Der Alptraum hat Konjunktur. Er taucht auf in politischen Berichten über die erratische Politik von US-Präsident Donald Trump. Es ist von ihm die Rede an Wahlabenden, wenn bei den Hochrechnungen der Balken der Rechtspopulisten wieder besonders weit in die Höhe ragt. Und der Alptraum sucht die Menschen persönlich heim: Psychische Erkrankungen nehmen seit Jahren zu.

Wer den Alptraum bekämpfen will, muss ihn verstehen lernen. Es geht darum, sich ein Bild von ihm zu machen. Einer, der das wörtlich nahm, war der Schweizer Maler Johann Heinrich Füssli (1741-1825). Von Idealen der Aufklärung geprägt, nahm er in seiner Kunst die dunklen Ahnungen der Schwarzen Romantik vorweg. Das dramatisch Dämonische in der Literatur William Shakespeares hatte ihn inspiriert: Er zeigte den Alptraum in den Augen der schlafwandelnden Lady Macbeth, im Gesicht des wahnsinnig gewordenen Königs Lear oder im entsetzten Hamlet, als er den Geist seines Vaters erblickt. Wer auf Wikipedia nach „Alptraum“ sucht, stößt zuerst auf ein Bild von Johann Heinrich Füssli – kein Wunder.

Füsslis „Lady MacBeth, schlafwandelnd“ (um 1783).
Füsslis „Lady MacBeth, schlafwandelnd“ (um 1783). | Bild: Hervé Lewandowski / RMN-GP

Das Kunstmuseum Basel widmet diesem Meister des Alptraumhaften nun eine Ausstellung. Dabei geht Kuratorin Eva Reifert den Wesensmerkmalen des nächtlichen Schreckens auf den Grund.

In einer Zeit lange vor Sigmund Freud spricht Füssli noch vom Dramatischen und Erhabenen statt von Unbewusstem, von Trieben oder Traumata. An seinem scharfen Blick für die Mechanismen unser Urängste ändert das nichts. „Was könnte Ihnen einen größeren Schrecken einflößen, als wenn Sie eines Abends nach Hause kommen und sich an Ihrem eigenen Tisch sitzend anträfen?“, fragte er und enthüllte damit sogleich das größte Schreckgespenst des Menschen: ihn selbst. So liegt das Unheimliche in Füsslis Traumbildern nicht in den hin und wieder auftretenden Fabelwesen, nicht in den Geistern, Hexen und Dämonen. Es sind vielmehr Menschen wie du und ich, die durch Gestik und Mimik verschiedene Stadien des Bewusstseins offenbaren.

Hell und Dunkel

Der Schrecken beginnt in der kontrastreichen Wahrnehmung der Umwelt. Rein technisch gesehen sind die starken Hell-Dunkel-Gegensätze der damals schwachen Theater-Beleuchtung geschuldet. Insbesondere seine Shakespeare-Szenen malte Füssli aus dem Eindruck konkreter Bühnen-Erlebnisse heraus. Da aber auch Bilder ohne Theater-Kontext mit diesem Kontrast spielen, zeigt sich darin eine tiefere Bedeutung: Der verängstigte Mensch sieht nur noch Gegensätze, ob es dunkle Abgründe sind oder strahlend helle Retter.

Allerdings ist auch das Helle nicht immer beruhigend. Blütenweiße Frauenkörper stehen für Unschuld und Hilflosigkeit, fahl aufscheinende Gesichter zeigen drohende Gefahr an. Oft sind es Erscheinungen in der Umgebung, die diesen Körpern und Gesichtern ihre Wirkung verleihen: Schwere Ketten etwa, an denen verängstigte Jungfrauen hängen, oder dunkle Gestalten, bereit, sich dieser Frauen zu bemächtigen.

Irritierte Blicke

Am Unheimlichsten aber sind ganz gewöhnliche Passanten. Ihr irritierter Blick auf den entsetzten Hamlet oder die von Alpträumen geplagte Lady Macbeth verrät: Der Grund des Schreckens ist für Normalsterbliche nicht zu sehen. Der Wahnsinn erschließt sich ganz allein demjenigen, den er befällt.

Auch das darf nicht fehlen: die Wiederholung. Jeder Alpträumende kennt den Moment, wenn sich eine Handlung im Kreis dreht und man keinen Ausweg findet. Auf der Leinwand lässt sich das kaum abbilden, Füssli findet aber Ersatz: Statt Handlungen wiederholt er Gesten. Panisch nach oben gereckte Hände, mahnend nach vorn gerichtete Zeigefinger oder schlaff herabhängende Arme werden zu Stereotypen. Die Wiederholung lässt eine Geste zu Pathos werden und Pathos zu Drama.

Füsslis „Nachtmahr“ (1790/91) ist im Goethehaus in Frankfurt am Main zu sehen.
Füsslis „Nachtmahr“ (1790/91) ist im Goethehaus in Frankfurt am Main zu sehen. | Bild: Wikipedia

Und was ist das ultimative Alptraum-Bild? Es heißt „Der Nachtmahr“ und ist in verschiedenen Versionen erschienen. Das ist auch ganz richtig so, gehört es doch zu den tückischen Seiten dieses Nachtmahrs, dass er seine Gestalt zu wechseln versteht. Immer gleich aber ist die schneeweiße schlafende Jungfrau mit schlaff von der Bettkante hängendem Arm. Eine fiese kleine Gestalt hockt auf ihrem Körper. Und von hinten durch den Vorhang lugt gierig, glubschäugig das Kopf eines Gauls hervor.

Furchtbar? Der Betrachter sei ehrlich: Wie das Pferd, so schaut auch er selbst mit gierigen Blicken auf die arme Frau. Mit seinem kleinen Theaterstück führt ihm Füssli die lustvolle Seite des Alptraums vor. Aus Sicht des Voyeurs lässt sich der Grusel auch genießen.

Die Ausstellung „Füssli: Drama und Theater“ ist bis 10. Februar 2019 im Kunstmuseum Basel zu sehen. Geöffnet ist Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr sowie Mittwoch bis 20 Uhr. Alle Informationen zu der Ausstellung finden Sie hier.