Herzlichen Glückwunsch zum Friedenspreis! Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfuhren?

Jan Assmann: Wir waren überwältigt und hätten uns das nie träumen lassen. Wir sind ja nun nicht gerade Menschenrechtsaktivisten.

Aber das waren vorherige Preisträger auch nicht immer.

Aleida Assmann: Es ist ein bunter Reigen von Professionen. Im Wesentlichen geht es um die Stimmen dieser Menschen. Auch bei Wissenschaftlern steht ja nicht die Forschungsarbeit im Vordergrund, sondern ihre öffentliche Stimme. Dass wir auf dieser Ebene so wahrgenommen werden, hat uns sehr gefreut.

In der Jurybegründung heißt es, dass Sie sich „seit Jahrzehnten wechselseitig inspirieren und ergänzen“. Was muss man sich darunter vorstellen?

Jan Assmann: Wir haben ein gemeinsames Thema, aber ganz verschiedene Schwerpunkte. Das gemeinsame Thema ist das kulturelle Gedächtnis. Aleidas Schwerpunkt ist die Literatur, insbesondere die moderne Literatur. Und die speist sich zum großen Teil aus der Erfahrung der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Mein Schwerpunkt dagegen ist das alte Ägypten, die Entstehung der Religionen und die damit verbundenen Konflikte. So treffen wir uns an einem gemeinsamen Feld, auf das wir mit vier Augen einen stereometrischen Blick werfen.

Aleida Assmann: Der andere Blick verhilft einem jeweils zu einer Außenperspektive und damit zu einem Sinn für das, was einem fehlt. Und dieser Dialog wiederum ergänzt die Ideen und stärkt die eigene Selbstkritik.

Erforschen Sie beide unsere Vergangenheit und unseren Umgang mit ihr, um die Gegenwart zu verstehen?

Jan Assmann: Ja, ganz richtig. Mich interessiert, welche orientierenden Gedanken man aus der Beschäftigung mit Vergangenheit gewinnen kann.

Was lässt sich aus dieser Beschäftigung etwa für den aktuellen Syrienkonflikt lernen?

Jan Assmann: Zumindest kann man sich fragen, woher so ein Konflikt kommt. Und man kann diese Frage besser beantworten, wenn man eine solidere Kenntnis hat von der Welt, bevor es so etwas wie Glauben und Offenbarung gab. Die Vorstellung, dass es eine absolute Wahrheit gebe, die für die ganze Menschheit gültig ist, gab es in der alten Welt zum Beispiel nicht: Da galt es als Vorzug, wenn andere Kulturen eigene Götter hatten. Das machte sie besonders vertrauenswürdig. Heute dagegen macht es sie zu Gegnern.

Frau Assmann, Sie sprechen in Bezug auf unseren Umgang mit dem Dritten Reich von einer Kultur des Trennungsstrichs: Einerseits beschäftigen wir uns mit dieser Zeit, andererseits suchen wir Distanz zu ihr. Wenn der AfD-Chef Alexander Gauland diese Epoche als „Vogelschiss“ abtut: Zeigt sich dann darin ein Verblassen dieses Trennungsstrichs?

Aleida Assmann: Nein. Schauen Sie sich doch nur an, wie die Reaktion darauf war! Außerdem zeigt das Wort „Vogelschiss“: Er hat immerhin so viel verstanden, dass wir uns dieser Zeit nur mit Abscheu zuwenden können. Allerdings hat er es natürlich extrem klein gemacht. Er wollte darauf hinaus, dass das nur ein Betriebsunfall war, den man auch vergessen kann. Genau das tun zurzeit viele Staaten in Europa: Die Regierungen entscheiden, wie die Geschichte auszusehen hat. Da bleibt dann für Selbstkritik kein Platz mehr. Das ist bedauerlich, weil Europa ja gerade im Begriff ist, seine gemeinsame Zukunft auf eine selbstkritische Erinnerungskultur zu gründen.

Der Preis wird am 14. Oktober verliehen. Haben Sie sich schon geeinigt, wer die Rede halten darf?

Jan Assmann: Die halten wir gemeinsam.

Aleida Assmann: Wir müssen uns noch überlegen, wie wir das choreografisch hinbekommen. Aber das wäre für uns nicht das erste Mal.