Über zwei Dinge reden die Deutschen nicht gerne: über das eigene Gehalt – und über Sex. Das hat jetzt wieder einmal eine Studie ans Licht gebracht. Kaum zu glauben: Trotz einer zunehmenden Verfügbarkeit von Sexualität etwa über Datingplattformen ist Sex ein Tabuthema. Möglicherweise aus einem guten Grund: Schließlich ist die Bilderwelt in Internet und Film das eine, die Realität im eigenen Schlafzimmer hingegen etwas ganz anderes.

Wie also läuft‘s wirklich ab? Diese Frage hat sich schon der Dramatiker Arthur Schnitzler gestellt. Seine Antwort: Im Grunde immer gleich. Dabei ist es egal, ob der Polizist zu der Prostituierten geht, der Hausherr mit dem Dienstmädchen anbandelt, die Ehefrau sich mit einem anderen Mann vergnügt oder die Schauspielerin mit ihrem Bewunderer. Der erotische Kick ist kurz, die Ernüchterung folgt auf dem Fuß. Zehn solcher Szenen hat Schnitzler zu einem „Reigen“ zusammengefasst. Zehn Variationen auf die körperliche Liebe.

Zehn Szenen, zehn Partnerwechsel

1921 löste er damit einen handfesten Theaterskandal aus. Allerdings wohl weniger wegen des expliziten Inhalts – die entscheidenden Stellen markiert Schnitzler ohnehin mit Gedankenstrichen –, als wegen der Tatsache, dass die geschilderten Szenen der Realität auf ernüchternde Weise allzu nahe kamen. Und die erbarmungslose Konsequenz, mit der er das immer selbe Thema einer formal strengen Variationslogik unterzieht, wirkt auch heute noch überaus mutig – etwa jetzt bei den Bregenzer Festspielen, die „Reigen“ in der Musiktheaterfassung von Bernhard Lang auf die Werkstattbühne brachten.

Egal ob der Polizist zur Prostituierten geht, oder wie hier der Hausherr (Thomas Lichtenecker) mit dem Dienstmädchen (Anita Giovanna Rosati) anbandelt – es läuft immer auf das Eine hinaus.
Egal ob der Polizist zur Prostituierten geht, oder wie hier der Hausherr (Thomas Lichtenecker) mit dem Dienstmädchen (Anita Giovanna Rosati) anbandelt – es läuft immer auf das Eine hinaus. | Bild: Dietmar Stiplovsek/dpa

Zehn Szenen, zehn Partnerwechsel. Immer trifft Mann auf Frau – in der Inszenierung von Alexandra Liedtke auch mal Mann auf Mann -, immer läuft die Szene auf das Eine hinaus. Anschließend trennt sich das Paar, aber den einen Teil trifft man in der nächsten Szene mit einem neuen Partner bzw. einer neuen Partnerin wieder. Die Variation des Immergleichen liegt allein in der sozialen Herkunft der Figuren und in der unterschiedlichen Verteilung der Triebkräfte. So gelingt Schnitzler ein scharf gezeichnetes Gesellschaftsbild.

Differenz durch Wiederholung – das ist auch die Philosophie des österreichischen Komponisten Bernhard Lang. Er hat daraus eine kompositorische Marke gemacht. Klar, das scheint zu Schnitzler zu passen – zumindest auf den ersten Blick. Doch die Affinität betrifft eigentlich nur ein äußeres, formales Prinzip. Und selbst da hakt der Vergleich. Denn Lang hat seine Technik aus einem Looping-Verfahren entwickelt, das er sich beim Scratching von DJs abgeschaut und es anschließend auf Live-Instrumente übertragen hat. Knappe musikalische Partikel werden so einer Wiederholungsschleife unterzogen. Die Wirkung ist die der hängenden Schallplatte. Das hat mit Schnitzlers Dramaturgie im Grunde wenig zu tun.

Das Amadeus Ensemble Wien spielte bei den Bregenzer Festspielen die Musiktheaterfassung von Bernhard Lang.
Das Amadeus Ensemble Wien spielte bei den Bregenzer Festspielen die Musiktheaterfassung von Bernhard Lang. | Bild: Anja Koehler/Bregenzer Festspiele

Für seine Partitur, die 2014 bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt wurde, hat Bernhard Lang sein Looping-Verfahren ein wenig domestiziert. Für jede Szene entwirft er ein eigenes musikalisches Ambiente, mal jazzig-groovend, mal flächig, mal ruhig, mal von untergründiger Spannung getrieben (Das Amadeus Ensemble Wien unter der Leitung von Walter Korbéra tut sich mit der Partitur etwas schwer). Die Orgasmen sind Variationen über an- und abschwellende Liegeklänge. Die Musik hält hier inne.

Höhepunkt auf der Waschmaschine

Auch Regisseurin Alexandra Liedtke lässt die Szenen in diesem Moment einfrieren, legt aber Videoprojektionen darüber, die auf humoristische Weise Elemente des Ambientes aufgreifen, in dem die jeweilige Paarbegegnung stattfindet. So erlebt man den Höhepunkt in der Waschküche optisch als Drehbewegung einer Waschmaschinentrommel, während der Orgasmus am Telefon sich wie Schallwellen in konzentrischen Kreise ausbreitet. Ausstatter und Videokünstler Falko Herold findet in den zehn Szenen immer wieder zu köstlichen Variationen – genauso wie auch Liedtke die Inszenierung mit feiner Ironie unterfüttert.

Videokünstler und Ausstatter Falko Harald findet immer wieder zu köstlichen Variationen, um den Orgasmus optisch darzustellen. Hier mit Alexander Kaimbacher als Autor beim Telefonsex.
Videokünstler und Ausstatter Falko Harald findet immer wieder zu köstlichen Variationen, um den Orgasmus optisch darzustellen. Hier mit Alexander Kaimbacher als Autor beim Telefonsex. | Bild: Anja Koehler/Bregenzer Festspiele

Der Komponist hat die Solopartien absichtlich schlicht und in einer Art Sprechgesang gehalten, weil er der Textverständlichkeit Priorität einräumt. Das klappt in Bregenz sehr gut. Fast schon zu gut. Gelegentlich fragt man sich, was die Musik dem Text überhaupt hinzufügt. Das ist die Crux dieser Vertonung. Ihr fehlt der Mehrwert – das, was über Schnitzler hinausweisen könnte.

Das ist aber nicht die Schuld der ausgezeichneten Sängerdarsteller. Anita Giovanna Rosati, Barbara Pöltl, Thomas Lichtenecker, Alexander Kaimbacher und Marco di Sapia schlüpfen in die Rollen der zehn Frauen und zehn Männer.

Die Regisseurin erweitert die Variationen der Liebe um die zwischen Mann und Mann. Hier Thomas Liechtenecker als transsexuelle Schauspielerin und Alexander Kaimbacher als Autor.
Die Regisseurin erweitert die Variationen der Liebe um die zwischen Mann und Mann. Hier Thomas Liechtenecker als transsexuelle Schauspielerin und Alexander Kaimbacher als Autor. | Bild: Anja Koehler/Bregenzer Festspiele

Insbesondere Countertenor Thomas Lichtenecker überzeugt. Man muss schon zwei mal hinhören, um die Männerstimme hinter diesem volltönenden Sopran zu erkennen – genauso so überzeugend gibt er auch die transsexuelle Schauspielerin. Sehr erheiternd auch Alexander Kaimbacher beim Telefonsex. Dass der Abend insgesamt gelingt, ist vor allem den Darstellern und der klugen Regie zu verdanken.

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