Den Geburtstag der Oma vergessen? Auweia! Das wüste Gelage zum eigenen 18. Geburtstag verdrängt? Ist besser so bei all dem Unsinn, den man damals verzapft hat! Das Vergessen ist oft peinlich, zuweilen auch beruhigend. Doch ohne Vergessen gibt es kein Grübeln bis zum Aha-Erlebnis, dem Erinnern. Vergessen und Erinnern sind zwei Seiten einer Medaille, ein dynamischer Prozess, der öfters abläuft, als man denkt. Jeder vergisst jeden Tag etwas, mit zunehmendem Alter noch mehr, zumal dann die Angst vor der Demenz wächst.

Kein Entrinnen vor dem Vergessen

Eine Instanz vergisst nie: Das Internet speichert alle irgendwo eingestellten Fotos oder Dokumente. Offensichtlich gibt es heute kein Entrinnen vor dem Vergessen mehr, auch dank der digitalen Medien. So fehlt in unserer schnelllebigen Zeit zwar die Muße fürs Einprägen oder Erinnern. Aber es ist ja auch viel einfacher, die Nummer des Kollegen im Handy zu speichern oder den Geburtstag des Freundes im digitalen Kalender zu verankern. Damit haben wir den Kopf frei für die wichtigen Dinge des Lebens – reden wir uns zumindest ein.

"Zur Einnerung" heißt es auf dieser Ferrotypie aus dem Jahr 1900. Tatsächlich sind Abbildungen eher dazu geeignet, unser Erinnerungsvermögen zu schwächen.
"Zur Einnerung" heißt es auf dieser Ferrotypie aus dem Jahr 1900. Tatsächlich sind Abbildungen eher dazu geeignet, unser Erinnerungsvermögen zu schwächen. | Bild: Horst Ziegenfusz

Dem autobiografischen Gedächtnis hilft die Fotografie am besten auf die Sprünge, aber sie kann ebenso trügerisch sein wie Erzählungen. Denn in der digitalen Bilderflut werden diejenigen Fotos bedeutungslos, die nicht mit Ereignissen verknüpft sind.

Gehirn funktioniert wie ein Muskel

Omas Geschichten, die sie beim Blättern im Fotoalbum erzählte, blieben gut im Gedächtnis haften. Heute jedoch herrscht die digitale Amnesie, meint Hirnforscher Manfred Spitzer: „Unser Gehirn funktioniert wie ein Muskel. Wird er gebraucht, wächst er; wird er nicht benutzt, verkümmert er.“ Das passiert aber unabhängig vom Alter, denn Nervenzellen wachsen laut Spitzer bei entsprechendem Training weiter nach.

Der Hirnforscher Manfred Spitzer 2016 bei einem Vortrag in Singen.
Der Hirnforscher Manfred Spitzer 2016 bei einem Vortrag in Singen. | Bild: Tesche, Sabine

Doch wenn man Fundbüros von einst und jetzt vergleicht, muss der heutige Mensch zerstreut sein wie der sprichwörtliche Professor. Früher waren es mehr Dinge, die aus Taschen verloren wurden oder von der Kleidung gerutscht sind, vom Notizblock bis zum Strumpfhalter. Heute stapeln sich etwa am Frankfurter Flughaben die nicht abgeholten Handtaschen, Handys und Notebooks. In all der Hektik beim Ein- und Auschecken verlieren viele scheinbar den Überblick.

Soziale Kontakte helfen

Und wer beim Discounter öfters etwas vergisst, wird bald mit Einkaufszettel losziehen. Aber bei all dem geht es ja nur ums alltägliche Vergessen. Schwierig wird es bei einer Alzheimer-Demenz, erst mit Vergesslichkeit oder Orientierungsproblemen, bis irgendwann der Alltag nicht mehr bewältigt wird. Bisher gibt es dagegen kein Medikament. Viele Forscher betonen aber, wie wichtig für die Betroffenen die soziale Kontakte und die Erinnerungen als positive Emotionen seien.

