Pflanzenteile oder Insektenflügel, organisch gewachsene Strukturen oder streng konstruktive Bildzeichen: reichhaltig sind die Assoziationen, die sich dem Betrachter beim Gang durch die Ausstellung von Nikolaus Cinetto im Kunstverein Engen eröffnen. Auf großformatigen Transparentpapieren begegnen uns ebenso filigran-schwebende wie wuchtig-kompakte Flächenformen, bei denen es sich um virtuos angefertigte Holzdrucke handelt. Unter dem Titel „Mikrokosmos“ beschwört der Künstler eine faszinierende Bildwelt, die sich aus seiner intensiven Beschäftigung mit Formen und Phänomen aus der Natur speist.

Geboren 1957 in Ulm studierte Nikolaus Cinetto vom 1989 bis 1997 an der Stuttgarter Kunstakademie. Zahlreiche Ausstellungen, Stipendien und Preise begleiten seit den frühen 90er Jahren sein erfolgreiches künstlerisches Schaffen. Als Dozent ist Cinetto an der Akademie der Künste in Schwäbisch Hall tätig. Er lebt und arbeitet in Fellbach bei Stuttgart.

Die Engener Werkschau bezieht ihre ganz eigene Atmosphäre aus dem Spannungsfeld zwischen minimalistischer Abstraktion und komplexer Lebendigkeit, aus denen die Schwarz-Weiß-Drucke ihre kraftvolle Wirkung gewinnen. Durch die Kombination der aus größeren Holzplatten ausgesägten Druckformen, durch das variable Über- und Nebeneinanderdrucken der teils scharfkantigen, teils weichen Umrissformen, gelingen Cinetto vielschichtig anmutende Darstellungen.

Zusätzliche Eingriffe in die noch feuchte Druckfarbe mittels Schaber oder Spachtel sowie Abreibungen mit der Hand auf den Papierrückseiten verleihen den druckgrafischen Arbeiten verblüffende Oberflächeneffekte: poröse Texturen wechseln mit metallisch glänzenden Partien, Graustufen stehen neben dichter Schwärze. Die transparenten Bildträger der Zeichenfolien verstärken ihrerseits den plastischen Ausdruck einiger Werke. Und deren unprätentiöse Befestigung mit einfachem Klebeband an der Wand evoziert schließlich eine Ateliersituation.

Dies mag zum offenen, gleichsam spielerisch-assoziativen Arbeitsprozess des Künstlers passen. Ausgehend von Beobachtungen der Natur verwandelt Cinetto das Gesehene und Empfundene in eigenständige Bildwelten, die mit ihrem Changieren zwischen filigraner Leichtigkeit und monumentaler Schwere das Auge des Betrachters aktivieren. Formfindung und Formverwandlung, der Blick ins Kleine und dessen Vergrößerung zu wandfüllenden Formgebilden, prägt das gestalterische Prinzip Cinettos.

Dieser Ansatz der stetigen Veränderung im künstlerischen Tun vermittelt sich auch in einer Videoarbeit, in der Cinetto durch einen dünnen Gazestoff eine Taube und Blumen im Gegenlicht über einen längeren Zeitraum beobachtet: Natur und Kreatur verwandeln sich dabei analog zu den Drucken in rein flächige Ausdrucksformen, die eine eigene Bildwirklichkeit generieren und wie ein Schattentheater eine träumerisch-meditative Aura entstehen lassen.

Nikolaus Cinetto – Mikrokosmos, Kunstverein Engen im Städtischen Museum Engen, bis 24. September, Di-Fr 14-17, Sa-So 10-17 Uhr. www.stubengesellschaft-engen.de

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