Es gab eine Zeit, da wäre die Bezeichnung deutsche Popmusik ein Widerspruch in sich gewesen. Der populärste deutsche Sänger hieß Heino, und der hätte nicht im Traum daran gedacht, dass er Jahrzehnte später Lieder von Rammstein oder den Ärzten singen würde. Popmusik kam Ende der 60er-Jahre vor allem aus Großbritannien, und an der Frage „Beatles oder Stones?“ konnten Freundschaften zerbrechen.

In dieser Zeit entstand allerdings auch ein Phänomen, das bald darauf als „Krautrock“ in die Musikgeschichte eingehen sollte: Bands wie Amon Düül, Birth Control oder Grobschnitt sowie die Avantgardisten von Can erregten auch jenseits der Landesgrenzen Aufsehen. Ihre Sprache war nicht Deutsch, sondern Englisch, und Elektronik-Fetischisten wie Tangerine Dream oder Klaus Schulze sangen überhaupt nicht.

Die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik

Manfred Preschers Buch "Es geht voran. Die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik" widmet sich einem spannenden Kapitel der Musikgeschichte.
Manfred Preschers Buch "Es geht voran. Die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik" widmet sich einem spannenden Kapitel der Musikgeschichte. | Bild: wbg Theiss

Eine Abhandlung über die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik wäre in den 70er-Jahren schmal ausgefallen. Der Journalist und Radiomoderator Manfred Prescher hat sein Buch „Es geht voran“ aber 2018 geschrieben und kann aus dem Vollen schöpfen. Sänger wie Tim Bendzko, Max Giesinger oder Mark Forster haben längst vergessen lassen, dass vor 15 Jahren eine Quote für deutsche Lieder gefordert wurde, weil die Radiosender nur Madonna und Robbie Williams spielten.

Mark Forster gehört aktuell zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Sängern.
Mark Forster gehört aktuell zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Sängern. | Bild: Jörg Carstensen / dpa

Aber sind Lieder wie „Nur noch kurz die Welt retten“, „80 Millionen“ oder „Wir sind groß“ überhaupt Pop? ZDF-Zyniker Jan Böhmermann wirft den Sängern vor, ihre Songs seien „Schlager unter falscher Flagge“, und über diese Frage lässt sich trefflich streiten: Wo endet Schlager, wo beginnt Pop? Und was ist mit Rap und Hip-Hop? Bei den Fantastischen Vier ist der Fall klar: Popmusik. Aber die Rapper Kollegah und Farid Bang sind nicht minder populär, selbst wenn die Antisemitismus-Vorwürfe gegen ihren Song „0815“ sogar zur Folge hatten, dass die Vergabe des deutschen Musikpreises Echo eingestellt wurde.

Im Grunde ist es wie in der Politik: Je stärker sich Interpreten und Parteien an der Mitte orientieren, desto schwieriger wird es, klare Grenzen zu ziehen. Plötzlich stimmen führende CDU-Mitglieder nach einem Wahlsieg ein Lied der Toten Hosen an, die sich in der Tradition des linken Punks sehen. Frontmann Campino wird sich nie zum Duett mit Schlager-Star Helene Fischer hinreißen lassen, aber „Tage wie diese“ und „Atemlos durch die Nacht“ gehören dank des großen Mitsing-Faktors zu den Höhepunkten trinkfreudiger Festivitäten aller Art.

Was also ist deutscher Pop? Auch Prescher tut sich in seinem kenntnisreich geschriebenen Buch mit einer Abgrenzung schwer. Das zeigen schon die Namen jener Künstler, die er in eigenen Kapiteln würdigt. Ein Chansonnier wie Reinhard Mey ist ebenso dabei wie Udo Jürgens. Der Österreicher war ein begnadeter Komponist und Texter, er hat in vielen Liedern eine kritische Haltung bezogen.

