Erst vor wenigen Tagen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beteuert, dass sie nicht nach Brüssel gehen will und nicht das Amt der EU-Ratspräsidentin anstrebt. Vielleicht zeugt das von einem guten Gespür dafür, wann es genug ist. Vielleicht ist Merkel aber auch amtsmüde. Oder sie hat einfach nur Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“ gelesen.

Der nämlich spielt in Brüssel, quasi in der EU-Schaltzentrale, und die unterschiedlichen Handlungsstränge, die Menasse hier ausbreitet und mit subtiler Ironie unterfüttert, lassen den Brüsseler Apparat nicht unbedingt als die sinnvollste Antwort auf die Idee eines geeinten, vielleicht sogar nachnationalen Europas erscheinen.

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Im Gegenteil. Statt um hehre Ideen wird dort um Posten gerungen – und vielfach scheint man in Brüssel vor allem damit beschäftigt zu sein, in zahllosen Projekten, Thinktanks (Denkfabriken) und Kongressen die eigene Legitimation herzustellen.

Und noch auf der Bühne des Konstanzer Theaters, für die der Regisseur Mark Zurmühle den Roman adaptiert hat, spürt man Menasses Unbehagen darüber, dass er als unbedingter Befürworter einer europäischen Idee deren Verkörperung in einem bürokratischen Klotz ebenfalls mittragen muss.

Raus aus dem Umfrage-Tief

Da ist beispielsweise Fenia Xenopoulou (Johanna Link), die zypriotische Griechin, deren größtes Problem darin besteht, dass sie Generaldirektorin der Kultur ist – jenes Ressorts, das niemand ernst nimmt, weil es mangels finanzieller Mittel praktisch bedeutungslos ist.

Xeno, wie ihre Kollegen sie nennen, will weg von der Kultur. Als sich das 50-jährige Jubiläum der EU-Kommission nähert, wittert sie ihre Karriere-Chance: Ein Jubilee-Project muss her, das die EU-Kommission endlich wieder aus ihrem Umfrage-Tief herausholt.

Die Schauspieler Dan Glazer (von links), Johanna Link, Georg Melich und Sebastian Haase (vorn) in einer Szene von „Die Hauptstadt“.
Die Schauspieler Dan Glazer (von links), Johanna Link, Georg Melich und Sebastian Haase (vorn) in einer Szene von „Die Hauptstadt“. | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

Xenos depressiver Mitarbeiter Martin Susmann (Dan Glazer) entwickelt dafür die brisante Idee, Auschwitz als Geburtsort der Europäischen Kommission zu definieren. „Nie wieder Auschwitz – dank der Überwindung des Nationalgefühls“, lautet die Devise. Die Europäische Kommission sei schließlich die Hüterin dieser Moral.

Europa-Spezialist Professor Alois Erhart (Ingo Bierman) setzt noch eins drauf, indem er vorschlägt, in Auschwitz die neue europäische Hauptstadt zu bauen. Klar, dass diese Ideen nicht bei allen EU-Mitgliedsstaaten gleich gut ankommen.

Entwickelt, zerredet, versenkt

Der Auschwitz-Überlebende David de Vriend (Peter Cieslinski), der in einem Brüsseler Altenheim gegen die Demenz kämpft, erfährt daher erst gar nie, dass er eigentlich als Zeitzeuge im EU-Jubiläum hätte auftreten sollen. Am Schluss ist es ein Projekt mehr, das entwickelt, zerredet und versenkt worden ist – ohne große Öffentlichkeit.

Das ist bei dem Schwein ganz anders, das unterdessen durch Brüssel läuft und der EU die Schau stiehlt. Im Buch steht es als Metapher für alle Arten von Schweinereien unserer Gesellschaft, aber auch für die Sau, die die Medien gerne durchs Dorf treiben, weil sich mit ihr deutlich mehr Aufmerksamkeit erzeugen lässt als mit trockener Politik.

Ein Schwein erregt einfach mehr Aufmerksamkeit als EU-Politik. Auf der Bühne des Theaters Konstanz zeigen das Ingo Biermann (von links), Georg Melich, Dan Glazer und Devin Maier.
Ein Schwein erregt einfach mehr Aufmerksamkeit als EU-Politik. Auf der Bühne des Theaters Konstanz zeigen das Ingo Biermann (von links), Georg Melich, Dan Glazer und Devin Maier. | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

Auch auf der Bühne des Konstanzer Theaters lugt das Schwein immer mal wieder um die Ecke – freilich ohne dass die Metapher hier medienkritisch ausgereizt würde. Das wäre ohnehin kaum möglich. Verknappung ist schließlich Pflicht, wenn man einen 460-Seiten-Roman in einen Theaterabend von zweidreiviertel Stunden Länge pressen will.

Mark Zurmühle gelingt das recht gut, wobei er weniger eine Bühnenfassung als eine Zusammenfassung für die Bühne angefertigt hat, die die Schauspieler in wechselnden Rollen, teils erzählend, teils spielend wiedergeben.

Werkgetreue Wiedergabe

Dem Ablauf des Romans samt Kapitelüberschriften folgt Zurmühle dabei werkgetreu, im zweiten Teil wird stärker gerafft als im ersten. Die wesentlichen Handlungsstränge bleiben erhalten – außer dem mit Kommissar Brunfaut, der dem Roman noch eine Krimi-Ebene hinzufügt.

Die rasche Szenenfolge ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Eleonore Bircher beschränkt sich daher auf eine sparsame Ausstattung mit wenigen Stühlen und einer verschiebbaren, flexibel einsetzbaren Wand, die ohne großen Aufwand immer neue Schauplätze andeuten kann.

Rollenwechsel in Sekunden

Und auch wenn am Premierenabend die Texte noch nicht sattelfest saßen: Hut ab vor den Schauspielern, die oft in Sekundenschnelle umdenken und in neue Rollen schlüpfen müssen. Manchmal deuten bloß eine Jacke oder eine schnell übergezogene Perücke die nächste Figur an.

Außer den Genannten gehören noch mit zum Team: Sebastian Haase (vor allem als Auftragsmörder Matek Oswiecki) sowie Georg Melich (vor allem als Xenopoulous‘ Kollege und Liebhaber Kai-Uwe Frigge).

Musik von Francesco Tristano

Für die Bühnenmusik ist der Luxemburger Pianist und Elektromusiker Francesco Tristano verantwortlich. Er steht vorn im Zuschauerraum an einem Keyboard und taucht die Szenen ab und zu in sphärische Klänge. Sein Beitrag ist eher zurückhaltend, dafür voller Melancholie und Verlorenheit, wenn De Vriend oder Professor Erhart auftauchen.

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Tristano ist Artist in Residence des derzeitigen Bodenseefestivals, das die Benelux-Länder ins Zentrum rückt und mit dem das Theater für diese Produktion kooperiert hat. Bei den Folgeaufführungen soll Tristanos Musik von Band eingespielt werden.

Zu einem eigenständigen Theaterabend will sich das Ganze allerdings nicht so recht entwickeln. Es bleibt eine, wenn auch passable, Zusammenfassung für die Bühne, die Lust macht auf die Lektüre von Menasses großartigem Roman, sie aber längst nicht ersetzt.

Weitere Vorstellungen von „Die Hauptstadt am Theater Konstanz gibt es am 28. Mai 2019, am 1., 2., 4., 5., 6., 7. 8., 12. und 26. Juni sowie am 25. und 27. Juli. Alle Informationen dazu finden Sie hier.