Stellt man sich die Literatur als Familienfest vor, dann entsprechen Horror und Fantasy der ungeliebten Verwandtschaft, die nur deshalb geduldet wird, weil sie so unverschämt erfolgreich ist. Auch Mary Shelley müsste vermutlich am Katzentisch Platz nehmen, dabei hat die Engländerin vor 200 Jahren eine Figur erschaffen, die bis heute zu den bekanntesten Schöpfungen der fantastischen Literatur zählt: Im zarten Alter von gerade mal 18 Jahren hat sie am Genfersee „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ verfasst. Mit von der Partie war der Arzt John Polidori; er hat damals „The Vampyre“ entworfen, die erste Vampirerzählung der Weltliteratur. Ken Russell hat diese Begebenheiten in „Gothic“ (1986) zu einer Mischung aus Horrorfilm und historischem Drama verarbeitet. Mit „Mary Shelley“ erzählt Haifaa Al Mansour nun die ganze Geschichte, sehr seriös und ohne Effekthascherei, aber trotzdem spannend; wenn auch auf völlig andere Art.

Die saudiarabische Regisseurin ist 2012 mit ihrem vielfach ausgezeichneten Drama „Das Mädchen Wadjda“ bekannt geworden. Der Film beschreibt das Leben im Islam aus Kindersicht: Wadjda ist ein aufmüpfiges Mädchen, das in seiner hyperreligiösen Umgebung dauernd aneckt. Al Mansour ist also genau die richtige Regisseurin für einen Film über Mary Shelley. Die Tochter der Feministin Mary Wollstonecraft ist zwar keine Frauenrechtlerin, schert sich aber ebenfalls nicht um Konventionen. Sie beginnt eine stürmische Affäre mit dem verheirateten Schriftsteller Percy Shelley und träumt davon, einen großen Schauerroman zu schreiben.

Natürlich ist „Mary Shelley“ auch ein Ausstattungswerk. Die Hauptfigur und ihre Darstellerin verhindern jedoch, dass das Drama zum reinen Kostümstück wird: Die Amerikanerin Elle Fanning („Die Verführten“) spielt die Titelrolle, als habe sie schon lange auf eine Gelegenheit dieser Art gewartet. Der Film ist keine Komödie, doch die Dialogduelle, die sich Mary und Percy liefern, sind stellenweise von eindrucksvoller Scharfzüngigkeit.

Die weiteren jungen Darsteller mögen hierzulande kaum bekannt sein, machen ihre Sache jedoch nicht minder vorzüglich: Douglas Booth als attraktiver Freigeist Percy, Tom Sturridge als Lord Byron, dessen Anregung eines literarischen Wettbewerbs schließlich zu den beiden berühmten Geschichten geführt hat, und nicht zuletzt Bel Powley als Marys jüngere Stiefschwester Claire, die in wilder Schwärmerei für Byron entbrennt.

Im Zentrum des romantischen Dramas steht jedoch die exquisit gefilmte und von angemessen großer Kinomusik untermalte Liebesgeschichte mit all’ ihren Höhen und Tiefen; Marys Erfahrungen verzweifelter Einsamkeit sind das Kernmotiv ihres Romans. „Mary Shelley“ ist Al Mansours erste Arbeit seit „Das Mädchen Wadjda“; ihre nächste lässt hoffentlich nicht wieder so lange auf sich warten.

Abspann:

Buch und Regie: Haifaa Al Mansour

Darsteller: Elle Fanning, Douglas Booth

Verleih: Prokino

Länge: 120 Min/ FSK: o.A.

Fazit: Erlesen gefilmtes Selbstfindungsdrama

.Ausschnitte aus dem Film über die Frankenstein-Erfinderin
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