Lupenreiner Schlager oder doch Popmusik? Die Grenzen verschwimmen bei der Musik von Udo Jürgens.
Lupenreiner Schlager oder doch Popmusik? Die Grenzen verschwimmen bei der Musik von Udo Jürgens. | Bild: Horst Ossinger / dpa

Aber sind „Griechischer Wein“ oder „Ein ehrenwertes Haus“ Popmusik, erst recht im Vergleich zu einem Stadion-Rocker wie Marius Müller-Westernhagen? Zu Herbert Grönemeyer, BAP oder Kraftwerk, der international einflussreichsten deutschen Band? Angesichts der künstlerischen und inhaltlichen Relevanz der Hits von Udo Jürgens wirft Prescher zudem eine ganz andere Frage auf: Kann Schlager Kunst sein? Die Differenzierung zwischen Anspruch und Unterhaltung ist eine weitere jener typisch deutschen Debatten.

50 Jahre Musikgeschichte

Mit solchen Details hält sich Prescher jedoch nicht weiter auf, er hat schließlich eine 50 Jahre umfassende Geschichte zu erzählen – und weil er selbst Jahrgang 1961 ist, hat er alle Höhen und Tiefen miterlebt. Genau genommen beginnt sein Buch vor 100 Jahren, als die erste Phase der kulturellen Globalisierung einsetzte. Sie ging von den USA aus und eroberte zuerst die Jugend. Das Phänomen wiederholte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Elterngeneration in ihrer Sehnsucht nach heiler Welt in den Kinos Heimatfilme anschaute und daheim Schlager hörte.

Wer um das Jahr 1960 herum Teenager war, schreibt Prescher, „hat viele Fragen, aber erst mal keine Sprache, um sie zu stellen“. Das deutsche Liedgut war von den Nationalsozialisten okkupiert worden und galt als verbrannt. Heino traute sich trotzdem, Volkslieder anzustimmen, zu denen die Wehrmacht marschiert war („Schwarzbraun ist die Haselnuss“).

Jugendliche Gegenkultur

Deshalb war die Sprache der jugendlichen Gegenkultur zunächst Englisch, wenn auch ohne politische Botschaft. Das änderte sich, als mit Franz Josef Degenhardt und Hannes Wader die ersten Liedermacher die Bühne betraten. Popmusik im Sinn einer Mehrheitsfähigkeit waren ihre Lieder dank der klaren Verortung im linken Lager naturgemäß nicht. Bei Konstantin Wecker war das anders. Zwar schlug (und schlägt) sein Herz ebenfalls links, aber er erreichte auch die vielen eher unpolitischen Menschen, die jeder Künstler braucht, der kein Nischen-Dasein fristen will.

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Und dann gab es Mitte der 70er plötzlich einen zweiten Udo: Udo Lindenberg war der erste deutsche Sänger, der das Etikett „Popstar“ perfekt ausfüllte. Heute noch ist er für junge Künstler ein Vorbild. Das galt vor 40 Jahren erst recht, und so löste Lindenberg eine Bewegung aus, die Musikgeschichte geschrieben hat. Die Neue Deutsche Welle war des Pendant zum britischen New Wave und galt als Antwort auf den Punk und sein Motto „No Future“ (keine Zukunft).

Einer der größten Hits jener Jahre hieß treffenderweise „Ich will Spaß“ – das war 1982. Der Sänger hieß Markus und wirkte ein Jahr später in der zu Recht in Vergessenheit geratenen Kino-Klamotte „Gib Gas – Ich will Spaß“ mit. Seine Filmpartnerin war eine junge Frau, die mit „99 Luftballons“ sogar die US-Charts eroberte: Nena. Etwa zur gleichen Zeit hatte sie eine geheime Affäre mit Udo Lindenberg. Noch ein Beleg dafür, dass sich in der deutschen Popmusik niemand an Grenzen halten will. Als Sido noch Ghetto-Rap gemacht hat, hätte er vermutlich auch nicht geglaubt, dass er mal gemeinsame Sache mit Andreas Bourani machen würde.

Nena feierte mit ihrer Musik sogar international Erfolge.
Nena feierte mit ihrer Musik sogar international Erfolge. | Bild: Daniel Bockwoldt / dpa