Wummernder Beat im ganzen Haus, alle Lichter flackern, junge Leute rennen aufgeregt durch das Theater. Draußen patrouillieren Polizisten. Ja, ist denn die Volksbühne schon wieder besetzt? Nein. Sechs Wochen nach der illegalen Besitznahme hat nun der Hausherr selbst Einzug gehalten. Doch die Bilder gleichen sich. Hat etwa Intendant Chris Dercon eine Selbstreferenz auf die Besetzung augenzwinkernd in Szene gesetzt? Es wäre zu schön gewesen. Vielmehr scheint es dem neuen Volksbühnen-Team nicht anders zu ergehen als den Besetzern: Einmal drinnen – aber was dann? Was tun mit dem eroberten Terrain, dem Theaterbau mit 900 Plätzen, Foyers und Nebenbühnen? Am besten hin und her laufen, hier ein Video zeigen, dort einen Text aufsagen. Und in der Technik auf alle Knöpfe drücken, die man so findet. Toll, was so ein Theater alles kann. Licht aus, Licht an, Kronleuchter runter und wieder hoch. Und überhaupt die Sound-Anlage, da sieht jede High-Tech-Disko alt aus.

Ist der ohnehin verspätete Spielzeit-Auftakt nicht mehr als nur der zweite Akt der Theaterbesetzung, nur dieses Mal aufgeführt von den richtigen Leuten? Nicht ganz. Das Spektakel trägt einen Namen, man braucht eine Eintrittskarte und bekommt dafür auch Profis zu sehen. Das Gerenne ist choreografiert, die Akteure sprechen das Publikum in geschultem Bühnendeutsch an. Auf dem Programm stehen drei Einakter von Samuel Beckett, dargeboten von zwei grandiosen Schauspielern. Dazwischen die Situationskunst des in aller Welt bewunderten Tino Sehgal.

Nach etwa 60 Minuten vernissage-artigen Besucher-Gemurmels, Gläserklirren und Deklamations-Versuchen einer zu Menschengestalt gewordenen Manga-Figur bekommt der Zuschauer erstmals Theater. Großes Theater. Im stockdunklen Saal ist nur ein Lichtfleck zu erkennen. Ein Mund erzählt rasend schnell die Geschichte einer gescheiterten Frau („Nicht ich“). Ebenfalls auf dunkler Bühne geht eine Frau wie ein Gespenst im weißen Kleid auf und ab und spricht einen fiktiven Dialog mit ihrer Mutter („Tritte“). In „He, Joe“ wird ein alter Mann von einer Stimme aus dem Off mit den Versäumnissen seines Lebens konfrontiert. Die Frau ist in allen drei Szenen die großartige Anne Tismer, der Mann Morten Grunwald („Olsenbande“), der sein Gesicht sprechen lässt. Regie führt Becketts szenischer Nachlassverwalter Walter Asmus.

Kaum ist es wieder hell, lässt Tino Sehgal seine 40-köpfige Truppe erneut durch den Saal springen. Was in vielen Museen erfolgreich war, dieser Einbruch von beweglichem Fleisch und Blut in die statische Welt zweidimensionaler Kunst, funktioniert im ohnehin performativen Theater nicht. Neu ist das alles nicht. Beckett ist sklavisch werktreu inszeniert, Sehgals Aktionen waren schon vielerorts zu sehen.

„Wir müssen warten“, heißt es in Becketts „Godot“. „Das Beste kommt noch“, sagt die Stimme zum alten Joe. Und doch weiß jeder, dass bei allem Warten da nichts mehr kommt. Ob das symptomatisch sein mag für die nächste Zukunft der Volksbühne?

Weitere Vorstellungen der Beckett-Einakter gibt es am 18. und 28. November 2017 sowie am 21. und 28. Dezember. Informationen dazu auf www.volksbuehne-berlin.de