Wer angesichts der Wahl-Erfolge populistischer Parteien in ganz Europa mit der üblichen Populismus-Schelte anheben will, der sollte sich vorsehen. Offenbar hat kein Geringerer als William Shakespeare schon vor Jahrhunderten die Frauke Petrys und Oskar Lafontaines dieser Welt in Schutz genommen. „Populisten sind jene Menschen, die einen Spaten Spaten und eine Katze Katze nennen“, lautet sein vielzitierter Ausspruch – und wer sollte schon etwas gegen Menschen haben, die Dinge so benennen, wie sie sind?

Kein Wunder, dass Populisten seit einiger Zeit ganz versessen darauf sind, den vielleicht größten Dichter der Geschichte als Gewährsmann für ihre Sache zu gewinnen. Ganze 1650 Mal ist Shakespeares Satz bereits im Internet zitiert worden, unter anderem vom Chef der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), Heinz-Christian Strache. Ja, sogar Staatspräsidenten beweisen literarische Bildung. „Gemäß der Shakespeare‘schen Interpretation sind jedoch Populisten Menschen, die den Spaten Spaten und die Katze Katze nennen“, schreibt Ungarns Staatschef Viktor Orbán im Juli dieses Jahres in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und folgert daraus: „Wir Ungarn nennen die Dinge beim Namen.“

Doch da gibt es ein Problem. William Shakespeare nämlich hat das nie geschrieben. Und ob er es je gesagt hat, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Herr Orbán mag die Dinge also beim Namen nennen – leider jedoch beim falschen.

Wer aber „die Dinge beim falschen Namen nennt“, soll Albert Camus gesagt haben, der „trägt zum Unglück der Welt bei“. Als Marine Le Pen, Vorsitzende der französischen rechtspopulistischen Partei Front National, dieses Zitat in einem Beitrag für die New York Times anführte („Mal nommer les choses, c’est ajouter au malheur du monde.“), musste sie sich in französischen Medien korrigieren lassen. Zwar lässt sich Camus‘ Aussage durchaus in seinen Schriften finden, nämlich in einem kaum bekannten Essay mit dem Titel „Über die Philosophie des Ausdrucks“ („Sur une philosophie de l‘expression“). Allerdings steht es dort in leicht anderer Form: „ein Objekt“ statt „die Dinge“. Das hört sich erstens etwas akademischer an und beweist zweitens, dass Frau Le Pen ebenso leichtfertig auf Google vertraut wie Viktor Orbán und Heinz-Christian Strache.

Dankbare Opfer

Wenn vor der manipulativen Kraft der Gerüchteküche Internet gewarnt wird, ist meist von gefälschten Fotos und erfundenen Flüchtlings-Straftaten auf Facebook die Rede. Bislang kaum beachtet ist die Dreistigkeit, mit der manche ihre eigenen kruden Ansichten den höchsten Autoritäten unterjubeln und somit zu Sinnsprüchen von kulturhistorischer Bedeutung aufblasen.

Gegen das gefälschte Jürgen-Trittin-Zitat „Deutschland verschwindet jeden Tag immer mehr, und das finde ich einfach großartig“ kann sich der Grünen-Politiker juristisch zur Wehr setzen (und tut dies auch). Ein in rechten Kreisen kursierender Quellenhinweis auf die FAZ vom 2. Januar 2005 ist von der Zeitung selbst als Irreführung enttarnt worden: Weder dort noch irgendwo sonst lässt sich der vermeintliche Beweis für grüne Patriotismus-Defizite finden. Shakespeare dagegen kann keine Rechtsanwälte mehr bemühen. Gerade deshalb ist er ein dankbares Opfer: Wer kann schon sagen, ob seine Populismus-Definition, der Satz mit Spaten und Katzen, nicht doch irgendwo in den 36 Dramen und mehr als 150 Sonetten versteckt ist? Wo doch auch beliebte Internet-Foren wie Gutezitate.com und Aphorismen.de das Zitat anführen!

