450,3 Millionen Dollar: Für diese Rekordsumme wurde bei einer Auktion in New York 2017 ein Gemälde im kleineren Format versteigert. Der Besitzerwechsel von Leonardo da Vincis „Salvator mundi“ war der bislang letzte Paukenschlag auf dem Kunstsektor, dessen mediale Schallwellen noch in den entlegensten globalen Nachrichtenkanälen und -spalten nachzitterten.

Oder kann das weg?

Ungewöhnlich an dem Verkauf war, dass es sich nicht um ein modernes Kunstwerk handelte. Denn die aktuelle Hitparade der 100 teuersten Gemälde der Geschichte listet fast ausschließlich moderne und zeitgenössische Kunstwerke auf. Erstaunlich eigentlich angesichts der Tatsache, dass moderne Kunst, seit es sie gibt, massiv angefeindet wird. Der humorige Satz: „Ist das Kunst – oder kann das weg“ leiht bis heute verbreiteten Vorbehalten Ausdruck.

Wer jetzt die Ausstellung mit dem merkwürdigen Titel „Schau, ich bin blind, schau“ im Kunstmuseum Basel besucht, trifft dort neben anderen Künstlern auf einen Maler, der sich zeitlebens an der Andersartigkeit, Schwierigkeit und Sperrigkeit moderner und zeitgenössischer Kunst abarbeitete. Und dessen intellektuelle und künstlerische Entwicklung ein Beleg dafür ist, dass die Begegnung mit solcher Kunst ein Leben verändern kann.

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Rémy Zaugg gilt als einer der wichtigsten Schweizer Künstler des 20. Jahrhunderts. 1943 im Schweizer Jura geboren, studierte er in den Sechzigerjahren an der Kunstgewerbeschule Basel Malerei bei René Acht. Neben Gemälden schuf er auch Arbeiten auf Papier und Skulpturen. 1963, im ersten Jahr seines Kunststudiums, hatte er beim Besuch einer Ausstellung ein einschneidendes Erlebnis. Es sollte sein Leben wie sein Selbstbild als Künstler verändern. Im Kunstmuseum Basel sah Zaugg ein monochromes Gemälde des amerikanischen Abstrakten Expressionisten Barnett Newman. „Day Before One“ von 1951 ist ein knapp dreieinhalb Meter hohes und gut einen Meter breites Bild in Ultramarinblau.

Rémy Zaugg: „Technique oui ou non?“, 1967
Rémy Zaugg: „Technique oui ou non?“, 1967 | Bild: Tobias R. Dürring Fotograf

Etwas Derartiges war dem jungen Mann aus der Provinz noch nicht begegnet. Vor dem Bild, schrieb er später, „gingen meine expressionistische Periode und meine Jugend zu Ende.“ Und weiter: „Das Gemälde war da, entsetzlich präsent, nahe und doch leer.“ Zaugg erlebte das Bild als eine „gesichtslose, blinde Präsenz, die meine eigene Blindheit spiegelte“.

Abschied vom Figürlichen

Die Irritation führte dazu, dass Zaugg seine expressive figürliche Malerei aufgab, ein intensives Studium der Geschichte der Malerei begann. Fortan beschäftigte er sich auch theoretisch und praktisch mit dem Verhältnis von Kunst und Wahrnehmung, der Beziehung von Betrachter und Bild. Cézannes Gemälde „La maison du pendu“ wurde in diesem Zusammenhang wichtig für ihn. Zauggs „Perzeptiven Skizzen“, schriftliche Notate seiner Wahrnehmungen zu dem Bild auf nicht weniger als 48 DIN A3-Blättern, stellt die Ausstellung vollständig aus. In der Malerei sah Zaugg eine Art Grundlagenforschung der Wahrnehmung. Er untersuchte Prozesse ästhetischer Erfahrung und machte die technische Herstellung eines Bildes zum Thema. Im Tafelbild erkannte er eine Möglichkeit, Wahrnehmung zu erproben. Konzeptuelle und performative Aspekte seiner Malerei.

Rémy Zaugg: „Schau, ich bin blind, schau“, 1998.
Rémy Zaugg: „Schau, ich bin blind, schau“, 1998. | Bild: Tobias R. Dürring Fotograf

Die Basler Ausstellung, die eine ganze Etage des Neubaus des Kunstmuseums bespielt, bietet Werke aus allen Schaffensperioden Zauggs. Anlass für die Schau war die Schenkung von 24 Werken des Künstlers aus der Stiftung des Sammlerehepaars Hans Furer und Monika Furer-Brunner an das Kunstmuseum. Damit besitzt das Museum jetzt die vermutlich weltweit umfangreichste Sammlung von Werken des Künstlers. Die kostbaren Gaben präsentiert das Museum im Kontext wichtiger Werke der Stiftungssammlung wie der eigenen hochkarätigen Kollektion moderner Kunst. Ausgestellt ist auch das Bild von Newman.

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Der Titel der Schau entstammt einer Serie von nahezu quadratischen Wortbildern von 1997/98 in wechselnden Farbkombinationen. Ein frühes Werk, das sich in seiner Einfarbigkeit auf das Newman-Bild zu beziehen scheint, ist „Hellblau“ von 1972. Auf einem Gemälde der Serie „Für ein Bild“ von 1986/87 liest man: „Vorbei, nichts, eine Leere“ – und abgesetzt davon: „Ein Bild“. In der fünfteiligen Folge von 2005, dem Todesjahr Zauggs, hebt sich der Schriftzug „ICH“ in wachsender Deutlichkeit vom Grund ab.

Balkenhol findet ungeteilten Beifall

Die Ausstellung bietet darüber hinaus Arbeiten der Pop-Art-Künstler Andy Warhol, Claes Oldenburg und Robert Rauschenberg; dazu verschiedene Werke des Fotokünstlers Thomas Ruff. Auch Robert Mapplethorpes Porträt der Musikerin Patti Smith ist zu sehen. Sehr präsent ist Stephan Balkenhol – einer der eher seltenen Gegenwartskünstler, die ungeteilten Beifall finden.

Kunstmuseum Basel | Gegenwart, St. Alban-Rheinweg 60, Basel. Bis 1. Dezember, Di bis So 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr.