„Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ ist der neue Film von Wim Wenders. Der deutsche Regisseur konnte dafür den Papst mehrere Male für ausführliche Gespräche treffen. Im Interview erzählt Wenders, was ihm vor der ersten Begegnung durch den Kopf ging und was ihm am Papst am meisten imponiert hat.

Herr Wenders, die Initiative zu diesem Film ging vom Vatikan aus. Vielleicht können Sie kurz etwas zu dieser ungewöhnlichen Entstehung erzählen?

Ende 2013 kam ein Brief aus dem Vatikan in meinem Berliner Büro an, vom Präfekten des Sekretariats für Kommunikation. „Könnten wir wegen eines Filmprojekts über Papst Franziskus mit Ihnen reden?“ Im Gespräch eine Weile später wurde klar: Das war eine Carte Blanche für einen unabhängig zu produzierenden Film, der auch nicht vom Vatikan finanziert wäre, und für den ich freie Hand hätte. Es gab keinerlei Vorgaben, selbst was für eine Art von Film das werden könnte. Darauf habe ich mich dann gerne eingelassen.

Was war dann Ihr Ansatz für den Film? Anders als andere Dokumentationen steht ja nicht die Biografie eines Menschen – in diesem Fall die des Papstes – im Mittelpunkt.

Zwei Grundideen: Zum einen ist der Papst ein Mann, der vorlebt, dass man mit weniger auskommen kann. Also machen wir einen Film, der mit weniger auskommt. Der Papst ist auch nicht eitel, es geht ihm nicht um seine Person, im Gegenteil, er versucht immer klarzumachen, dass alle Menschen wirklich gleich sind. Deswegen, und das war meine zweite Überlegung, wären auch biografische Ansätze nicht gut. Seine Kindheit und wie er der geworden ist, der er ist, das ist eher was für Bücher. Was mich stattdessen interessiert hat, war vielmehr, dass er sich Franziskus genannt hat. Das hat mich schon elektrisiert, als wir ihn alle zum ersten Mal auf dem Balkon des Petersdoms gesehen haben. Der erste Papst, der den Namen des Heiligen Franz von Assisi annahm, einem der großen Erneuerer der Kirche und einem Visionär der Menschheit! Damit ging natürlich sofort eine große Erwartung einher. Meine Frage war also auch: Was für ein Erbe tritt ein Papst an mit einem Namen, der für Solidarität mit den Armen und Ausgestoßenen steht? Der darüber hinaus auch eine komplett neue Einstellung zur Natur und zu Mutter Erde fordert. Darauf habe ich diesen Film dann aufgebaut.

Wie haben Sie diese Freiheit von Seiten des Vatikans wahrgenommen: als Freiheit oder auch als Last?

Keinerlei Vorgaben zu haben, war erst einmal wunderbar. Doch schon beim Schreiben des Konzepts und später dann auch im Schnitt wurde klar, was für eine Verantwortung mit diesem Projekt einherging. Das war schließlich auch eine große Last auf meinen Schultern. Ich musste das ja praktisch mit mir selbst ausmachen, da war niemand, mit dem ich darüber hätte reden konnte – außer meiner Frau und später meiner Cutterin.

Inwiefern hat bei diesem Prozess Ihr eigener Glaube eine Rolle gespielt?

Als gläubiger Mensch hat alles, was man tut, auf die eine oder andere Art mit dem Glauben zu tun. Wie soll man das voneinander trennen? Der Vatikan hat mich aber nicht gefragt, weil sie wussten, dass ich katholisch aufgewachsen bin oder einen Ehrendoktor der Theologie habe. Vielleicht haben sie sich meine früheren Dokumentarfilme angeschaut. Als der Brief kam, war „Das Salz der Erde“ (Wenders' Dokumentation über den Fotografen Sebastião Salgado, Anmerkung der Redaktion) jedenfalls noch nicht erschienen. Aber der Präfekt, Dario Viganò, ist ein richtiger Cineast, der auch Film studiert hatte. Er hat mir nicht gesagt „Wir haben uns gedacht, Sie wären ein guter Mann dafür“, aber mir doch zu verstehen gegeben, dass ich seine erste Idee gewesen war. Dass ich dann gesagt habe „Ja, das mache ich!“, dazu hat mein Glaube bestimmt beigetragen. Es hat mich natürlich auch enorm interessiert, mich Auge in Auge mit dem Papst unterhalten zu können – und das gleich mehrere Male.

