„Erobern Kommunen Deutschlands Betten?“ fragt die Satire-Zeitschrift „Pardon“ im August 1967 in einem „Horror-Bericht“ ihre Leserschaft. „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ lautet die Botschaft auf einem grellroten Plakat, mit dem sich der Sozialistische Deutsche Studentenbund mit den Ideen von Marx, Engels und Lenin solidarisierte. Beide Dokumente werfen ein exemplarisches Schlaglicht auf das besondere, von Revolten und Reformen aufgeheizte Klima des Jahres 1967 und sind Facetten der Ausstellung des Konzeptkünstlers Reinhold Adt, der gegenwärtig die Räume der Galerie Vayhinger in Singen bespielt.

„Das schönste Jahr im 20. Jahrhundert“ nennt der 1958 in Stuttgart geborene, an der dortigen Kunstakademie ausgebildete und heute in Sigmaringen lebende Adt, nicht ohne ironischen Unterton, das Jahr 1967 und lässt den Betrachter mit einer beeindruckenden Fülle an Zeitzeugnissen an seiner Faszination teilhaben. Sämtliche Exponate stammen aus der umfangreichen, mehrere tausend Original-Stücke umfassenden Sammlung des Künstlers. Nach ästhetischen Kriterien wie Farben und Formaten sortiert sind Fotos, Plattencover, Plakate, Einladungskarten, Flugblätter, Zeitschriften, Druckgrafiken, Bücher, Kataloge wie in einem Setzkasten zueinander geordnet, mit Beschriftungen erläutert und hinter Plexiglas in großen Rahmen akkurat präsentiert. Sammeln, Ordnen und Ausstellen versteht Adt als künstlerischen Prozess und übersetzt dies in eine sehens- und staunenswerte Mixed-Media-Installation.

Kommune 1 und die Beatles, Hippie-Kultur und sexuelle Befreiung, Erfindung des Farbfernsehens und LSD-Rausch, Andy Warhol und Twiggy, Gunter Sachs und Brigitte Bardot, Che Guevara und Yves Klein, Kaiserin Farah und Ulrike Meinhof, Bravo und Burda-Moden – alles vermengt sich in Adts sorgfältig arrangierten Assemblagen zu einem gigantischen Kaleidoskop, welches das Jahr 1967 mit zahlreichen Brechungen, Parallelen und Widersprüchlichkeiten ausleuchtet. Für den Betrachter eine überaus anregende Spurensuche.

Durch geschickte Montage der Original-Objekte eröffnet Adt neue, oftmals überraschende Zusammenhänge und Denkanstöße. So etwa wenn das legendäre Beatles-Konzeptalbum „Sgt. Pepper“ mit der radikalen Kampfschrift „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ von Valerie Solanas, die dann wenig später einen Mordversuch auf Andy Warhol unternahm, und der Vorstellung von 300 km/h-schnellen Traumautos im Magazin „Hobby“ in eine vergleichende Zusammenschau gebracht ist. Wie in einem Brennglas verdichten Adts wandfüllende Arrangements Bilder und Sachverhalte und vermitteln dadurch die enorme Komplexität des Phänomens 1967. Und so werfen die Arbeiten aus dem zeitlichen Abstand einen erfrischenden, auch kritischen Blick auf das Jahr 1967 und den Mythos der 68er-Bewegung.

Reinhold Adt – Das schönste Jahr im 20. Jahrhundert: 1967, Galerie Vayhinger, Singen, Bis 30. November, Mi-Sa 15-18 Uhr.

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