Es ist nicht ganz leicht zu finden, dieses Glaserhäusle in Meersburg. Etwas versteckt liegt es am Rande des Städtchens. Während wir den schmalen Schotterweg durch den Wald nach oben fahren, hoffen wir inständig, dass uns jetzt kein Fahrzeug entgegenkommt.

Aber dann stehen wir plötzlich vor zwei komplett mit Holz verkleideten Häuschen. Das eine, so werden wir später erfahren, war ursprünglich mal eine Scheune. Der Philosoph Fritz Mauthner, der bis zu seinem Tod 1923 im Glaserhäusle lebte, hatte hier seine Bibliothek untergebracht.

Gigantischer Blick über den Bodensee

Das Holzhaus daneben ist noch neu. Die jetzigen Besitzer, der 81-jährige Komponist Hans Zender und seine Frau Gertrud haben es als "Spiegelbild" zur Bibliothek anlegen lassen. Dem Architekten Bruno Siegelin aus Herdwangen ist da ein echtes Kleinod gelungen. Die Zenders nutzen es als Atelier für ihre Kunstsammlung.

Den Erweiterungsbau auf dem Gelände des Glaserhäusles hat der Architekt Bruno Siegelin entworfen.
Den Erweiterungsbau auf dem Gelände des Glaserhäusles hat der Architekt Bruno Siegelin entworfen. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Erst weiter hinten auf dem Grundstück steht das eigentliche Glaserhäusle, ein kleines, von Pflanzen und Bäumen umstandenes Gebäude mit dicken Mauern. Eigentlich wirkt es recht unscheinbar – wäre da nicht der gigantische Blick über den Bodensee, der sich von hier aus öffnet. "Wir können direkt auf das Mainauer Schloss sehen", sagt Gertrud Zender. "Von hier aus sieht die Mainau tatsächlich aus wie eine Insel."

Vom Gelände des Glaserhäusles aus hat man einen wundervollen Blick über den Bodensee.
Vom Gelände des Glaserhäusles aus hat man einen wundervollen Blick über den Bodensee. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Schon Annette von Droste-Hülshoff hat den Blick und dieses Haus in ihrem Gedicht "Die Schenke am See" beschrieben – zusammen mit dem Wirt, dem es damals gehörte und der in Meersburg Glaser war. Von ihm hat das Häusle seinen Namen.

Außer Musik und Kunst interessiert ihn wenig

Ja, hier oben am Glaserhäusle, das heute unter Denkmalschutz steht, konzentriert sich Kulturgeschichte. Das Ehepaar Zender reiht sich nahtlos ein in eine kleine Ahnengalerie an Künstlern und Denkern, die dieses Haus besessen, bewohnt, dort verkehrt oder es, wie die Droste, beschrieben haben. Eigentlich seltsam, dass man in der Stadt zunächst einmal argwöhnte, die Zenders wollten den Erweiterungsbau, für den sie einen Bauantrag stellten, als Ferienwohnung an Touristen vermieten. "15 Jahre lang haben sie uns zappeln lassen", erregt sich Hans Zender noch heute.

Der Komponist Hans Zender.
Der Komponist Hans Zender. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Wer mit Hans Zender spricht, ahnt schnell, dass ihn außer Musik und Kunst wenig interessiert ("Ich verstehe mich als Künstler und bin hier nicht auf Sommerfrische"). Geschäfte mit Tourismus zu machen, dürfte ihm einigermaßen fern liegen.

Was ihn schon eher beschäftigt, ist die Frage, wie er künftig seine Musik notieren soll, wenn die Augen weiter nachlassen. In dem Atelier steht ein Midi-Keyboard, das nach den Wünschen Zenders so entwickelt wurde, dass es in der Lage ist, einen Halbton (normalerweise das kleinste musikalische Intervall) in zwölf Kleinstintervalle zu unterteilen.

Es ist eine Form der extremen Mikrotonalität, mit der Zender in seinen Kompositionen arbeitet. Künftig möchte er an das Keyboard ein Notensatzprogramm anschließen, das das, was er spielt, notieren kann.

Ein Blick in das Atelier mit dem Flügel und den Zen-Kalligraphien.
Ein Blick in das Atelier mit dem Flügel und den Zen-Kalligraphien. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Wie das Gerücht aufkam, die Zenders würden historische Instrumente sammeln, ist dem Komponisten und ehemaligen Dirigenten des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg bis heute ein Rätsel. "Alles Quatsch!", sagt er.

Kalligraphien und Musik

Ob es das Midi-Keyboard und der Flügel waren, die im Atelier stehen? Doch diese Instrumente sind normale Arbeitsmittel eines Komponisten. Vielleicht aber konnte sich auch niemand vorstellen, dass die Sammlung eines Musikers etwas anderes sein könnte als eine Instrumentensammlung. Tatsächlich aber sammeln die Zenders Kunst.

Es ist kein Zufall, dass das Atelier im Innern aussieht wie der Raum eines japanischen Zen-Buddhisten. An den Wänden hängen Zen-Kalligraphien, die teilweise bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Asien hat es Zender angetan. "Die Chinesen hatten schon 2000 vor Christus ein Zwölftonsystem", schwärmt er. Mit der japanischen Kultur kam er in den Siebzigerjahren in Berührung, als er in seiner Funktion als Dirigent auf einer Japantournee war.

