Jeder Mensch ist ein Künstler, hat Joseph Beuys gesagt. Doris Dörrie geht noch einen Schritt weiter: Das Leben ist ein Roman und jeder Mensch der Autor seines eigenen Daseins. Deshalb sollte er zum Stift greifen und dieses Leben aufschreiben – und davon handelt ihr Buch „Leben, schreiben, atmen“. Es ist eine Anleitung zum Schreiben.

Dörrie ist als Regisseurin von Filmen wie „Männer“ oder „Kirschblüten – Hanami“ mit allen wichtigen deutschen Filmpreisen ausgezeichnet worden. Als Schriftstellerin ist sie weniger bekannt, dabei erscheinen ihre Romane und Erzählungen schon seit über 30 Jahren im Diogenes-Verlag. Ihr jüngstes Werk ist eine interessante Mischung aus Autobiografie und Schreibwerkstatt.

Doris Dörrie rät uns allen: Schreiben Sie über sich selbst. Das sei wie eine Therapie.
Doris Dörrie rät uns allen: Schreiben Sie über sich selbst. Das sei wie eine Therapie. | Bild: Tobias Hase / dpa

Die 64-Jährige will ihre Leserschaft einladen, über sich selbst zu schreiben, und macht umgehend vor, wie das geht. Schreiben, schreibt sie, sei wie eine Therapie, abwechselnd wunderbar und schmerzhaft, befreiend und tieftraurig, beflügelnd und deprimierend. Die meisten Menschen schreiben jedoch allenfalls Einkaufszettel – dabei könnte es so einfach sein, die eigene Welt als „Echo und Inspiration“ zu nutzen.

Zunächst mal geht es ums Handwerkszeug. Die Autorin rät davon ab, sich zum Schreiben an den Computer zu setzen. Man solle vielmehr ganz klassisch zu Stift und Papier greifen, „weil die Hand wir selbst sind.“ Für den Anfang empfiehlt sie zehn Minuten, was womöglich einen ganz praktischen Grund hat: Mehr ginge gar nicht, weil die Hand müde wird.

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Das Schreiben auf einer Tastatur hat hingegen drei Vorteile: Wenn man geübt ist, geht es schneller, die Hände ermatten nicht, und man kann auch am nächsten Tag noch lesen, was man geschrieben hat.

Dörries zweite Empfehlung ist dagegen sinnvoll: bloß nicht nachdenken, einfach drauflos schreiben, selbst wenn zunächst bloß Blödsinn dabei rauskommt. Und vor allem keinen Gedanken daran verschwenden, was andere darüber sagen könnten, schließlich sind die Schriftstücke nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Andererseits: Was nicht ist, kann ja noch werden.

Das Leben ist eine Schatzkiste

Marcel Proust hat angeblich genau so gearbeitet, er nannte diese Technik „mémoire involontaire“, unwillkürliches Schreiben. „Was Proust kann, kann ich schon lange“, will Dörrie ihren Leserinnen und Lesern vermitteln, aber dass soll nicht anmaßend sein: Es geht nicht darum, „besonders toll, inspiriert oder originell zu sein“, sondern um die Schatzkiste des eigenen Lebens, die voller Erlebnisse und Erfahrungen ist.

Vermutlich wird die Mehrzahl der Menschen der Meinung sein, dass der Roman ihres Lebens eher durchschnittlich und langweilig ist. „Das stimmt überhaupt nicht!“, würde Dörrie wohl entgegnen, und den Beweis tritt sie gleich selber an, indem sie aus ihrem eigenen Leben berichtet.

Doris Dörries Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (288 Seiten, 18 Euro) ist im Zürcher Diogenes-Verlag erschienen.
Doris Dörries Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (288 Seiten, 18 Euro) ist im Zürcher Diogenes-Verlag erschienen. | Bild: Diogenes-Verlag

Das lässt sich zwar kaum vergleichen, schließlich ist sie Deutschlands bekannteste Filmemacherin, aber zunächst schildert sie ganz normale Kindheitserinnerungen. In der Rückbesinnung auf scheinbar banale Ereignisse liegt tatsächlich der erste Zugang zum autobiografischen Schreiben, wie sich leicht im Selbstversuch überprüfen lässt.

Für die meisten Erwachsenen ist beispielsweise ein Waldspaziergang eher nichts, wovon sie erzählen würden. Versetzt man sich jedoch in die Perspektive eines Kindes, wird der Wald zu einem Ort voller Abenteuer und Geheimnisse.

Schreib‘ über die erste Liebe!

Viele der Anregungen, die die Autorin selbst in die Tat umsetzt, wirken auf den ersten Blick unspektakulär: Schreibe über einen Geruch, ein Kleidungsstück oder deinen Körper, fordert sie die Leser auf. Schreibe über deinen Vater, deine Mutter, deine erste Liebe. Aber die Aufgaben werden auch diffiziler, wenn es zum Beispiel ums Sterben geht oder, damit verwandt, um „Und dann“-Momente, als sich das Leben innerhalb eines Augenblicks geändert hat: Wer war man davor, wer danach?

Dabei soll man auf abstrakte Ausführungen verzichten und sich lieber auf Details konzentrieren: Ein Satz wie „Es roch nach frisch gemähtem Gras“ sei ungleich sinnlicher als „Es roch nach Sommer.“ Noch besser sei „Es riecht nach frisch gemähtem Gras“, denn wer die Gegenwartsform verwende, hole die Vergangenheit in die Gegenwart.

Ehrgeiz ist fehl am Platz

Obwohl das Schreiben, wie Dörrie es empfiehlt, letztlich der Selbstfindung dient, soll es „ohne Ehrgeiz, ohne Ziel“ erfolgen. Man könnte sich zum Beispiel irgendwohin setzen, in ein Café möglicherweise, und aufschreiben, was man sieht. Das klingt allerdings in der Tat ziemlich ziellos und passt nicht in unsere heutige rationale Zeit, in der alles möglichst sinnvoll und zweckhaft sein muss.

Aber Dörrie will, dass man sich des eigenen Lebens vergewissert. In diesem Zusammenhang zitiert die Regisseurin einen Zen-Koan, der sich als Schlüssel zu allem entpuppt, zum Schreiben wie zum Leben: „Wer bist du, wenn dir keiner zuschaut?“

Genau darum geht es: Erkenne dich selbst. Das Tagebuch ist in dieser Hinsicht nicht nur der kürzeste und ehrlichste Weg, sondern auch die beste Möglichkeit, sich immer wieder aufs Neue zu bestätigen, wie reichhaltig ein vermeintlich glanzloses Dasein sein kann, wenn man ihm die Chance dazu gibt.