Es war die Silvesternacht 1995 als Hans-Joachim Irmler gemeinsam mit tausenden anderen Feiernden auf das Feuerwerk im Hamburger Hafen starrte und sich fragte, was er in Zukunft mit seinem Leben anfangen sollte. Mit 18 war er aus der süddeutschen Heimat, die ihm damals viel zu klein und eng vorkam, in die Elbmetropole gezogen. Hier hatte er an der Kunsthochschule studiert und für Funk- und Fernsehen gearbeitet. Und hier hatte er gemeinsam mit seiner selbst konstruierten und heute legendären Orgel eine außergewöhnliche Musikkarriere gestartet.

Aus einem wilden Kollektiv hatte sich 1970 die Krautrock-Formation Faust geschält, die in den Folgejahren den internationale Musikkosmos nachhaltig umgrub und bis heute Bands von Oasis bis Radiohead nachweislich beeinflusst. Jetzt aber, in dieser von den explodierenden Raketen bunt ausgemalten Nacht, merkte er, dass ihm irgendetwas fehlte. Seltsamerweise hatte sich in den vorherigen Wochen nach jahrzehntelanger Abstinenz wieder sein schwäbischer Dialekt gemeldet. Ein Zeichen?

Noch im Januar brach er mit seiner Katze gen Süden auf und besuchte seine Mutter in Scheer bei Sigmaringen. Und abseits des unablässigen Großstadtstrudels, inmitten der Stille der schwäbischen Provinz begann sich die angesprochene Leere plötzlich zu füllen wie der Tank eines leergefahrenen Autos. Die anstehende Fasnet nahm Irmler dann eben auch noch mit und als er sich eines Nachts am Fuß verletzte war ihm das auch gar nicht so unrecht. „So hat das eine das andere ergeben. Und irgendwann habe ich das gedeutet. Da habe ich tatsächlich meine ganze Geschichte in Hamburg aufgelöst und habe gesagt: Jetzt bleibe ich hier.“

 Jochen Irmler kehrte zurück nach Scheer. Hier versuchte er sich zunächst als Privatier, „was auch immer das heißen mag“. Doch ohne Musik, das war klar, ging es nicht. Kurz vorher hatte sich Faust nach Jahrzehnten wieder vereinigt und Irmler zeigte sich bald offen für neue Projekte. „Ich bin peu à peu wieder da rein gerutscht...“

In einer ehemaligen Papierfabrik in Scheer gab es Fabrik-Räume zu erstehen. Weitläufig. Industriell. Abseits des Dorfkerns. Eigentlich ideal für ein Studio. Trotzdem haderte Irmler lange Zeit mit sich, ehe er zusagte. Der Name „Klangbad“ und das dazugehörige Label hatte es zuvor schon gegeben. Irmler und Faust-Kollegen hatten einmal ein Konzert in einem leerstehenden Hallenbad gespielt – ein einzigartiger Sound. Und ein passender Name, der die sphärische Hörerfahrung von Krautrock und neuer Musik irgendwie greifbar macht.

Bevor in der Papierfabrik die ersten experimentellen Klänge gespielt werden konnten, stand eine umfassende Renovierung an. Eine Mammutaufgabe. Doch Irmler, der durch seine Faust-Jahre Gott und die Welt und noch viele mehr kennt, machte daraus ein Event. Im Internet erfolgte der Aufruf und mehrere Dutzend Freiwillige und Freunde – viele davon nachweislich mit zwei Linken Händen ausgestattet – machten sich auf nach Scheer, um das Projekt Klangbad zu starten.

Unter den helfenden Arbeitern befanden sich Musiker, Journalisten, Künstler aus ganz Europa. Morgens wurde gearbeitet, mittags gebadet und diskutiert. Heute steht in Scheer ein professionelles, über Jahre gewachsenes Studio, das auch Irmlers selbstgebautes Equipment aus über 30 Jahren beheimatet.

Aus der Ursuppe der Helfer aber entstand ein Jahr später dann auch das erste Klangbad-Festival, das in den folgenden Jahren zum vielleicht komplexesten Popfestival Deutschlands reifte und internationale Popgrößen wie Dälek, Olafur Arnalds oder Soap&Skin nach Scheer lockte.

