Wie eine flüchtige Erscheinung, eine hingehauchte Geste, begegnen uns die fragilen Papierarbeiten von Silvia Heger. Es sind luftige, ebenso anmutige wie archaische Gebilde, die der Schwerkraft enthoben im Raum ein dynamisches Eigenleben entwickeln. Unwillkürlich ziehen sie den Betrachter an und entfalten ihren stillen Zauber. Von filigranen Skulpturen an dünnen Stahldrähten, von geschichteten Reliefs und schwebenden Installationen ist die Rede, die ihre einzigartige Gestalt aus einem besonderen Material, aus handgeschöpftem Papier, gewinnen. Im Wechselspiel von Licht und Schatten, Transparenz und Volumen treten sie in Kontakt zum Betrachter, faszinieren durch ihre schlichte, dennoch reizvolle Ästhetik und verführen durch die sinnliche Aura des Materials.

„Papier transportiert für mich verschiedene Eigenschaften: Fragilität, Leichtigkeit und Transparenz, ebenso Schönheit und Vergänglichkeit“, erklärt Silvia Heger ihre starke Affinität zu dem Werkstoff, dessen Eigengesetzlichkeiten im Zentrum ihres Lebens und Schaffens stehen. Zart und doch stabil, einfach und doch komplex, entlockt sie dem Papier als plastisch orientierte Künstlerin seit Jahren immer neue, autonome Formgeschöpfe, mit denen sie eine eigenständige Position im aktuellen Kunstgeschehen der Bodenseeregion behauptet.

Eigentlich hat Silvia Heger Malerei und Grafik studiert, dann aber bald Pinsel und Stift beiseitegelegt, sich auf raumbezogene Projekte konzentriert und Mitte der 90er-Jahre das Papier als zentrales Medium für ihr Ausdruckswollen entdeckt. Nachhaltige Impulse erfuhr diese Wandlung durch Inspirationen während einer Reise durch Japan, Südkorea und China, wo Heger das Potenzial des Werkstoffes Papier, seine Wertigkeit und Ausstrahlung, schätzen lernte. Reduktion auf das Wesentliche und Konzentration auf das Elementare bestimmten fortan ihren Umgang mit Papier – sie erlernte das eigenhändige Schöpfen von Papier und suchte neue Wege der Gestaltung abseits der traditionellen Zweidimensionalität. Konsequent dringt sie seither mit ihren skulptural konzipierten Papierobjekten in räumliche Dimensionen vor, lässt den umgebenden Raum durch die meist beweglichen Arbeiten geradezu in Schwingung geraten.

„Mich interessiert die Wechselwirkung von Licht und Raum“, erklärt Heger ihr „Eingreifen in den Raum“, den sie sich schrittweise erobert hat. Nach ersten wandbezogenen Reliefarbeiten entstehen seit etwa 2000 dreidimensionale Papierarbeiten, die als frei von der Decke abgehängte oder auf feinsten Metallstäben elegant balancierende Skulpturen, teilweise ergänzt durch reflektierende Acrylglas-Elemente, den Betrachter in den Bann ziehen.

Ausgehend vom Grundmodul eines faserigen Papierstreifens von circa 21 x 4 cm erzielt Heger durch subtile Schichtungen und Überlagerungen überraschende Volumina, die ebenso lichtdurchlässig wie verdichtet, zerbrechlich und zugleich raumgreifend, organisch gewachsen und konstruktiv gebaut erscheinen können. Beim geringsten Luftzug geraten die fedrigen Werke in Bewegung, wippen tänzerisch oder vollführen langsame Drehungen – sie wirken wie immaterielle Raumzeichnungen. „Diese installativen Plastiken treten in Beziehung zum Betrachter, dessen Gesten und Schritte die Luft und damit auch die Papierfahnen zum Schwingen bringen“, erläutert die Künstlerin den interaktiven Prozess, der emotional auf den Betrachter einwirkt und zugleich eine meditative Atmosphäre entstehen lässt.

Hegers experimentierfreudiger Ansatz mündet ab 2012 schließlich in neue Werkserien mit poetischen Titeln wie „Schwere-los“ und „Leichtfänger“, bei der natürlich geformte Äste und Garne in den flüssigen Zellulosebrei eingetaucht werden, die mit den so entstandenen membranartigen Anhaftungen filigrane Gewebe erzeugen, die wiederum an schwebende Nester oder poröse Wabenstrukturen erinnern. Die puristische Ästhetik verdankt sich auch dem sparsamen Einsatz von Farbe: Nur selten sind die Papiere mit Ölen, Harzen und Pigmenten eingefärbt – ansonsten dominiert schieres Weiß, das für Heger „Stille und Reinheit“ ausstrahlt und „durch Licht ständig neu entsteht“.

Silvia Hegers vieldeutige Arbeiten feiern die Lebendigkeit und Anmut des handgeschöpften Papiers. Mit dem Ziel, „die Polarität zwischen zeitloser Schönheit und Vergänglichkeit des Materials auszuloten“, sucht sie die von allem Gegenständlichen losgelöste, absolute Aussage im Umgang mit der Kraft und Reinheit der Materie. Als formgewordene Lyrik erzählen ihre Papierobjekte von der Leichtigkeit des Seins.

Zur Person

Silvia Heger wird 1963 in Konstanz geboren. Von 1985 bis 1990 studierte sie Freie Grafik und Malerei an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Eine mehrmonatige Reise durch Japan, Südkorea und China prägt 1988 ihre künstlerische Entwicklung nachhaltig und verstärkt ab 1989 die Beschäftigung mit den Aspekten von Transparenz und Raum. Nach Tätigkeiten für Requisite und Filmausstattung sowie dem Erlernen der Technik des Papierschöpfens lebt und arbeitet Silvia Heger seit 1999 in ihrem eigenen Atelier- und Werkstatthaus in Immenstaad am Bodensee. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen sowie Werke in verschiedenen öffentlichen und privaten Sammlungen lassen ihr Schaffen seit den späten achtziger Jahren international bekannt werden. Weitere Infos im Internet unter:www.silvia-heger.de (ag)

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