Die Zensoren hatten geschlafen. „Aufzeichnungen eines Jägers“, das klang so harmlos nach Halali und Waidmannsheil. Es handelte ja auch bloß von den ganz alltäglichen Erlebnissen auf der Pirsch. Was sollte daran schon heikel sein im russischen Zarenreich?

Mehr als 150 Jahre ist es her, dass Iwan Turgenjews Buch in unerklärlicher Weise die Zensur passieren und in ganz Russland für Aufruhr sorgen konnte. Denn was zunächst wie eine biedere Anekdoten-Sammlung anmutete, entpuppte sich beim Lesen bald als politisch hoch brisant. Wer die „Aufzeichnungen eines Jägers“ las, der lernte Russlands dunkle Seiten kennen, mit Leibeigenen, die wie Sklaven gehalten wurden, Gutsbesitzern, die sich wie Diktatoren aufführten und Bürgern, die ihren Frust an Minderheiten ausließen.

Vera Bischitzky hat das Buch jetzt für den Hanser-Verlag neu übersetzt. Wer es liest, merkt früh: Es bedarf keines 150. Jahrestags, um Turgenjews Skandal-Buch neu zu entdecken. Auf den Spuren des Jägers bekommt man nämlich bisweilen den Eindruck, nicht das russische Zarenreich werde hier erkundet, sondern die deutsche Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. „Aufzeichnungen eines Jägers“ sind frappierend aktuell.

  • Brüchige Erwerbsbiografien: Das gilt zum Beispiel fürs wechselhafte Berufsleben unserer Zeit – ein Umstand, der heute vor allem konjunkturellen und technologischen Veränderungen geschuldet ist. Zu Turgenjews Zeiten war die Willkür der Gutsherren Triebfeder für ständig wechselnde Aufgaben. Mit den Folgen macht der Jäger Bekanntschaft, als er auf die Boots-Erfahrung eines Fischers angewiesen ist. „Was hast du früher gemacht?“, fragt er ihn in banger Vorahnung. „Früher war ich Kutscher“, lautet die Antwort. „Davor war ich Koch!“ Wer so viele Berufe nacheinander absolviert, kann vieles halb und nichts ganz: Die Bootsfahrt mit dem Fischer, der eigentlich Koch und Kutscher ist, endet im Schiffbruch.
  • Aberglaube und Verschwörungstheorien: Solche Verhältnisse zu hinterfragen, ist im russischen Zarenreich nicht an der Tagesordnung. Statt eines politischen Diskurses blühen Verschwörungstheorien und Geisterglauben. Schon Heranwachsende überbieten einander im Erzählen schauriger Geschichten von Waldungeheuern und Weltuntergangs-Szenarien. Eine eigenartige Lust an der Angst wird da greifbar, als sei im irrationalen Spuk das Ventil zu finden, über das die verunsicherten Bürger das täglich erlebte Unrecht verarbeiten können.
  • Fremdenhass: Ein anderes Ventil freilich ist der Hass auf Fremde. Im zaristischen Russland trifft es nicht den Islam – vielmehr sind es hier die Juden, die als Sündenböcke für alles Mögliche herhalten müssen. Hetzjagden auf einzelne Menschen sind so selbstverständlich, dass niemand mehr nach dem Grund dafür fragt. „Wahrscheinlich hat er es verdient“, lautet die Auskunft, als ein Gutsbesitzer sich erkundigt, warum auf dem Dorfplatz ein Jude verprügelt wird. „Wieso sollten sie ihn auch nicht schlagen? Immerhin hat er Christus ans Kreuz genagelt!“
  • Pöbeleien: Wer nicht schlägt, teilt mit Worten aus. Das geht auch ohne soziale Netzwerke. „Ich bin einfach nur verbittert und mache meinem Ärger lauthals Luft“, erklärt dem Jäger ein dauerhaft missvergnügter Zeitgenosse. „Deshalb habe ich auch keine Hemmungen. Die Meinung der anderen ist mir keinen roten Heller wert und ich verfolge auch keine besonderen Absichten; ich bin eben boshaft, na und?“
  • Selbstherrliche Superreiche: Während sich der kleine Mann in seiner provozierenden Boshaftigkeit gefällt, geriert sich die Oberschicht als Wohltäter. Die Art, wie sich bei Turgenjew so ein Gutsbesitzer im Dorf blicken lässt, erinnert an die Selbstinszenierung neureicher Internet-Gurus wie Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Dann gibt sich der edle Herr plötzlich ganz schlicht und unkompliziert, stellt damit scheinbar seine Bodenständigkeit unter Beweis. Solange die Untertanen brav den „lieben Vater und Wohltäter“ preisen, der geruht, „unser Dorf durch Eure Ankunft zu erleuchten“, ist auch alles im Lot. Schwierig wird es, wenn jemand auf die Idee kommt, die Bodenständigkeit auf die Probe zu stellen und in einen kritischen Dialog auf Augenhöhe zu treten. Dann wird der Gesprächspartner plötzlich als besoffener Dummschwätzer diskreditiert, die von ihm vorgebrachte Kritik als dumpfes Hirngespinst. Statt sich mit unbequemen Fragen zu befassen, kümmert sich so ein Oligarch des Zarenreichs lieber um seine Pferde. Derart vernarrt sind die Gutsbesitzer in ihr Gestüt, dass sie darüber schon mal Familie, Haus und Hof vergessen. Als einem von ihnen der schönste Apfelschimmel gestohlen wird, jagt er dem vermeintlichen Dieb mehr als ein Jahr lang hinterher – das sind die Probleme der Superreichen.

Was könnte heute ein Jäger von seinen Wanderungen berichten? Er wird vielleicht auf eine veränderte Umwelt stoßen, womöglich auch die eine oder andere Tierart vermissen. Was aber Begegnungen mit Menschen betrifft: Es hat sich seit Turgenjews Zeiten offenbar nur wenig geändert.

Übrigens: Für Iwan Turgenjew (1818-1883) war die Veröffentlichung dieses Buchs an der Zensur vorbei zwar ein Coup. Doch dieser Coup brachte ihm schon bald unangenehme Folgen ein. Nur wenig später wurde er verhaftet und für eineinhalb Jahre auf sein Gut verbannt. Die in seinem Buch so hart kritisierte Leibeigenschaft aber wurde 1861 aufgehoben.

Am 9. November 2018 jährt sich Turgenjews Geburtstag zum 200. Mal: der Geburtstag eines Autors, der allein mit Literatur die Verhältnisse änderte.