Der Erste Weltkrieg ist zurzeit in aller Munde, nicht zuletzt dank Sam Mendes‘ Antikriegsfilm „1917“. Einer, dessen Kunst in besonderem Maße die Ereignisse dieser Zeit reflektierte, war der Maler Max Beckmann. 1917 schrieb er an seinen Verleger Reinhard Piper: „Ich bin weiter an der Arbeit, male auch wieder, aber die Graphik wird mich nun wohl als ein sehr guter Freund begleiten.“

Er sollte recht behalten. Zwei Jahre zuvor hatte sich Beckmann nach einem Nervenzusammenbruch und dem Abschied als freiwilliger Sanitätshelfer im Ersten Weltkrieg in Frankfurt niedergelassen. Zuerst kam er bei einem befreundeten Paar unter. Bis 1933 lebte er in der Metropole.

Tatsächlich schuf Beckmann in den Frankfurter Jahren vorwiegend Grafiken. Die Ausstellung „Max Beckmann. Die Sammlung Classen“ im Haus der Graphischen Sammlung in Freiburg bietet jetzt einen Querschnitt. Die gut 50 Kaltnadelradierungen, Lithografien und Holzschnitte stammen zum größten Teil aus der Sammlung Christa und Wolfgang Classen.

Das Ehepaar pflegt freundschaftliche Beziehungen zum Augustinermuseum der Stadt. Konzipiert und kuratiert hat die Schau Verena Faber, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Freiburger Museum für Neue Kunst. Es ist die zweite Präsentation dieses Museums im noch jungen Haus der Graphischen Sammlung, das zum Augustinermuseum gehört.

Beckmann ist als Grafiker so bedeutend wie als Maler. Nicht aus patriotischen, aus künstlerischen Gründen hatte er sich 1914 als Freiwilliger gemeldet. „Meine Kunst kriegt hier zu fressen“, vermerkte er 1915 schnoddrig in einem Brief an seine Frau – er, der angesichts der Kriegswirklichkeit erschüttert über das sinnlose Morden war.

Der „unsagbare Widersinn des Lebens“ schien für ihn darin auf. Als Grafiker übersetzte er die Menschheitskatastrophe in einer Kaltnadelradierung von 1918 ins biblische Motiv der Kreuzabnahme. Im selben Jahr entstand die Radierung „Spielende Kinder“. Das große Tohuwabohu der Krieg spielenden Kleinen ist ein Sinnbild der Infantilität der Krieg führenden Erwachsenen selbst.

Von der Tragödie zur Komödie

In der Nachkriegszeit findet die Tragödie des Völkermordens in seinen Grafiken ihre Fortsetzung als Komödie – oder als Farce. In eine solche spielt das groteske Durch-, Unter- und Übereinander clownesker Figuren in der Lithografie „Die Straße“ hinüber; „Die Hölle“ ist der Titel des Mappenwerks von 1919, zu dem das Blatt gehört. Grafiken wie „Pierrot und Maske“ oder „Fastnacht“ entlarven das Welttheater als absurdes Maskenspiel einer Gesellschaft, die aus der Katastrophe nichts gelernt hat.

Maskenhaft stellt sich auch der Künstler selbst dar. Das erstarrte Antlitz des Selbstporträts eines Holzschnitts von 1922 ist der mimische Ausdruck vollkommener Desillusioniertheit. Die schwarzen Augenschlitze sind ein Spiegel der sinnverfinsterten Welt.

Das „große Menschenorchester“, wie Beckmann die Gesellschaft der Großstadt apostrophiert, tritt in seinen Grafiken vor allem als großes Gedränge und Gewürge in Erscheinung. Freilich stimmt auch das andere Extrem nicht froher: So sind die leeren Stadtlandschaften einiger Blätter von einer geradezu beklemmenden Qualität. Die weiche Formensprache der radierten „Landschaft mit Ballon“ etwa erzeugt einen beängstigenden Sog. Munchs „Schrei“ liegt gleichsam in der Luft.

Zu den grafischen Glanzstücken zählen die zehn Blätter der 1922 erschienenen Mappe „Jahrmarkt“. Hochexpressiv und realistisch, mit Symbolik aufgeladen und von trefflicher Abbildlichkeit zieht die Mappe eine Summe aus Beckmanns Vorstellungen über Welt und Gesellschaft jener Zeit. Dem „Ausrufer“ des einleitenden Blatts leiht er die eigenen Züge. Spielt er in dem schlechten Stück des Welttheaters doch selbst mit – als scharfsichtiger Beobachter.

Zehn mit Büchern und Katalogen bestückte Stühle in der Schau stehen für ebenso viele Freunde und Weggefährten des Künstlers; auch von ihnen erzählt die Ausstellung. Etwa von Kasimir Edschmid, von dem Beckmann die Buchausgabe eines Schauspiels illustrierte. Oder von der Dichterin Lili von Braunbehrens, mit der er befreundet war. Zu ihren Gedichten schuf Beckmann kongeniale Grafiken. Der Besucher darf sich setzen und schmökern.

Die Ausstellung „Max Beckmann. Die Sammlung Classen„ ist bis zum 16. Februar 2020 im Haus der Graphischen Sammlung in Freiburg zu sehen. Geöffnet ist die Schau Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Weitere Informationen finden Sie hier.