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Allerdings hat jede Generation auch ein anderes Gedächtnis, wie sich im Gespräch mit jungen Menschen über Musik, Filme, Werbung oder Politik zeigt. Die bis 1992 im Fernsehen gelaufene Palmolive-Werbung für zarte Spülhände (natürlich nur von Frauen!) kennen junge Leute schon nicht mehr. Und tonangebende Politiker der 80er und 90er werden von den heute Zwanzigjährigen oft falsch zugeordnet – da mag freilich auch der mangelnde Geschichtsunterricht eine große Rolle spielen.

Jedes banale Ereignis

Jill Price indes kann sich seit ihrem 15. Lebensjahr an alles erinnern, an jedes banale Ereignis an einem x-beliebigen Tag. Die heute 53-jährige US-Amerikanerin hat ein besonderes autobiographisches Gedächtnis, da Teile ihres Gehirns stark vergrößert sind. Nur wenige haben dieses hyperthymestische Syndrom – und müssen das ständige Gefühlswirrwarr aushalten. Jill Price schreibt deshalb Tagebuch und bewahrt nur Dinge auf, die mit schönen Erinnerungen verbunden sind. Negative Erfahrungen prägen sich nun mal stärker ein als positive.

Was geschah am 13. Dezember 1983 um 15.35 Uhr? Jill Price könnte es sofort sagen: Sie erinnert sich an jede einzelne Sekunde ihres Lebens.
Was geschah am 13. Dezember 1983 um 15.35 Uhr? Jill Price könnte es sofort sagen: Sie erinnert sich an jede einzelne Sekunde ihres Lebens. | Bild: Dan Tuffs

Freilich gibt es neben dem individuellen Gedächtnis auch das kollektive Gedächtnis, das im Museum gepflegt wird. Dort geht es um ferne Zeiten und Länder, um tolle Erfindungen oder um abscheuliche Gräueltaten. Erinnerungen an Krieg und Holocaust werden oft verdrängt oder verleugnet, von Opfern, Mitläufern und Tätern gleichermaßen. Auch geflüchtete oder vergewaltigte Menschen kämpfen gegen ihre Traumata mit Verdrängen an. Doch längst erhalten sie in Museen eine Stimme, um die Historie nicht nur an drögen Zahlen abzuhandeln. Ohne das individuelle Erinnern kommt man also im Museum nicht aus.

"Warum wir nicht alles erinnern"

„Vergessen – Warum wir nicht alles erinnern“ heißt es jetzt im Frankfurter Historischen Museum, das Erkenntnisse aus Psychoanalyse, Sozial- und Neurowissenschaft, Kulturhistorie und Kunst vorstellt. Ein Kapitel widmet sich dem Museum, das selbst „vergisst“, durch Auswahl und Bewertung scheinbar Unwichtiges dem Vergessen überlässt. In einem Regal liegen wild durcheinander die Büsten unbekannter Personen, Spolien alter Häuser, Rechenmaschinen und physikalische Objekte.

Hitler ist noch zu erahnen

Diese Dinge machen nur einen Bruchteil der Sammlung mit 630 000 Objekten aus. Aber was macht man mit Dingen, die man nicht einer Person oder einem Haus zuordnen kann? Und was mit Geräten, die man nicht bedienen kann? Zur Erinnerung taugen die Objekte nicht, da jeder Bezug fehlt. Aber weggeben sollte man sie nicht. So wie das Hitler-Porträt, das Johann Cissarz 1940 malte. Später wurde es weiß übertüncht, aber Hitler ist noch zu erahnen. Jetzt lagert das Bild im Museum.

„Vergessen – warum wir nicht alles erinnern“, bis 14. Juli im Historischen Museum, Frankfurt/Main; Di. -Fr. 10-18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr, Sa./So. 11-19 Uhr. Katalog 30 Euro. Weitere Informationen im Internet unter:
http://www.historisches-museum-frankfurt.de