Was ging Ihnen vor dem ersten Treffen mit dem Papst durch den Kopf? Was hat Sie nervös gemacht?

Ich war recht nervös, das stimmt. Ich hatte den Papst ja noch nicht getroffen, nur mit Menschen um ihn herum gesprochen. Und so standen wir dann da, drehbereit, und warteten auf Papst Franziskus, in einem sehr hohen, leeren Saal des Vatikans. Den hatten wir am Vortag ausgewählt, weil das Licht darin so schön war. Als ich dann gemerkt habe, dass in diesem Raum jedes Wort viel zu hallig klang, wie in einer Kirche, war es zu spät, daran noch was zu ändern. Da habe ich noch gedacht, ich hätte alles falsch gemacht und besser einen kleinen, intimen Ort gesucht. Aber dann kam Papst Franziskus schon zur Tür herein, nur in Begleitung von Don Dario, ohne Bodyguard oder Entourage …

Was hat Ihnen dabei am meisten imponiert?

Wie herzlich er sofort war. Wir standen alle mit klopfendem Herzen da: Wir drehen jetzt mit dem Papst! Aber er hat schon mit seinem Auftritt klargestellt: Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Er hat jeden Einzelnen begrüßt, angefangen bei den Beleuchtern, und jeder hat sich mit seinem Namen vorgestellt. Franziskus hat auch jedem dieselbe Zeit gegeben, mit jedem ein paar Worte gewechselt. Da war uns klar: Der macht echt keine Unterschiede, der ist einfach nur unglaublich menschlich!

Sie behandeln im Film sehr viele unterschiedliche Themen. Gibt es dabei einen Aspekt, der Sie auch im Nachhinein noch zum Nachdenken gebracht hat?

Das Engagement von Papst Franziskus für soziale Fragen ist umfassend. Im Moment steht da vor allem die Frage der Migranten im Vordergrund, der Hunderttausenden, die auf der Flucht sind, entweder vor Krieg oder vor Hunger und Armut. Was mir wirklich nahe gegangen ist, ist seine tiefe Sorge um den Planeten, „unser gemeinsames Haus“, wie er sagt, und wie weit er sich in das Thema eingebracht hat, auch in alle Fakten und Zahlen zum Klimawandel. Am meisten aber hat mich beeindruckt, wie er das zusammengebracht hat: die Klimaproblematik und die Armut. Die Ärmsten leiden ja auch am meisten unter den Umweltkatastrophen. Ich fand, dass das noch nie jemand so schlüssig erklärt hat oder so sehr darauf insistiert, dass wir verstehen, wie das zusammenhängt. Mit dem Begriff der Wegwerfkultur meint er eben nicht nur den ganzen Müll, den wir produzieren, die riesigen Plastik-Inseln in den Weltmeeren, sondern auch die Menschen selbst, die von unserer immer mehr von der Industrie und von Profitdenken getriebenen Gesellschaft zur Seite geschoben und ausgeschlossen werden.

Der Regisseur

Wim Wenders (72) ist einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Der Himmel über Berlin“, „The Million Dollar Hotel“, „Paris, Texas“, „Pina“ und „Buena Vista Social Club“. Der in Düsseldorf geborene Filmemacher gewann bereits zahlreiche internationale Preise, darunter den Europäischen Filmpreis, den Goldenen Löwen in Venedig und die Goldene Palme in Cannes. Drei Mal war er auch für einen Oscar nominiert, ging aber jeweils leer aus.

Der Trailer zum Film: