Herr Niedecken, Sie sind kürzlich 65 geworden. Macht das Alter Sie gelassener?

Ja. Aber auch melancholischer. Es gibt einfach Sachen, an denen man sich abarbeiten kann wie man will ohne etwas zu erreichen. Ich will aber nicht als Frustrierter enden! Ich habe immer noch genug Kraft in mir, dass ich weiter gegenhalten kann. Unser aktuelles Album ist wie ein Vexierbild: auf der einen Seite sehr melancholisch, auf der anderen auch sehr kraft- und humorvoll. Ich bin einfach eine melancholische Frohnatur. Ohne meinen Humor könnte ich wahrscheinlich einiges nicht mehr ertragen.


Für den Beruf des Künstlers braucht man eine überdurchschnittlich hohe Risikobereitschaft und Flexibilität. Hatten Sie diese Eigenschaften schon immer?

Ja. Aber es gehört auch eine gewisse Naivität dazu. Ich war jedenfalls unendlich glücklich, endlich kein Mathe, Latein oder Physik mehr lernen zu müssen und auf die Kunsthochschule gehen zu dürfen, wo ich malen konnte. Die acht Semester bis zum Examen waren pure Freude.


Hatten Sie jemals Existenzängste?

Natürlich habe ich mich manchmal gefragt, wie ich jemals das Geld verdienen will, das ich zum Leben brauche. Aber das habe ich natürlich auch gern verdrängt. Es hat sich schon irgendwie gefügt. Nach dem Studium fing ich wieder an, Musik zu machen und arbeitete eine Zeit lang als freier Maler. Wenn ich kein Geld mehr hatte, war ich für den WDR als Aushilfsgrafiker tätig. Mein Existenzminimum habe ich mir immer irgendwie verdient. Ich wusste, meine Lebensqualität kommt aus dem, was ich tue und nicht aus dem Geld, das ich mit einem Scheißjob verdienen würde.

Für mich gibt es nichts Schöneres als sich hinzusetzen und ein Lied zu schreiben, sich ein Cover oder eine Setlist auszudenken. Diesen wunderschönen Beruf darf ich jetzt seit 40 Jahren ausüben. Wahnsinn!


Schließen Kunst und Kommerz sich aus?

Nicht unbedingt. Ich habe mich jedenfalls nie von Radiotauglichkeitsregeln kirre machen lassen. Ich wollte lieber erst mal ein Album machen und dann gucken, ob eventuell eine Single dabei ist, die man dann speziell fürs Radio bearbeitet. Ich richte mich nach keinen Vorgaben und stelle meine Spielregeln selber auf, und der Vollkasko-Desperado hätte gerne, dass ich sein Ersatzleben führe. Das werde ich aber nicht tun, ich führe mein eigenes Leben!


In dem aktuellen BAP-Album „Lebenslänglich“ singen Sie erstmals auch hochdeutsche Strophen. Was wollen Sie damit ausdrücken?

Die Texte habe ich zunächst alle auf Kölsch geschrieben. Und dann gab es Stellen, die irgendwie merkwürdig klangen und bei denen ich mich wie ein Mundartpfleger fühlte. Aber dafür ist BAP nicht angetreten, das ist eher ein Nebeneffekt. Als ich diese Zeilen dann auf Hochdeutsch sang, war da plötzlich ein Fluss drin. Ich vertraue immer meinem Gefühl. Innerfamiliär heißt das, wenn Vatter die Nackenhaare hochgehen, ist irgendwas falsch.


Sie selbst waren als junger Mann sehr zornig, singen Sie in „Alles relativ“. Sind Sie es noch immer?

Kommt drauf an, was gerade los ist. Aber ich spring nicht mehr so schnell auf den Tisch wie früher. Mit 64 hat man schon einiges erlebt, aber ich kann schon noch sehr zornig sein. Zum Beispiel bei unverschämten Ungerechtigkeiten, bei Ignoranz.


Können Sie die zornigen jungen Muslime verstehen, die voller Hass gegen die westliche Welt sind?

