Eine Frau sitzt im Glaskasten an der Kasse des Bad Säckinger Gloria-Theaters. Rote Wände, Popcornmaschine, Glasschwingtüren und auf dem roten Teppich am oberen Ende des Treppenaufgangs ein alter Filmprojektor – der Raum ist eine Zeitkapsel aus den Fünfzigerjahren, als hier noch Zelluloid-Rollen abgespielt wurden. Um das Bild zu vervollständigen fehlt ein Jugendlicher mit Lederjacke, Schmalztolle und Milchshake in der Hand. So sieht Jochen Frank Schmidt allerdings gar nicht aus. Schlank, Jeans und Hemd. Wie der Manager eines hippen Start-up-Unternehmens. Irgendwie ist er das ja auch. „Wir haben uns sofort in das Gebäude verliebt“, berichtet er vom Neuanfang des Gloria Theaters.

Seine Erzählung wirkt wie die Handlung eines Musicals: 1959 bekam Bad Säckingen ein Kino. In großen blauen Buchstaben der Name auf dem Dach. „Gloria“ – Ruhm und Pracht. Im Laufe der Jahre blätterte jedoch die Farbe ab, der Prunk schwand und das Gloria schrieb rote Zahlen. Kein Geld in den Kassen und kein Pächter, der investieren wollte. Die Besucher blieben aus, das Gebälk wurde marode und in den Wänden saß der Schimmel. Der Gemeinderat wollte das Gebäude abreißen lassen. In der entscheidenden Sitzung tauchten zwei Burschen auf, um die 30 Jahre alt, frisch aus dem Studium. Sie strotzten vor Selbstvertrauen und hatten ein Konzept im Gepäck, um dem heruntergekommenen Kino zu neuem Ansehen zu verhelfen: Sie wollten dort Musicals aufführen. Selbst geschrieben. Selbst produziert. Begeisterung im Saal. Alle stimmten dafür. Wäre die Sitzung ein Musical, spätestens jetzt würde der Gesang einsetzen.

Vom oberen Rang blickt Schmidt in den Saal, der bei voller Besetzung 600 Besucher fassen kann. Er hält inne, fast so, als ob er ein großes Lebenswerk bewunderte. So sieht Stolz aus. Die Schals, wie Theaterleute die großen schwarzen Vorhänge nennen, sind hochgezogen, der Blick reicht fast bis auf die Hinterbühne. Vorne: Werkzeug und Teile einer Kulisse. Ein Koffer als Requisite. Der Charme der Fünfziger ist auch hier spürbar. Roter Teppich, gepolsterte Kinositze und große Leuchter sorgen dafür. „Wir haben hier alles renoviert, arbeiten allerdings konstant an der Ausstattung“, sagt Schmidt und zeigt auf die Scheinwerfer, die so in einem Kino eigentlich nicht zu finden sind. An der Decke hängt eine Trasse mit Moving Lights, die per Computer in die gewünschte Richtung leuchten und auch fließende Farbwechsel zulassen. „Hätten wir damals gewusst, was uns erwartet, wir hätten es gelassen“, sagt Schmidt.


Im alten Kino wartete jede Menge Arbeit. So viel, dass sie bald jede freie Minute beanspruchte. 2007 pachteten Jochen Frank Schmidt und sein Freund und Kollege Alexander Dieterle das Gloria-Theater. Der Vertrag mit der Stadt lief über zwei Jahre. Es galt, 35 Jahre an Sanierungsstau zu beseitigen, und das in wenigen Monaten. Die beiden brauchten Geld. Das Ersparte steckte bereits im Renovierungsvorhaben, und auf Pump wollten sie nicht leben. In drei Monaten sollte daher das erste Musical Premiere feiern. Das Gloria war allerdings noch in einem desolaten Zustand.

Die Belastung war enorm: Mittags wurde geprobt, nachts gearbeitet, vier Stunden Schlaf blieben pro Tag zur Erholung. Drei Monate ging das so. Bekannte und Freunde halfen und immer mehr Säckinger packten mit an, ein Förderverein etablierte sich.

Heute übernachten Schmidt und Dieterle nicht mehr im Theater. Sie können abends nach Hause und verbringen ihren Arbeitstag im Obergeschoss des Gloria. Dort reihen sich kleine enge Büroräume aneinander und im Vorzimmer sitzt eine Sekretärin: „Wollen sie auch etwas trinken?“ Schmidt setzt sich an den Tisch, der einen Großteil des kleinen Raumes ausmacht. Jeder mögliche Platz wird genutzt. „Man muss schon etwas grün hinter den Ohren sein, um so etwas zu machen“, sagt er und nimmt einen Schluck Kaffee. „Zu Beginn haben nur Alexander und ich gearbeitet. Wir dachten ernsthaft, dass wir das allein hinbekommen.“ Wenn die beiden von den Anfangstagen erzählen, wird ihre Begeisterung spürbar. Trotz aller Mühen und Plackerei: „Wir haben sehr viel renoviert, obwohl wir nur Pächter sind“, sagt Dieterle.

Sie ergänzen sich. Schmidt, der extrovertierte Musiker und Dieterle, der analytische Techniker. Es funktioniert. Und vor allem: Sie haben Spaß dabei. Gelernt haben sie etwas anderes: Dieterle hat Informatik, Schmidt Betriebswirtschaftslehre studiert. Das Schreiben und Komponieren von Musicals: „Selbst beigebracht“.

2007 fand die Uraufführung von Schmidts selbst geschriebenem Musical „Lichterloh“ im Gloria statt. Noch am Tag der Premiere strichen Helfer den Eingangsbereich fertig an. Als schließlich die Gäste kamen, war der letzte Farbtropfen getrocknet. „Lichterloh“ wurde zum Publikumserfolg. Der Saal war mit 600 Besuchern voll belegt. Nach Ende der Spielzeit haben 17 000 Zuschauer das Musical gesehen.

Schmidts Handy klingelt, er wimmelt ab. Der Stress aus den Anfangstagen sei immer noch da, er und Dieterle könnten heute vielleicht ein bisschen besser damit umgehen. Inzwischen blicken sie auf zehn erfolgreiche Jahre zurück. Im Oktober 2017 feiert ihr fünftes Musical, „Happy Landing“ Weltpremiere. „Wenn du glaubst zu wissen, wie es klappt – dann ist es aus“, erklärt Dieterle. Die Leute wollen immer neue Höhen, mit jeder Produktion einen neuen Reißer. Das verdichtet sich in der Premiere: „Es gibt wenige Branchen, in denen es solche Spitzen gibt“, sagt Dieterle. „Die Premiere entscheidet alles.“

Informationen

Das Gloria-Theater steht in der Friedrichstraße 21, Bad Säckingen. Bei Anreise aus Richtung Osten führt die Bundesstraße 34 direkt zum Zielort. "Happy Landing" hat am 21. Oktober Premiere (20 Uhr). Am Tag darauf finden zwei weitere Vorstellungen statt (um 13.30 Uhr und 18.30 Uhr). Zahlreiche weitere Vorstellungstermine im November und Dezember sind zu finden unter: www.happy-landing-musical.de (brg)