Der Bass wummert, Gitarrenriffs durchschneiden die Luft, Tausende springen im Takt. Dafür hat Benjamin Hetzer, 28, ein Jahr lang gearbeitet: damit alles klappt, wenn heute Mittag in Neuhausen ob Eck das Southside-Festival sein Hauptprogramm startet.

Ein Jahr Arbeit für die paar Tage? In der Tat: Der Festivalleiter vom Hamburger Unternehmen FKP Scorpio brütete schon über Plänen, als die Besucher vom Vorjahr noch ihre Zelte einpackten. „Nach dem Festival ist vor dem Festival“, sagt Hetzer. Das gilt für den Vorverkauf, der gleich am ersten Werktag nach der großen Party beginnt. Das gilt aber noch mehr für die Verpflichtung der Künstler: „Die müssen wir sogar noch früher erledigt haben.“

Wenn alles funktionieren soll, muss ein Rad ins andere greifen. Festivals sind wie Maschinen, und die größte Maschine ist ein Konzertveranstalter wie FKP Scorpio. „Viele Abläufe sind bei uns eingespielt, da müssen wir mit der Planung nie ganz bei null anfangen“, sagt Hetzer. Das Gelände: längst bekannt. Der Mietvertrag: langfristig abgeschlossen. So was erleichtert die Planung. Vor allem aber hilft die lange Erfahrung – Southside findet schon zum 18. Mal statt.

20 Personen haben bei FKP Scorpio an der Planung des Festivals gearbeitet. Dazu kommen viele weitere Mitarbeiter von externen Dienstleistern. Vom Buchen der Künstler, dem Sponsoring, dem Marketing, über den Ticketverkauf bis zur Verkehrsplanung gibt es auf den ersten Blick unendlich viele Dinge zu erledigen.

Rund 60 000 Musikbegeisterte haben im vergangenen Jahr auf dem Southside-Festival gefeiert. Für einen reibungslosen Ablauf sorgen 2016 ...
Rund 60 000 Musikbegeisterte haben im vergangenen Jahr auf dem Southside-Festival gefeiert. Für einen reibungslosen Ablauf sorgen 2016 rund 5000 Personen, die vor und hinter den Kulissen arbeiten. | Bild: Felix Kästle (dpa)

Die Anreise will gut geplant sein

An was man alles denken muss! Die Anreise zum Beispiel: Da schaut jeder nur auf sich. Einer nicht: Andreas Weigold, 43. Der schaut auf 60 000 – und achtet darauf, dass diese große Menge nicht ein Verkehrschaos verursacht. Wenn man sich vor Augen führt, dass in Neuhausen ob Eck nur 4000 Menschen wohnen, wird klar: Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Weigold ist der Verkehrsplaner im Festivalteam. Und damit ein Mann der Zahlen. Eine Zahl steht für ihn über allen anderen: Wie viele werden kommen? Ganz genau kann man das nie voraussehen. Mit der groben Schätzgröße aber kann er berechnen, wie viele von ihnen sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln befördern lassen. Wenn alles gut geht, bekommen die Anwohner von dem ganzen Hin und Her kaum etwas mit.

Das beste Verkehrsmittel, um zum Festival zu kommen, ist für ihn immer noch die Bahn. „Das muss für jeden individuell passen, aber wenn es passt, ist es super bequem, weil der Shuttlebus unsere Gäste vom Bahnhof aus direkt an den Campingplatzeingang bringt und die Wege hübsch kurz sind.“

Doch obwohl die Veranstalter mit der Deutschen Bahn kooperieren und auch Busse anbieten, kommen immer noch viele Besucher mit dem Auto. „Dieser Anreiseverkehr verteilt sich aber recht gut. Allerdings sollte man wie sonst auch die Spitzenstunden meiden und Nebenzeiten nutzen. Donnerstagnachmittag ist viel los – und dann auch noch am Freitag zur Mittagszeit“, sagt Weigold.

Dass es auf den Straßen trotz der ganzen Planung immer wieder zu Staus kommt, sieht Weigold gelassen: „Wir arbeiten mit Menschen. Menschen tun nicht immer das, was man sich überlegt hat, was sie tun könnten.“

Künstler brauchen Betreuung

Auf dem Gelände angekommen, geht es ans Zeltaufstellen: Schlafen im Matsch auf Isomatten. Da haben es die Künstler doch deutlich komfortabler! Wie angenehm deren Aufenthalt hinter der Bühne wirklich ist, weiß Uli Fisseler, 58. Er ist bereits seit 20 Jahren Tourleiter und Buchhalter bei FKP Scorpio und betreut während des Festivals die Musiker. Das heißt: „Sich um alle Belange und Wehwehchen der Bands zu kümmern. Ich sorge dafür, dass sie sich auf dem Festival willkommen fühlen.“ Die von den Künstlern geäußerten Wünsche sind dabei manchmal so abgehoben wie klischeehaft: „Tee, der eine exakte Temperatur nicht überschreiten darf, Garderoben, die schwarz ausgekleidet und komplett umgebaut werden müssen, obwohl sich der Künstler nur etwa zehn Minuten darin aufhalten wird.“ All das sind Wünsche, die Fisseler dann möglichst schnell und ohne zu murren umsetzen muss.

