Wer flüchtig zeichnet, sieht und zeigt mehr von unserer Welt als jeder noch so detailverliebte Fotograf. Das glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich nur mal die Werke von William Kentridge an.

Bild: Kunstmuseum Basel

Der Südafrikaner zählt zu den erfolgreichsten Künstlern unserer Zeit. Dabei legt er nicht wie sein Kollege Damien Hirst Haifische in Formaldehyd ein oder stellt wie Jeff Koons riesige Ballonhunde ins Schloss von Versailles. Was Kentridge benötigt, ist nicht viel mehr als ein Stück Kohle und Papier. Daraus erschafft er das Material für kurze Filme nach Art des Daumenkinos: so schlicht und dabei doch so wahr, dass ihr keine noch so hochwertige Digitalanimation das Wasser reichen könnte.

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Warum Kentridges aus Zeichnungen produzierte Filme mehr Wahrheit vermitteln als jede fotografische Abbildung oder technische Animation, zeigt in der aktuellen Ausstellung des Kunstmuseums Basel das simple Beispiel „Memo“: eine dreiminütige Referenz an unseren Alltag. Wir sehen den Büroarbeiter, wie er daran verzweifelt, einen simplen Geschäftsbrief zu schreiben. Wie seine Tinte immer wieder verläuft, weil ihm die rechten Worte einfach nicht über die Lippen kommen wollen, währen die Uhr an der Wand erbarmungslos tickt. Und dann sehen wir ihn, wie er endlich aufgibt, stattdessen zu schlafen versucht. Doch ausgerechnet jetzt, wo Erholung angesagt ist statt Arbeit, kriecht ihm die Tinte hinterher, verlässt das Blatt, bewegt sich Richtung Ohr, reißt ihn aus dem Schlaf.

Ganz reales Dilemma

Tagsüber, auf der Arbeit, denken wir an nichts als den Schlaf. Und nachts, beim Schlafen, lässt uns plötzlich die Arbeit keine Ruhe. Wie ließe sich dieses ganz reale Dilemma besser zeigen als in Kendridges so unwirklich anmutenden Kohlezeichnungen?

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Was in diesem Beispiel noch harmlos daherkommt, gewinnt in Kentridges Auseinandersetzung mit seiner afrikanischen Heimat an politischer Brisanz. In Filmen wie „What Will Come (has already come)“ zeichnet er die leidvolle Geschichte Afrikas nach: etwa zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, als 275 000 Äthiopier bei der Einnahme ihres Landes durch die italienischen Faschisten ums Leben kamen. Was für den Afrikatouristen als Landschaftsidylle erscheint, mutiert bei Kendridge zu Formen von Leichen und Soldaten.

William Kentridge
William Kentridge | Bild: Kunstmuseum Basel

Besonders eindrucksvoll: Kentridges Kohlezeichnungen gepaart mit Schattenspielen. Sie sind es, auf denen sein Ruhm gründet, und das zu Recht. In Basel ist etwa sein raumgreifendes Werk „More Sweetly Play the Dance“ zu sehen, das unmittelbar an die Tradition europäischer Totentänze anschließt. Damals, im Mittelalter, glaubte man noch, dem Tod durch Umarmung zu entkommen: Wer mit ihm ein Tänzchen wagt, beweist damit, dass er noch viel zu beweglich ist, um schon das Zeitliche zu segnen.

Bild: Kunstmuseum Basel

Bei Kentridge sehen wir nun die Silhouetten von Schwarzafrikanern, wie sie zu schrill tönender Musik durch die Steppe tanzen. Einer trägt eine Badewanne, einer ein Kreuz, dann kommen welche, die sich mühsam mit Infusionsständern auf den Beinen halten. Anspielungen von der Sklaverei über die Christianisierung bis zur Ebola-Epidemie werden hier sichtbar, die ganze historische Last: Im zynischen Tanz mit dem Tod wirkt sie nur scheinbar leicht.

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Das Zeichnen mit der Kohle, sagt Kentridge, sei gleichzusetzen mit dem Vorgang des Denkens. Hinzufügen, wieder wegwischen, neu ansetzen: Auf diese spielerische Weise gelangen Assoziationen zu Papier, die in dokumentarischen Darstellungsformen wie etwa dem herkömmlichen Film mit seinem Drang zu perfekter Abbildung unserer Welt abgehen. Genau darin besteht der große Reiz in der Ästhetik des William Kentridge – einerseits.

Bild: Kunstmuseum Basel

Andererseits haftet eben diesen Assoziationen häufig der Geschmack von politischer Gefälligkeit an. Diese liegt in einer kritischen Stoßrichtung, die sich allzu leicht in die Erwartungen eines europäischen, nordamerikanischen Kunstbetriebs einfügt: Ermahnendes zur Geschichte der weißen Vorherrschaft und der Ausbeutung eines ganzen Kontinents. Die Verantwortung für erfahrenes Leid wird dabei gerne historischen oder ökonomischen Instanzen zugeschrieben. Potenzial zur kritischen Selbstbefragung vermag sich der hiesige Durchschnittsbesucher nur selten zu erschließen.

Didaktische Fingerzeige

Der Prozess des Zeichnens mag geeignet sein, dem Denken eine fassbare Gestalt zu verleihen. Dann hängt allerdings auch von der Komplexität dieses Vorgangs ab, ob die Gestalt mehr vermittelt als bloß didaktische Fingerzeige. Etwas weniger politische Plakativität könnte der poetischen Wirkung von William Kentridges Werken nur gut tun.

Bis 13. Oktober im Kunstmuseum Basel. Öffnungszeiten: Di. und Do. bis So. 10-18 Uhr, Mi. 10-20 Uhr. Weitere Informationen: http://www.kunstmuseumbasel.http://ch