Beneidenswertes Friedrichshafen. Keine Stadt am deutschen Seeufer verfügt über solch eine qualitativ hochrangige Kunstsammlung, wie das Zeppelin-Museum – etwa 4000 Titel. Einen Eindruck davon, was sich sonst eher im Depot befindet, gibt die Ausstellung „Aufbruch ins Unbekannte. Die Klassische Moderne am Bodensee“. Knapp 100 Arbeiten, Malerei, Grafik und Fotografie, hat Kurator Mark Niedhoff zu einer Retrospektive zusammengestellt.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Region bei Künstlern ein gefragter Fluchtort vor der Maschinerie der Großstadt, in den 1930er-Jahren dann Rückzugsgebiet vor der braunen Herrschaft. Zu den bekanntesten Künstlern der „Inneren Emigration“ am See gehören Otto Dix, von dem das Zeppelin-Museum eine bedeutende Anzahl an Werken besitzt, Max Ackermann und Hans Purrmann. Sie wurden als „entartet“ denunziert und mussten um ihre Existenz fürchten. Diese Künstler sind Teil der Sammlung und Highlights der Ausstellung neben Adolf Hölzl, Willi Baumeister oder Carl Hofer. Aber auch Künstler der Region wie der „Häfler“ Karl Caspar bereichern die Ausstellung.

In acht Kapiteln durch die Moderne

Der Start in das 20. Jahrhundert war nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch künstlerisch ein „Aufbruch ins Unbekannte“. Gegensätzliche Strömungen wie Impressionismus und Expressionismus, Figuration und Abstraktion, Dadaismus und Fauvismus prägten die künstlerische Entwicklung. „Die Gegensätze aber machen die Zeit so faszinierend“, sagt Niedhoff. Er hat die Ausstellung in acht Kapitel aufgeteilt. Bei jedem Thema werden verschiedene Künstler in unterschiedlichen Stilen vorgestellt, was „neue Zusammenhänge und Gegensätze eröffnet“, so der Kurator.

Den Auftakt bilden Porträts. Der „Brücke“-Maler Erich Heckel porträtierte seinen Nachbarn Otto Dix, dieser den arbeitslosen Drucker Max John. Auch Marta Hoepffner wird in der Ausstellung berücksichtigt – mit einer experimentellen Fotografie.

Am Beispiel der Landschaftsmalerei – zweite Station der Ausstellung – will Niedhoff die Entwicklung der Kunst ausgehend vom späten Impressionismus zeigen. Die Bodenseelandschaft war Inspirationsquelle für viele Maler. Zwei Arbeiten beeindrucken hier: Heckels idyllisches „Seeufer“ (1948) und Hölzels abstrakte „Kiesgrube“ (1907), die sich bei genauerem Betrachten als Landschaft auflöst.

Die Großstadt war das große Thema der Expressionisten. Zu sehen ist Max Ackermanns Gemälde „Deutschland“ (1927). Wahlplakate in dem Bild weisen auf die politischen Konflikte jener Zeit hin. Ein Foto von Andreas Feininger, „Auf einer Cocktailparty“ (1930), das eine Rauchende mit Alkoholika zeigt, dokumentiert das „BabylonBerlin“, bevor die Nazis an die Macht kamen.

Das Foto von Andreas Feiniger (1931) dokumentiert das Babylon Berlin.
Das Foto von Andreas Feiniger (1931) dokumentiert das Babylon Berlin. | Bild: Edmund Moehrle

Krieg – Otto Dix erlebte beide Weltkriege und brachte er nicht nur prägende Eindrücke, sondern auch Bilder nach Hause. Im Zeppelin-Museum sind Blätter aus dem „Kriegs“-Zyklus (1924) zu sehen. Es ist ein bekanntes Werk. Zu entdecken sind hier die Lithografien „Hinter den Heeren“ (1915) von Elfriede Thum, die während des Krieges mit dem männlichen Pseudonym ErichThum signierte. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Friedrichshafen zeigt die Ansicht des „Hafenbahnhofs“ von Alois Springer, heute Sitz des Museums.

Ein Blatt aus Dix’ Zyklus „Krieg“ von 1924.
Ein Blatt aus Dix’ Zyklus „Krieg“ von 1924. | Bild: Zeppelin Museum

Zwei brutale Kriege erschütterten die Welt im vergangenen Jahrhundert, der Glaube und die Religion waren für die Menschen oft genug ein Haltegriff. Auch die Künstler am See, allen voran der Nietzscheaner Dix, setzten sich mit diesem Thema auseinander. Niedhoff hat hier die altmeisterliche „Versuchung des heiligen Antonius“ (1937) und das expressionistische Werk „Verspottung Christi“ (1948) ausgewählt. Aber auch Karl Caspar, der als Erneuer der christlichen Kunst gilt, ist mit anrührenden Arbeiten vertreten.

Friedrichshafen besitzt mit „Vanitas“ (1932) eine der besten Aktdarstellungen von Dix. Das Bild ist der Hingucker im sechsten Kapitel der Ausstellung. Nicht minder eindrucksvoll ist Caspars Sehnsuchtsbild „Frauen am Meer“ (1914). Das Werk hat in Paul Cézannes „Badenden“ sein Vorbild. Der Franzose malte den nackten Körper ohne das Sujet mit mythologischen oder biblischen Themen zu verknüpften, wie es die Alten Meister taten. Das war neu und wegweisend.

Karl Caspars Bild „Frauen am Meer“ hat sein Vorbild in Cézannes „Badenden“.
Karl Caspars Bild „Frauen am Meer“ hat sein Vorbild in Cézannes „Badenden“. | Bild: Zeppelin Museum

Auch Cézannes Stillleben werden gerühmt. Keiner malte Äpfel wie er, wobei die naturalistische Darstellung keine Rolle spielte, umso mehr ihre symbolische. In Friedrichshafen stehen Bilder von Marie Caspar-Filser im Mittelpunkt. Bunte Blumen und Früchte, Kontraste von Blau und Rot kennzeichnen ihre Stillleben. Eine Variante dazu liefert André Ficus, der bekannt ist als Illustrator von Martin Walser Bodenseebuch „Heimatlob“ (1996). Ficus gestaltete seine Stillleben aus den 1950er Jahren kubistisch. Das Bild wird in eckige Flächen eingeteilt, sogar runde Gegenstände werden aus Dreiecken und Trapezen zusammengesetzt.

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andre_ficus__stillleben_mit_brot__krug_und_messer__1958_ | Bild: Zeppelin Museum

Der Abstraktion ist die achte und letzte Station der Reise durch die Klassische Moderne am Bodensee gewidmet. Hier nun kommen erneut Ackermann und Baumeister zum Zug. Von letzterem ist das „Lebkuchenbild“ (1946) zu sehen, das an archaische Kunst erinnert; von Ackermann beeindruckt das blaustichige Gemälde „Überbrückte Kontinente XXI“ (1952), das als Wunsch nach einer friedlicheren Welt gedeutet werden darf. Dieser Wunsch hat sich leider bis heute nicht erfüllt…

„Aufbruch ins Unbekannte. Die Klassische Moderne am Bodensee“. Zeppelin-MuseumFriedrichshafen. Bis 12. Mai, Di bis So 10-17 Uhr. Infos:http://www.zeppelin-museum.de