Gurlitt und kein Ende. Auch der Buch-Markt profitiert von der Diskussion um den Schwabinger Kunstsammler Cornelius Gurlitt (1932-2014), zu dem jetzt auch noch die Ausstellungen in Bern und in Bonn beitragen.

Die jüngste Publikation stammt aus der Hand des Filmemachers und Autors Maurice Philip Remy. Ihn beschäftigt der Fall Gurlitt seit November 2013 – seinerzeit berichtete das Magazin „Focus“ erstmals über den „Nazi-Schatz“. Remy drehte in der Folge den Dokumentarfilm „Der seltsame Herr Gurlitt“ (2014), in dem er den Umgang von Justiz, Medien und Politik mit dem 80-Jährigen als grobes Unrecht anprangerte, dessen Sammlung wegen angeblicher Steuerhinterziehung beschlagnahmt worden war; dabei zeigte Remy auch Verständnis für Uta Werner, die das Testament ihres Cousins zugunsten des Kunstmuseums Bern infrage stellte.

In der Tat hatte Cornelius Gurlitt nichts getan, was strafrechtlich relevant gewesen wäre. Aber auch dessen Vater, Hildebrand Gurlitt (1895-1956), der im Dritten Reich zuletzt als privilegierter Kunsthändler für das von Hitler geplante Museum in Linz unterwegs war, spricht Remy von großer Schuld frei – das Leben habe ihm diesen Weg aufgezwungen. Gurlitt senior hatte zu Beginn der braunen Herrschaft schlechte Karten. Er verlor seine Jobs als Museumsdirektor in Zwickau und als Leiter des Kunstvereins Hamburg. Den Nazis galt er als Moderner. Damit befand er sich außerhalb des Systems. Nach dem Krieg machte er im Westen Deutschlands Karriere im Kunstverein Düsseldorf.

Doch das ist nur die eine Seite von Gurlitts Biografie, die Remy in seinem Buch detailfreudig erzählt. Zur anderen Seite gehört eben der Kunsthändler, der im fremden Auftrag agierte: Zehn Einkaufstouren hat Gurlitt senior allein nach Paris gemacht, auf dunklen Kanälen 200 Kunstobjekte erworben und an die Nazis verkauft. Auch für seine private Sammlung schaffte er Kunstobjekte an. Und offenbar kaufte er bei jüdischen Sammlern, die sich aus Not von den „entarteten“ Arbeiten trennten. Knapp 1600 Gemälde, Gouachen, Zeichnungen und Skulpturen hinterließ er nach seinem Tod seiner Witwe und den Kindern Benita und Cornelius. Am Ende trat Cornelius das Erbe an.

War Gurlitt senior für viele Nazi-Verfolgte die letzte Hoffnung, an Geld zu kommen, oder bereicherte er sich an ihrer Not? Machte er sich durch seine Ankäufe von „entarteter“ Kunst moralisch schuldig oder rettete er dadurch bedeutende Werke vor der Vernichtung? Was wusste sein Sohn Cornelius davon, der mit dem Schatz in München und Salzburg zurückgezogen lebte? Alles offene Fragen. Remy, der Zugang zum Nachlass Gurlitts hatte und parallel zur von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) eingesetzten Taskforce die Herkunft der Bilder erforschen wollte, ist nicht der Einzige, der Hildebrand Gurlitt und seinem Erben menschliches Handeln attestiert. Es gebe keinen Beleg dafür, dass Gurlitt senior „die Lage seiner bedrängten Kunden“ ausnutzen wollte, schreibt er. Die Zahl der Restitutionen ist bekanntlich gering.

Auch Stefan Koldehoff, Kunstmarkt-Kenner, der Jurist Ralf Oehmke und der Kunsthistoriker Raimund Stecker ergreifen in „Der Fall Gurlitt. Ein Gespräch“ Partei für Cornelius Gurlitt, ohne den Stab über seinen Vater zu brechen. Begriffe wie „Nazi-Kunsthändler“ lehnen sie als denunziatorisch ab. Das Positive in dem ganzen Casus sehen sie darin, dass auf höchster politischer Ebene eine Sensibilisierung eingetreten sei für das Thema Raubkunst und die Verpflichtung, die die „Washingtoner Erklärung“ mitgibt. Dort hatten sich 1998 die Unterzeichner-Staaten, darunter Deutschland, verpflichtet, die während der NS-Zeit beschlagnahmten Kunstwerke der Raubkunst zu identifizieren, die Vorkriegs-Eigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine „gerechte und faire Lösung“ zu finden.

In einer früheren Publikation – „Die Bilder sind unter uns“ – hatte Koldehoff beschrieben, wie das Geschäft mit der NS-Raubkunst funktioniert, und beklagt, dass die Politik das Kartell der Kunsthändler lange gewähren ließ. Nicht zuletzt das Kulturschutzgesetz, das Grütters 2016 auf den Weg brachte, sollte solche Geschäfte verhindern.

Die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann und die Journalistin Nicola Kuhn verweigern in ihrem Buch „Hitlers Kunsthändler“ Hildebrand Gurlitt die Absolution. Sie erkennen in ihm eine Person mit hohem Geltungstrieb, der Ende der 1930er-Jahre umgekippt sei, seine moralische Integrität aufgegeben und einen „Pakt mit den Schergen“ geschlossen habe. Hoffmann hatte als leitendes Mitglied der Taskforce Zugang zu vielen Quellen, die sie mit dieser Publikation ausschöpft. Das Autoren-Duo rechtfertigt dagegen das Verhalten der Justizbehörden, die 2011 Gurlitts Sammlung beschlagnahmten. Diese Haltung weckt Zweifel an ihrer wissenschaftlichen Redlichkeit. Unabhängige Juristen interpretieren die Aktion der Augsburger Staatsanwaltschaft als Rechtsbruch. Bereits im Herbst 2015 hatte Catherine Hickley in ihrem Buch „Gurlitts Schatz“ dargelegt, dass es im Umgang mit diesem Thema nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Sie zeigte aber auch auf, wie seltsam stümperhaft die Deutschen sich dabei anstellen, ihre gehortete Kunst zu restituieren.

Fazit: „Die wahre Geschichte über Deutschlands größten Kunstskandal“ (Remy) muss noch geschrieben werden.

 

Buch-Tipps

  • Maurice Philip Remy: Der Fall Gurlitt. Die wahre Geschichte über Deutschlands größten Kunstskandal. Europa-Verlag, München. 564 Seiten, 36 Euro
  • Stefan Koldehoff, Ralf Oehmke und Raimund Stecker: Der Fall Gurlitt. Ein Gespräch. Nicolai-Verlag, Berlin. 144 Seiten, 9,95 Euro
  • Stefan Koldehoff: Die Bilder sind unter uns. Das Geschäft mit der NS-Raubkunst. Eichborn-Verlag, Frankfurt. 288 Seiten, 22,95 Euro
  • Meike Hoffmann und Nicola Kuhn: Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895-1956. Verlag C.H. Beck, München. 400 Seiten, 24,95 Euro
  • Catherine Hickley: Gurlitts Schatz. Hitlers Kunsthändler und sein geheimes Erbe. Cerznin-Verlag, Wien. 336 Seiten, 24,90 Euro