Schon auf dem Weg zu seinem Atelier im Konstanzer Neuwerk fällt das riesige Messer ins Auge, das die Fassade des Innenhofs durchsticht. Schreitet man dann im Treppenaufgang unter der Klinge hindurch, so ist dort zu lesen: „Steckt das, wonach Du verlangst, nicht schon längst in Dir?“ Eine typische Arbeit von Davor Ljubicic, der mit seiner Kunst subversiv in räumliche Situationen eingreift und zum Nachdenken anregt .

Zeichner, Maler, Videokünstler, Performer: So vielschichtig wie seine Künstlerpersönlichkeit, so facettenreich und schwer zu fassen ist das Schaffen von Davor Ljubicic. Der Besuch in seinem Atelier lässt den Betrachter eintauchen in ein kaleidoskop­artiges Dickicht der Materialien und Ausdrucksformen, Techniken und Sinneseindrücke. Monumentale Kohle- und Grafitzeichnungen sowie farbstarke Gemälde hängen in mehreren Schichten an sämtlichen Wänden oder lagern über eisernen Stellagen, große von Leinöl durchtränkte Papierrollen stehen wie skulpturale Röhren im Weg, von der Decke hängend erobern sich weitere Blätter den übervollen Werkstattraum. Der tiefschwarze Boden mit zahlreichen Verkrustungen kündet lebhaft von den Spuren eines exzessiven Arbeitsprozesses. Und alles wird durchdrungen vom intensiven Geruch des gekochten Leinöls, das Ljubicic bevorzugt für seine Werke verwendet.

Wuchtig, kraftvoll, expressiv. Bisweilen düster und melancholisch, dann wieder leicht, offen und fast poetisch: So begegnen uns die abstrakten Zeichnungen und Gemälde des 1958 in Kroatien geborenen und seit 1993 in Konstanz lebenden Künstlers. Nach dem Studium an der Kunstakademie in Sarajewo kam er nach Deutschland. Der Krieg – ein tiefer Einschnitt in Ljubicics Leben und Denken – verunmöglichte die Rückkehr. Hauptelement seiner Kunst ist der Raum, in dem er mit unorthodoxen Installationen interveniert und den er mit konzeptuellen Videoprojektionen stets aufs Neue auslotet.

So entfaltet sich Ljubicics Werk auf faszinierende Weise an den Rändern und Schnittstellen von Malerei, Zeichnung, Film, Objekt- und Raumaktion. Dabei durchdringen und steigern sich die einzelnen Werkbereiche beziehungsreich zu einem untrennbaren Ganzen. Zeichnerisches wird zur Basis für Übermalungen, Bilder wandeln sich zu Projektionsflächen für Videomontagen, Alltagsbeobachtungen sowie körperbetonte und raumgreifende Aktionen des Künstlers avancieren zu zentralen Motiven in den gefilmten Performances.

Ein unbändiges Ausdruckswollen und eine vitale Energie durchpulsen sämtliche Werkschöpfungen.

Sein intuitives Vorgehen vergleicht Ljubicic mit einer „archäologischen Grabung in den Tiefenschichten der eigenen Erinnerungen und Emotionen“, wobei stetig neue Spuren, ungeahnte Formen und verborgene Strukturen ans Licht gelangen, die für ihn in einem Prozess des ständigen Aufdeckens und Abtragens „in unterschiedliche Zusammenhänge gebracht werden können und verschiedenartige Zuordnungen erlauben“. Und so prägen Schichtungen, Überlagerungen und Durchdringungen von Formgebilden, Flächenstrukturen und Bildräumlichkeiten ganz wesentlich Ausdruck und Wirkung seiner Zeichnungen und Gemälde.

Ljubicic sucht generell die möglichst unmittelbare, nicht selten auch rabiate Auseinandersetzung mit den Werkstoffen. Experimentierfreudig traktiert er seine Arbeiten mit Kohleabrieb und Grafitstaub, die in Leinöl gebunden zum Triebmittel extrem dynamischer Kompositionen auf schwerem Büttenpapier werden. 2015 war ein solcher wandbeherrschender Zyklus im Konstanzer Kunstverein zu sehen: schwarze Bögen, Kurvaturen und Spiralen in transparenten Tumulten auf hellem Grund, Assoziationen an Nervenbahnen oder molekulare Systeme wachrufend.

