Theater. Ein Konzert von Iron Maiden ist Theater. Kaum eine andere Band verliert sich so in Perfektion. Die Bühnen-Show ist Theater und großes Kino in einem, die Musik ist ohnehin unbestritten auf höchstem Niveau. Iron Maiden haben seit Ende der 1970er-Jahre einen Stil geprägt. Andere Bands auch – doch die sind bereits Geschichte.

Iron Maiden schreiben ihre Musikgeschichte noch fort. Und sind im 43. Jahr ihres Bestehens so erfolgreich wie nie. Der Umsatz bei einem Konzert geht in die Millionen, mehr als 100 Millionen Tonträger haben sie ohnehin schon verkauft. Wobei bei den Briten wie bei all den anderen musikalischen Helden der 1980er gilt: Bespielen sie die großen Bühnen der Welt, packen sie am besten die Hits von einst ein.

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Iron Maiden haben bei ihrer „Legacy Of The Beast“-Tour ein gutes Händchen bewiesen, obwohl solche Kracher wie „Bring Your Daughter To The Slaughter“ fehlen. Es gibt ja noch genügend andere. 16 Lieder, drei davon vom Album „Piece Of Mind“ von (1983), drei von „Number Of The Beast“ (1982). So befinden sich die fast 12.000 Fans im Zürcher Hallenstadion auf einer Zeitreise insbesondere in die Anfänge des modernen Heavy Metal.

Eine Erfolgsgeschichte

Ohne Iron Maiden wäre dieser Stil heute nicht derselbe. Als Steve Harris 1975 die Band gründete, war die erste Welle des Heavy Metal abgeflacht, der Punk erlebte eine Blüte. Iron Maiden machten diesen Trend nicht mit und legten den Grundstein für die New Wave Of British Heavy Metal, einer neuen musikalischen Sparte. Die Anfänge waren zwar schwer. Erst nach dem Ausstieg von Paul Di’Anno und dem Einstieg von Bruce Dickinson 1981 gelang der Durchbruch. Die Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. Es war und ist diese klare, direkte Spielart, diese im Vergleich zur ersten Welle schnellen Tempi, insgesamt wurde alles melodiöser. Das sollte der Ausgangspunkt für Subgenres des Heavy Metal werden.

Ruhestand? Nein, danke!

Weitere Größen wie Manowar und Slayer gehen demnächst in Rente. Im Alter von fast 60 Jahren und darüber hinaus haben sie genug vom Musikgeschäft, Erfolg hin oder her. Bei Iron Maiden ist Sänger Bruce Dickinson, er wird im August 60, der Jungspund der Truppe. Angesichts der Energie, die er und seine Kollegen auch in Zürich auf die Bühne bringen, ist schwer vorstellbar, dass die Briten bereits an den Ruhestand denken. Es wäre ein riesiger Verlust.

Nahezu jedes Lied erhält ein eigenes Bühnenbild. Beim Eröffnungs-Kracher „Aces High“ über den Luftkrieg um England im Jahr 1940 schwebt ein Spitfire-Jagdflugzeug über den Köpfen der Musiker – Bruce Dickinson ist ebenfalls stets passend gekleidet, in diesem Fall mit Fliegermütze und -brille. Vom ersten Ton an ist klar, dass das ein großer Abend wird – ob man Fan der Band ist oder interessierter Zuschauer.

 

Iron Maiden lassen ihre Musik sprechen, das soll so sein. Die Songs sollen hier und jetzt eine Geschichte erzählen, erklärt Bruce Dickinson nach dem dritten Lied „2 Minutes To Midnight“ vom 1984er-Werk „Powerslave“. Für den Rest der Show fällt der direkte Kontakt zum Publikum eher knapp aus. Obligatorisch der Aufruf des Sängers an die Fan-Schar: „Scream for me“, schreit für mich! Zürich schreit – und wie: Die Zuschauer sind aus dem Häuschen, stimmen bei jeder Gelegenheit zum Chor ein.

 

Iron Maiden schleudern den Fans die Soli mit einer selten gehörten Wucht um die Ohren. Zuständig dafür sind gleich drei Gitarristen: Dave Murray, Adrian Smith und Jannick Gears, die sich ein passgenaues Spiel mit Bassist Steve Harris und Schlagzeuger Nicko McBrain liefern. Besser geht es nicht; und dazu die Sirene aus der Kehle Bruce Dickinsons. Nicht umsonst trägt er den Spitznamen „Air Raid Siren“ (Luftschutzsirene).

 

 

Dickinson ist der Chef des großen Theaters, wenn er als Mönch in „The Sign Of The Cross“ die Fans mit einem leuchtenden Kreuz bekehrt, wenn er in „The Trooper“ mit dem überdimensionalen Band-Maskottchen und Maiden-Markenzeichen Eddie fechtet, wenn er bei „Fear Of The Dark“ als dunkle Gestalt über den Bühnen-Aufbau schleicht. Überhaupt steuert das Konzert bei diesem Stück (1992) auf seinen Höhepunkt zu, gipfelt in „Number Of The Beast“ (1982) und „Iron Maiden“ (1980). Einziger Ausreißer ist „Flight Of Icarus“, das ungewöhnlich unharmonisch aus den Boxen dröhnt.

 

Nach fast zwei Stunden endet das Theater. Das große Kino aus Bombast, Pathos, Genialität. Es drängt sich die Frage auf: Wo sind sie heute, die Bands mit einem Format wie Iron Maiden?