrophen als Ausdruck göttlichen Zorns beruhte. Das Neue jedoch konnte erst entstehen, als Dichter und Maler Bilder erschufen, die es denken ließen.

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Der Dramatiker Christopher Marlowe sprach von einem „Europa, wo die Sonne es kaum wagt, sich zu zeigen“, ein anderer Dichter meinte, vielleicht habe die Natur den Frühling einfach „vergessen“. Die Sonne als Wesen, das sich göttlichen Befehlen entzieht, eine Natur, die mal eben ihre Aufgaben „vergisst“: Plötzlich schienen Alternativen denkbar zu einer Welt, die auf ewig einem göttlichen Plan und Willen folgt.

Geisterglauben und Verschwörungstheorien

Nicht immer lagen diese gleich offen zutage. Wie heute, ja wie immer in solchen Umbruchszeiten, wucherten verschiedenste Interpretationen von Wirklichkeit: neben wissenschaftlichen Erklärungsansätzen auch Geisterglauben und Verschwörungstheorien.

Inspiriert von Worten und Bildern, wie Marlowe und andere sie fanden, begannen aber einige Menschen damit, einen internationalen Handel aufzubauen, der Missernten auszugleichen half. Botaniker begannen mit empirischer Forschung für produktive Landwirtschaft. Schon bald waren Gesellschaften nicht mehr um Herrschaftsfestungen organisiert, sondern um Märkte.

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Der Weg zu Demokratie und Menschenrechten war noch weit. Die Helden in Shakespeares Tragödien etwa kämpften keineswegs gegen hierarchische Strukturen, sondern gegen ihre eigenen Leidenschaften und die daraus resultierende unglückliche Verstrickung mit einer bestehenden, unumstößlichen Ordnung. Das sollte bei Schiller bald anders aussehen: Plötzlich wurden politische Rebellen sichtbar, Menschen im Einsatz gegen die Obrigkeit und für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. „Es bedurfte mindestens einer Generation von hitzigen intellektuellen Gefechten, die in einer blutigen Revolution mündeten, bis Demokratie wirklich denkbar geworden war“, schreibt Blom.

Rätselhafte Feuerpumpe

Wie stark Veränderung von solchen Bildern in unseren Köpfen abhängt, zeigt eindrucksvoll die berühmte Enzyklopädie von Denis Diderot und d‘Alembert, erschienen zwischen 1751 und 1771. Unter dem Stichwort „Pompe à feu“, zu deutsch „Feuerpumpe„ beschreiben die beiden klügsten Köpfe dieser Zeit eine Maschine, deren Nutzen zwar begrenzt sei, deren mechanisches Prinzip aber immerhin ein reizvolles Modell für philosophische Überlegungen abgebe. Was die beiden Wissenschaftler nicht ahnten: Diese „Feuerpumpe„ sollte keine hundert Jahre später in der Lage sein, die gesamte Welt zu revolutionieren. Dann jedoch unter dem Namen „Dampfmaschine“.

„Die Autoren sahen nicht das Potenzial von dem, was sie da vor sich hatten“, bilanziert Blom: „Sie konnten es nicht sehen, denn sie hatten für die Welt, die kommen würde, noch nicht die richtigen Bilder im Kopf, noch nicht die Sprache, um sie zu beschreiben und in ihren Möglichkeiten zu erkennen.“

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Die Herausforderung unserer Zeit besteht nun darin, die kommende Dampfmaschine zu erkennen, unsere eigene Blindheit zu beheben. Einen Ansatz dafür glaubt der Essayist bereits gefunden zu haben: Es ist die Erzählung von einem Menschheitsverständnis, das uns als Teil der Erde und nicht als deren beherrschende Instanz begreift. Das ist schön gesagt und lässt sich auch wissenschaftlich untermauern. Allein für die tatsächlich notwendigen Handlungsschritte fehlt es noch an Bildern. In den Theatern, in der Literatur, im Film können wir sie finden.

Philipp Blom: „Das große Welttheater – Von der Macht der Vorstellungskraft in Zeiten des Umbruchs“, Zsolnay: Wien 2020; 160 Seiten, 18 Euro.

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