Das kann durchaus stressig werden. Denn es gibt nicht für jeden Künstler einen eigenen Betreuer. „Wir sind auf den Festivals je nach Größe der Veranstaltung drei bis sechs Betreuer, die sich dann um alle Bands kümmern“, sagt Fisseler. Über den viel beschworenen Mythos um den Backstage-Bereich der Künstler kann Fisseler nur müde lächeln. „Für Bands, die relativ früh am Tag spielen, sieht die Garderobe so aus: Vier Stühle, ein kleiner Beistelltisch mit Blumenvase, grauer Teppichboden, ein Biertisch mit Latextischdecke zum leichten Abwischen, eine Stehlampe, ein Standventilator, ein kleiner Kühlschrank und ein Papierkorb. In der gehobenen Kategorie gibt es dann auch noch ein Ledersofa und ein paar Sessel. Das war’s.“ Von übertriebenem Luxus kann keine Rede sein. Letztlich ist auch der Backstage-Bereich nur ein Teil der großen Maschine namens Festival, die vor allem funktionieren muss.

Sind bei der Planung aufseiten von FKP Scorpio noch rund 20 Personen beteiligt, arbeiten im vollen Festivalbetrieb während der drei Tage bis zu 5000 Personen auf dem Gelände. „Die Zelte müssen aufgebaut, die Zäune aufgestellt, sanitäre Anlagen errichtet und angeschlossen werden, mobile Stromzufuhr muss geschaffen werden, Bühnen werden aufgebaut, Ton und Licht installiert“, sagt Benjamin Hetzer. Das Sicherheitspersonal und die Sanitäter müssen eingewiesen werden. Dazu kommt die Betreuung der verschiedenen Händler, die Getränke und Essen verkaufen. Sie sorgen zwar für ein breites Angebot an Speisen und Getränken, bringen aber auch ein neues Problem mit auf die Tagesordnung: Müll.

Der Müll ist ein Problem

In den vergangenen Jahren fiel immer mehr davon an. Im Jahr 2010 kam es zum Höchststand von im Schnitt mehr als drei Kilogramm Müll pro Festivalbesucher. Nicht erst seit diesem unerfreulichen Rekord versuchen Hetzer und sein Team, die Abfallberge so klein wie möglich zu halten. „Wir fahren einen Großteil des Mülls in externe Sortieranlagen, um so viel wie möglich nachhaltig verarbeiten zu können. Vor Ort haben wir ein Müllpfandsystem und eine Müllabfuhr, die die Eimer auf dem Campingplatz leert.“

Um der Verschwendung von Lebensmitteln und damit unnötigem Müll vorzubeugen, hat er mit seinem Team mehrere Angebote geschaffen, die das verhindern sollen. Es gebe nun einen Supermarkt auf dem Festival, damit die Besucher nicht viel zu viel einkaufen und die Reste dann zurücklassen. Außerdem gibt es ein Angebot, um Essen zu teilen, das von den Veranstaltern organisiert wird. „Dabei arbeiten wir mit den örtlichen Tafeln zusammen und spenden alle Lebensmittel, die nicht getauscht oder extra dafür abgegeben wurden“, sagt Hetzer.

Der Müll ist erst mit den Jahren zum Problem geworden – das Wetter war es schon immer. Festivalabbrüche wie zuletzt beim traditionsreichen Rock am Ring bereiten auch Benjamin Hetzer Sorgen. Künstler buchen, Tickets verkaufen: Alles lässt sich regeln. Nur ein Gewitter nicht. „Das Wetter ist eines der größten Risiken bei Open-Air-Veranstaltungen. Wir können uns lediglich darauf vorbereiten, entsprechend reagieren und das im Idealfall so früh wie möglich.“

Das Ende als Anfang

Und selbst wenn das Wetter zu keinen ernsthaften Zwischenfällen oder Unfällen führt, so hinterlässt die Kombination aus Regen und 60 000 Paar Füßen, die auf einem Acker herumstampfen, stets einen schlachtfeldartigen Anblick, nachdem das Festival zu Ende und der Blick auf das gesamte Gelände wieder frei ist.

„Wir befinden uns mit dem Southside-Festival einerseits in einem aktiven Gewerbepark, andererseits aber auch auf einem aktiven Flugplatz, welcher den Flugbetrieb nur für eine gewisse Zeit einstellen kann. Im ersten Schritt bemühen wir uns also, dass die Flugzeuge wieder fliegen können, was spätestens am Freitag nach dem Festival der Fall ist. Am darauf folgenden Sonntag haben wir die restlichen Arbeiten erledigt. In etwa einer Woche haben wir somit die Infrastruktur für die 60 000 Besucher wieder zurückgebaut. Selbstverständlich ist das Wetter hier ein wichtiger Faktor. Je besser es ist, desto schneller sind wir fertig.“

Während in Neuhausen ob Eck noch das Gelände geräumt wird, beginnen Hetzers Mitarbeiter in Hamburg bereits mit dem Vorverkauf fürs nächste Jahr – und die Maschine namens Festival läuft einfach weiter.

Das Southside miterleben

Vom 24. bis 26. Juni findet in diesem Jahr das Southside-Festival statt. Alle, die keins der begehrten Tickets ergattern konnten, müssen nicht traurig sein. Mit unserem Liveblog bleiben Sie das ganze Wochenende auf dem Laufenden. Ob Interviews mit Bands oder Umfragen auf dem Campingplatz – wir sind mitten drin und mit uns sind Sie dabei.