Gestisch gesetzte Formen und breite Bahnen ringen darin spannungsvoll um ein neues Gefüge aus heftiger Verdichtung und filigraner Offenheit, Licht und Dunkel, Tempo und Ruhe. Archaische Zeichen oder vieldeutige Chiffren können herausgelesen werden. Seine aktuelle Werkserie bezeichnet Ljubicic als „Rektifizierte Artefakte“, die – bewusst aus Überbleibseln früherer Installationen oder Performances – neue komplexe „Konstellationen“ hervorbringen.

Ljubicics Werke, die dem Betrachter niemals einen leichten Zugang gewähren, lassen sich immer auch als Seelenbilder verstehen, die inneren Zuständen nachspüren und Existenzielles mit elementarer Macht zur Anschauung bringen. Dabei widersetzen sie sich dem Harmonischen oder Gefälligen, wirken oftmals sperrig, spröde, unbequem. Immer auch erweist sich Ljubicic als wacher, zeitkritischer Beobachter gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse. Mit seinen gewagten Arbeiten agiert er provokant, eckt an, offenbart sich als unabhängiger Querdenker, der nicht das Ausgleichende, sondern den gestaltenden Akt und die gedankliche Reflexion in Reinform sucht. Er scheut nicht das irritierende, gewaltsame und verstörende Element in seiner Kunst, so etwa in der Video-Zeichnung-Installation „Sättigung“ von 2006 in der Kapuzinerkirche Überlingen, die einen realen Hundekampf auf Leben und Tod als verfremdete Filmsequenz zeigte und entsprechend kontrovers diskutiert wurde.

Zum engagierten Kunstvermittler avancierte Ljubicic schließlich mit seinem seit 1991 an verschiedenen Orten temporär realisierten Projekt „Galerie der schwarze Punkt“, wo er befreundeten Künstlern erfolgreich eine freie Ausstellungsplattform bot – so beispielsweise 2006/07 im Gewölbekeller des Konstanzer Kulturzentrums am Münster. Auch durch seine langjährige Lehrtätigkeit in Meersburg und Konstanz sucht Ljubicic den Austausch mit der jüngeren Generation und vermittelt seine ganz eigene Auffassung von Kunst.

Die ebenso treffsichere wie unerschrockene Verklammerung kontrastierender künstlerischer Gattungen und Ausdrucksweisen gelang Ljubicic jüngst mit der Einladung zur diesjährigen Biennale in Venedig, wo er im Palazzo Bembo die Video-Zeichnung-Rauminstallation „Personal Structures“ zeigen konnte: In tiefem Kohlenschwarz erschien eine große Arbeit aus der Serie der „Konstellationen“, flankiert von einem kleinen Monitor, wo die Künstlerhände sich gegenseitig mit Kohle „bezeichnen“. Mit der so entstandenen „Kohlenhaut“ schließt sich für Davor Ljubicic der Kreis zur Idee vom schöpferischen Wirken als „archäologische Ausgrabung“, bei der „Fragmente und Fetzen zu ständig neuen Formen wachsen und sich zugleich widerspenstig entziehen.“

Das Messer im Neuwerkund wie es dort entstanden ist:

Zur Person

Davor Ljubicic, geboren 1958 in Sisak/Kroatien. 1980 bis 1984 Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Sarajewo. Seit 1984 Preise für Malerei und Illustration. 1991 Studienaufenthalt an der „Cité international des Arts“ in Paris. Seit 1991 gelegentliches Projekt „Galerie der schwarze Punkt“. 1992 Übersiedlung nach Konstanz. Seit 1993 Lehrtätigkeit an der Kunstschule Bodenseekreis Meersburg. Seit 2000 Kunst-Lehrtätigkeit an der Zeppelin-Gewerbeschule Konstanz. Ausstellungen in Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Malta, USA. Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg. Lebt und arbeitet in Konstanz.

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.