Dass ausgerechnet Trent Reznor, der finsterfürstige Frontmann der harten Industrial-Rockband Nine Inch Nails, einmal einen der größten Sommerhits landen würde? Ja, schon irre. Ist aber so. Zumindest indirekt und ein bisschen.

Denn „Old Town Road“, dargeboten von Lil Nas X mit freundlicher Unterstützung von Billy Ray Cyrus, liegt der Beat des 19-jährigen Niederländers YoungKio zugrunde, und dieser wiederum nutzt dafür ein Sample des Nine-Inch-Nails-Instrumentalstücks „34 Ghosts IV“ von 2008. Das klingt verworren.

Auf Umwegen zum Erfolg

Doch die Wege dieses Hits, der fast schon den 17-Wochen-Rekord von Luis Fonsi und „Despacito“ eingestellt hat, und der sich auch sonst im Gros der charttechnisch erschlossenen Welt auf den vordersten Rängen hält, sind sowieso ganz schön unergründlich. Lil Nas X, bürgerlich Montero Lamar Hill, übte an seinem Rechner in Atlanta gerade das Zusammenbasteln von Songs, als er im Herbst 2018 auf den Beat von YoungKio stieß.

Das könnte Sie auch interessieren

Er zimmerte „Old Town Road“ schnell zusammen und stellte seinen kompakten Erguss ins Netz, wo er im angesagten Videoportal TikTok (auf dem Clips 15 Sekunden lang sein dürfen) alsbald zur Untermalung der sogenannten „Yeehaw Challenge“ eingesetzt wurde – zu sehen sind dabei Nutzer, die das Stück nachsingen und -tanzen.

Binnen Wochen grassiert „Old Town Road“ dank des globalen Social-Media-Anschubs bis in den hintersten Winkel, und so ist ein 20 Jahre alter lustiger, offen schwuler Rapper mit Cowboyhut, Fransenjacke, Pferd und abgebrochener College-Ausbildung der große Abräumer des Sommers.

Tiefschürfend? Bloß nicht!

„Ich finde es wahnsinnig spannend, was gerade passiert“, so Lil Nas X, „aber ich sträube mich dagegen, das alles zu ernst zu nehmen.“ Auch sein Song selbst ist ja vor allem spaßig und, wie sich das im Sommer geziemt, nicht sehr tiefschürfend.

Dass der Junge mit seiner Kreuzung aus Country, Rap und Pop ordentlich Verwirrung stiftet (in den USA wurde „Old Town Road“ aus den Country-Charts verbannt, da angeblich nicht genretypisch genug) und nebenbei ein starkes Statement gegen Homophobie setzt, gibt seiner nur 113 Sekunden langen Nummer (die damit der kürzeste Nummer-eins-Hit seit 1965 ist) indes eine ordentliche Portion gesellschaftlicher Relevanz.

Politische Sommerhits sind selten

Schon der Sommerhit 2018, die alte Partisanenhymne „Bella Ciao“ von El Profesor im Remix von Hugel, konnte ja durchaus als Protestsong gegen den politischen Rechtsruck in Europa und speziell in Italien verstanden werden.

Aber der politisch bewusste Sommerhit, er ist immer noch die Ausnahme, der Trend zum irgendwie lateinamerikanisch anmutenden hingegen bleibt intakt. „Señorita“ heißt die schwülstig-laszive Beischlafanbahnungsuntermalung von Camila Cabello (22, mit „Havana“ schon 2018 gut dabei) und dem sympathischen kanadischen Bauchmuskelmeister Shawn Mendes (20).

Die US-kubanische Sängerin Camila Cabello (22) kennt sich mit sommerlichen Songs aus.
Die US-kubanische Sängerin Camila Cabello (22) kennt sich mit sommerlichen Songs aus. | Bild: Jean-Baptiste Lacroix / AFP

Zumindest in Europa läuft der Song dem Cowboy gerade sprichwörtlich den Rang ab – zwischenzeitlich thronte die „Señorita“ auf Platz eins in Deutschland, Österreich und der Schweiz; in Deutschland ist sie aber bereits wieder auf Platz zwei gerutscht.

Die beiden Nachwuchsstars und Teenie-Idole Cabello und Mendes harmonieren im einschlägig erotischen Video dergestalt gut miteinander, dass ihnen nun ständig die Verpartnerung unterstellt wird. Tatsächlich sah man beide jüngst erst händchenhaltend und später beim gemeinsamen Frühstück im Freien, vielleicht entwickelt sich da ja wirklich was.

Der kanadische Sänger Shawn Mendes (20) stürmt mit „Señorita“ weltweit die Charts.
Der kanadische Sänger Shawn Mendes (20) stürmt mit „Señorita“ weltweit die Charts. | Bild: Lisa Ducret / dpa

Könnte aber auch alles PR sein, zumal Mendes kürzlich sagte, er müsse sich dringend mal mit einem Mädchen in der Öffentlichkeit zeigen, „um den Leuten zu beweisen, dass ich nicht schwul bin“. Wobei er es auch nicht schlimm fände, wenn dem so wäre. Falls der Beweis also misslingen und Cabello nur eine gute Freundin sein sollte, böte sich 2020 ja vielleicht ein Duett mit Cowboy Lil Nas X an.

Auch sonst ist die spanische Sprache unter den Sommerhits gut vertreten, das Erbe von „Macarena“ (Los Del Rio, 1996), dem „Ketchup Song“ (Las Ketchup, 2002) oder eben „Despacito“ winkt fröhlich herüber.

Auch Rapper Snow ist wieder da

Mit „Con Altura“ bringen die aufstrebende Katalanin Rosalia und der Kolumbianer J Balvin jede Freiluftveranstaltung in Schwung, und Partysong-Experte Daddy Yankee hat den Rapper Snow ausgebuddelt und dessen 25 Jahre alte Nummer „Informer“ zusammen mit dem Kanadier höchstselbst zu „Con Calma“ umgewidmet.

Außerdem im erweiterten Kreis der erfolgreichsten Sommerhits der Saison dabei sind Neneh Cherrys Tochter Mabel mit „Don‘t Call Me Up“, die guten alten Jonas Brothers („Sucker“) und Ed Sheeran, der mit „I Don‘t Care“ (inklusive Justin Bieber) und „Blow“ (mit Bruno Mars und Chris Stapleton) zwei Würstchen auf dem Grill brutzeln hat.

Frauen sind stark vertreten

Wer es etwas würziger mag, dem sei die grandiose Sängerin und Rapperin Lizzo mit „Truth Hurts“ empfohlen, außerdem Billie Eilish mit „Bad Guy“ sowie die immer stärker werdende Miley Cyrus, die neulich in Glastonbury nicht nur mit ihrem Vater und Lil Nas X „Old Town Road“ anstimmte, sondern die mit „Mother‘s Daughter“ eine tolle feministische Popnummer am Start hat.

Nur Cyrus‘ knallroter und mordsenger Britney-Spears-Gedächtnislatexanzug, den sie im Video trägt, ist eher was für den Herbst.