Also, ich verstehe das, aber ich verzeihe es nicht. Das ist ein großer Unterschied. Gerade junge Menschen haben hochtrabende Ideale im Kopf und die können furchtbar missbraucht werden. Diese jungen Männer im Nahen Osten werden manipuliert. Aber es gibt auch eine altersbedingte Abenteuerlust und sowas wie Revolutions-Chic. Auch damit lassen sich manche auf Wege führen, die unmenschlich sind. Sie sind vollkommen manipuliert und das ist bitter. Aber wenn ich mal an meine eigene Entwicklung zurückdenke: Wie viele laufen immer noch mit einem Che-Guevara-T-Shirt rum, obwohl schon lange ersichtlich ist, dass Guevara es in der Kubakrise auf einen Atomkrieg ankommen lassen wollte. Seitdem ich das weiß, habe ich mit dem Mann ein Problem. Wir sind alle manipulierbar.


Wie schützen Sie sich davor?

Ich versuche, mich ständig zu informieren. Als ich dieser zornige junge Mann war, habe ich meinem Vater Vorwürfe gemacht, wie er sich zur Nazizeit verhalten hat. Da war ich selbstgerecht, aber die Jugend darf das sein. Irgendwann stellte ich mir natürlich die Frage, wie ich mich denn verhalten hätte, wenn ich im Nationalsozialismus eine Familie zu ernähren gehabt hätte. Hätte ich mich angepasst oder nicht? Das geht nur, wenn man sich selbst immer wieder hinterfragt. Heute tut mir vieles leid, was ich meinem Vater damals an den Kopf geworfen habe.

2012 wurde Ihnen das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen – für Ihr humanitäres Engagement für ehemalige Kindersoldaten in Afrika. Wie kamen Sie dazu, unmittelbar Nächstenliebe zu praktizieren?

 

Dieses Thema ist mir zugelaufen. Ich bin nach Nord-Uganda geraten zu der Zeit, als dort Bürgerkrieg wütete und ich sah, was dort mit den Kindersoldaten passiert, wenn sie bei einem Gefecht übrig bleiben. Das ist furchtbar: Sie sind von ihren Familien verstoßen und wissen nicht, wie sie weiterleben sollen. Diese Bilder haben mich verfolgt. Ich habe in jedem dieser traumatisierten Kids meine Söhne oder meine Töchter gesehen. Diese Kindersoldaten mussten zum Teil Familienangehörige umbringen, damit ihr Weg zurück verstellt ist. Das ist so unfassbar bitter!


Ließe sich das Konzept von Rebound auch auf IS-Aussteiger anwenden? Das BKA fordert ja mehr Aussteiger-Programme für Islamisten.

Auf jeden Fall. Das ist ein toller Gedanke. Muss ich direkt mal checken. Was wir da in Afrika machen, ist ganz klein und angegliedert an die amerikanische Kinderschutzorganisation World Vision. Psychologiestudenten von der Universität Konstanz haben in Gulu ihr Praktikum gemacht und wiederum Leute vor Ort angelernt. Meistens waren das Mütter von Kids, die nicht zurückgekommen sind. Bei Rebound geben wir den Kids eine neunmonatige Ausbildungszeit, wo sie Lesen, Schreiben und Rechnen und ein Handwerk lernen. Viele werden zu Automechanikern, Installateuren oder Schreinern ausgebildet.


Zur Person

Wolfgang Niedecken wurde im März 1951 in Köln geboren und gründete 1976 die Kölschrock-Gruppe BAP. Es entstanden 18 Studio- und 6 Live-Alben mit BAP, daneben 4 Soloalben. Das aktuelle Solo-Album heißt „Lebenslänglich“. Außerdem ist kürzlich ein Best-of-Album mit BAP-Songs erschienen.

  • Am 20. Juli treten BAP beim Hohentwiel-Festival in Singen auf. Auf dem Programm stehen stehen die Hits aus der 40-jährigen Bandgeschichte. Tickets gibt es im Internet unter: www.reservix.de


Die schönsten BAP-Songs - eine Auswahl


Verdamp lang her


Do kanns zaubre


Kristallnaach


Waschsalon


Alles em Lot