"Diese Leerheit, Schmucklosigkeit hat mich beeindruckt, und ich dachte: So geht es ja auch, die Mittel müssen nicht andauernd übersteigert werden." Seither beschäftigt er sich auch in seinen Kompositionen mit japanischer Kultur – und sammelt Zen-Kalligraphien.

Die Zenders sammeln Zen-Kalligrapien.
Die Zenders sammeln Zen-Kalligrapien. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Das Kalligraphieren ist eine Kunst, die in Japan eine jahrhundertelange Tradition hat. Zender sieht in ihr Parallelen zur Musik: "Die Kalligraphie hat insofern etwas Musikalisches, als sie möglichst in einem Atemzug geschrieben wird. Man schreibt sie sozusagen mit Metronom. Es wird nichts ausgebessert. Jeder Strich, den man macht, bleibt. Das hat mich fasziniert, denn das ist so wie bei uns Musikern auf dem Podium. Da können wir auch nichts zurücknehmen und verbessern."

Möbel des Philosophen Mauther

"Eigentlich gehört immer nur eine Kalligraphie in einen Raum", erklärt Zender. Dass man mehrere nebeneinander zeigt wie hier, sei völlig unjapanisch. Zender hat das nicht zuletzt auch wegen dem Buch mit Meditationen zu Zen-Kalligraphien gemacht, das er und der Religionswissenschaftler Michael von Brück gemeinsam herausgeben und das im Oktober im Freiburger Karl Alber Verlag erscheint. Dafür wurden die Kalligraphien fotografiert.

Die Kunstsammlung des Ehepaars Zender umfasst allerdings nicht bloß japanische Kalligraphien. Das Atelier ist zu klein, um alles hier auszubreiten. Derzeit stehen hier noch verschiedene Plastiken des Bildhauers Günter Ferdinand Ris, mit dem Zender eng befreundet war. Ris war vor allem in den Siebzigerjahren tätig und hat auch einen Innenraum des Bonner Bundeskanzleramts gestaltet.

Im Holzhäuschen gegenüber, in der ehemaligen Scheune, geht es fast schon museal zu. Hier stehen noch Möbel des Philosophen Mauther, darunter ein massiver Schreibtisch, den Zender in Ehren hält. Dahinter eine dicht bestückte Bücherwand. "Fritz Mauthner", sagt Zender, "war ein bedeutender Philosoph, meiner Meinung nach bedeutender als Wittgenstein. Aber er wird erst jetzt allmählich wiederentdeckt."

Der Komponist Hans Zender in der ehemaligen Bibliothek des Philosophen Fritz Mauthner.
Hans Zender in der ehemaligen Bibliothek des Philosophen Fritz Mauthner. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Trotzdem war es nicht der Name des Philosophen, der ihn auf die Idee brachte, das Glaserhäusle zu kaufen. Die Geschichte ist verschlungener – und zeigt letztlich doch, wie stark die Wege in der Kunstwelt miteinander verbunden sind. "Als mein Stück 'Hölderlin Lesen I' für Sprecher und Streichquartett 1979 uraufgeführt wurde, erschien eine alte Dame, die mir der Rundfunk als Solistin besorgt und besonders empfohlen hatte. Und tatsächlich konnte sie schon in der Probe alles auswendig und hat sehr präzise deklamiert. Sie hieß Felicitas Barg, war damals 80 Jahre alt – und Besitzerin des Glaserhäusles".

Meersburger Konzert-Gespräche

Letzteres wussten Zenders damals aber noch nicht. Als das Ehepaar sich dann wenig später in Meersburg nach einer Ferienwohnung umschaute, trafen sie – zur beiderseitigen Überraschung – Felicitas Barg wieder. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft. Und schließlich verkaufte ihnen die in Meersburg auch als Droste-Rezitatorin bekannte Interpretin das Anwesen – unter der Bedingung des lebenslangen Wohnrechts. "Sie ist dann 103 Jahre alt geworden", erzählt Zender und lacht.

Anfang der 2000er-Jahre übernahmen Zenders dann also das Glaserhäusle und vor wenigen Jahren haben sie ihren Wohnsitz von Freiburg endgültig hierher verlegt.

Das Ehepaar Hans und Gertrud Zender.
Das Ehepaar Hans und Gertrud Zender. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Nun kommt Zenders Hölderlin-Zyklus, der das Ehepaar letztlich zum Glaserhäusle geführt hat, zu besonderen Ehren. Die Teile 3 und 5 aus dem fünfteiligen Zyklus stehen im Mittelpunkt einer zweitägigen Veranstaltung mit dem Titel "Meersburger Konzert-Gespräche". Die renommierte Stimmsolistin Salome Kammer übernimmt die Rezitation der Hölderlin-Texte, die sich hier eng mit der Musik verbinden und die von einem Streichquartett mit Musikern der Ensemble Modern Akademie sowie von dem Akkordeonisten Teodoro Anzellotti interpretiert wird. Vorträge namhafter Wissenschaftler sowie Lesungen sind der öffentlichen Generalprobe und dem Konzert mit den beiden Hölderlin-Stücken und einem Beethoven-Streichquartett vorangestellt.

Die Meersburger Konzert-Gespräche, die auch von der Hans und Gertrud Zender-Stiftung unterstützt werden, die das Ehepaar 2004 gegründet hat, sind ein Versuch, herauszufinden, ob und wie eine solche Veranstaltung in Meersburg angenommen wird. "Schön wäre es, wenn man die Rückkopplung von Sprache und Musik hier installieren könnte", sagt Zender, "gerade hier in Meersburg, wo die Literatur durch die Droste so betont ist."