Allein das Wort Populismus verrät die Fälschung: Das Wort tauchte erstmals Ende des 19. Jahrhunderts auf, Shakespeare war da schon lange tot. Und dann hilft natürlich das Onlineprojekt Opensourceshakespeare.org bei der Enttarnung – eine komplette Shakespeare-Datenbank mit Suchfunktion. Die Redewendung „einen Spaten Spaten nennen“ entstammt in Wahrheit einem Werk des antiken Gelehrten Plutarch, das 1542 erstmals ins Englische übersetzt wurde. Zwar fand sie später tatsächlich Eingang in die britische Literatur, etwa bei Oscar Wilde, Charles Dickens und Jonathan Swift – nicht aber bei Shakespeare und selbstredend erst recht nicht in Zusammenhang mit dem Begriff Populismus.

Leichter zu enttarnen war vor wenigen Jahren ein Gedicht, das vermeintlich aus der spitzen Feder Kurt Tucholskys stammte und damals im Internet kursierte. „Wenn die Börsenkurse fallen, / regt sich Kummer fast bei allen, / aber manche blühen auf: / Ihr Rezept heißt Leerverkauf“, lauteten seine ersten Zeilen. Kurt Tucholsky, der alte Fuchs, hatte schon 1930 nahezu exakt die Finanzkrise des 21. Jahrhunderts vorausgesehen! Claus Peymann, Theater-Intendant am Berliner Ensemble, mithin ein Mann der Literatur, konnte sich kaum halten vor Begeisterung, schickte eine Kopie des Textes an die Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung. Eine „hellsichtige Analyse“ sei das doch, befand der Theatermann und sah sich in seiner linken, bankenkritischen Weltsicht wieder einmal von den allergrößten Geistern deutscher Kulturgeschichte bestätigt.

Es dauerte, bis den ersten Lesern auffiel, wie seltsam heutig und so gar nicht nach 1930 der Begriff Leerverkauf doch klingt. Der Sprachforscher Manfred W. Hellmann erkannte bald, dass zumindest die zweite Strophe des Gedichts („Leichter noch bei solchen Taten / tun sie sich mit Derivaten“) frühestens Mitte der 90er-Jahre entstanden sein kann – ein damals publizierter Spiegel-Artikel gilt als älteste Quelle des Begriffs Derivat. Mittlerweile ist bekannt: Ein gewisser Richard Kerschhofer aus Österreich hat sich als Dichter versucht und das Ergebnis in einer rechtskonservativen Zeitschrift veröffentlicht.

Vorsicht ist geboten

Was aber ist mit Goethes berühmter Mahnung zu bürgerlicher Wachsamkeit? „Wer in einer Demokratie schläft, wacht in einer Diktatur auf“, lautete sein Credo, und das ist nun derartig einleuchtend, treffend, originell, dass man sich wünschte, der alte Fürsten-freund hätte es wirklich gesagt. Doch von Warnungen vor einem Demokratie-Verlust war Goethe mindestens so weit entfernt wie Kurt Tucholsky von Derivaten. „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität“, ist bei Goethe nachzulesen: „Denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im Mindesten zu wissen, was sie will.“ Steht das wirklich so bei Goethe? Ja, das tut es: in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ – von Assimilation war tatsächlich schon in der Weimarer Klassik die Rede.

Wenn also kluge Geister in öffentlichen Debatten als Gewährsleute für politische Mahnungen, Forderungen oder einfach nur Behauptungen bereitstehen, ist Vorsicht geboten. Je besser das vermeintlich Jahrhunderte alte Zitat in unsere Zeit passt, desto größer ist die Gefahr, einer Fälschung aufzusitzen. Denn wie schon ein bedeutender Gelehrter der Renaissance sagte: „Das Dumme an Zitaten aus dem Internet ist, dass man nie weiß, ob sie wahr sind.“ (Leonardo da Vinci)