„Ich habe mich immer um interessante und anstrengende Gruppen bemüht – es war schnell klar, dass das eine Melange werden sollte.“ Am Ende fand das Festival, das stets auf extrem faire Preise und Nachhaltigkeit gesetzt hatte, nach seiner achten Ausgabe sein Ende. Zum Leidwesen von Musikfans von Israel bis Japan. Der finanzielle Aufwand war für das kleine Team, dass bewusst auf strahlkräftige Sponsoren verzichtete, schlicht nicht mehr zu stemmen.

Doch auch nach dem Ende des Festivals bleibt das Klangbad eine wirkliche Oase der Pop- und Hochkultur. Eine Pop-Utopie mitten in der Provinz. Und trotzdem ist das Klangbad und auch Irmler selbst durch seine Dauerpräsenz in Magazinen wie Spex und abgefahrene Tourprojekte in den Metropolen bekannter als in der heimischen Region. „Viele Scheerer wissen nicht einmal, dass es hier ein Studio gibt.“

 Immerhin die Erdbeerverkäuferin hatte ihn letztens erkannt: „Sie sind doch dieser Musiker?“ Aber hallo: Alleine im vergangenen Jahr spielte Irmler mit Mogwai in Schottland, tourte mit Gudrun Gut durch Mexico und konzipierte gemeinsam mit F.S.K. Schlagzeuger Carl Osterhelt und einem klassischen Quartett das Projekt „Formen“.

„Musik ist eine der extremsten Sachen, die man überhaupt machen kann. Es gibt für mich nichts drüber! Musik, selbst wenn sie geschrieben ist, ist immer unmittelbar und immer anders“, sagt Irmler, der für „Formen 2“ auch mit der ortsansässigen Blaskappelle kooperieren wird. Und natürlich fragt man sich, wie das hier funktionieren kann. In Scheer. „Das Festival und das Studio sind einfach einzig. Anders als in der Stadt gibt es keine Alternativen. Hier gibt es extrem viel brachliegendes Potenzial, das einfach nicht genutzt wird. Die exponentielle Situation hier intensiviert die Arbeit extrem. “

Ein wirklich extremes Projekt steht im Sommer an: Dann nämlich wird Fraktus in den Klangbad-Studios mit Jochen Irmler aufnehmen und Ende des Jahres in Scheer aufspielen. Das Bandexperiment um Jacques Palminger, Rocko Schamoni und Heinz Strunk hatte in der gleichnamigen Mockumentary darauf gepocht, irgendwann am Klangbad-Festival aufzutreten.

Bei einem Palminger-Konzert in Ulm musste Irmler zwar die Absage für einen Festival-Konzert erteilen – im Gespräch aber entstand die Idee eines gemeinsamen Projektes. Innerhalb einer Woche soll nun eine Kooperation entstehen – gefördert vom Innovationsfonds Kunst des Landes Baden-Würrtemberg. Irmler blickt schon jetzt mit strahlenden Augen auf das Projekt: „Das wird sicherlich aufregend. Und es darf auch mal etwas schief gehen – wenn man es genau anschaut, kann man es wahrscheinlich nicht einmal unterscheiden. Hauptsache, es verwirrt ein bisschen. Und ist unterhaltsam. Und spannend. Ich freue mich!“

Die Musikfans auch. Denn eines steht fest: Solange Hans-Joachim Irmler in Scheer werkelt, bleibt das Städtchen ein unscheinbares Zentrum der Avantgarde- und Popmusik. Und wer weiß? Vielleicht wird in unbestimmter Zukunft auch das Klangbad-Festival zurückkehren.

Zur Person

Hans-Joachim Irmler wurde 1950 geboren und begeisterte sich früh für Musik – wobei er bereits von klein auf das Überblasen der Blockflöte spannender fand, als das strikte Spielen nach Noten. Mit 17 Jahren baute er seine erste elektronische Orgel, die er bis heute weiterentwickelt. Nach dem Abitur zog Irmler nach Hamburg, studierte an der Kunsthochschule und gründete Faust. Seit Mitte der 90er wohnt er wieder in Süddeutschland und installierte das Klangbad-Label für experimentelle Musik. (hep)

Video: Drei Fragen an Hans-Joachim Irmler



Hörbeispiel: