Sehr geehrte Leserin und sehr geehrter Leser, Sie sind es nicht gewohnt, in dieser Zeitung so direkt angesprochen zu werden. Aber es lag mir daran, Ihnen dieses fremdartige Gefühl gleich zu Beginn meines Beitrags zu vermitteln.

Dass Sie als sehr geehrte Frau oder sehr geehrter Herr angesprochen werden, das kennen Sie vermutlich durchaus aus Ihrer Geschäftspost, die in der Regel mit einem freundlichen Gruß endet. Aber das ist heute – wie ich mir erlaube, mit Bedauern feststellen zu müssen – keine Selbstverständlichkeit mehr. Heute sind Sie es gewohnt, vor allem netzpostalisch – vulgo: per E-Mail – womöglich gar ohne jegliche Anrede angesprochen zu werden.

Wo bleibt der freundliche Gruß?

Sie erleben in dieser Art Schriftverkehr, dass Sie – erlauben Sie mir diesen etwas saloppen Ausdruck – einfach angeblafft werden, und zwar unabhängig davon, ob Sie die Netzpost von einem hohen Würdenträger oder von einem jugendlichen Heißsporn bekommen. Der freundliche, herzliche, schöne Gruß zum Ende bleibt sehr häufig ebenfalls aus.

Nun könnte es ja sein, dass ein gewisser Unwille des Absenders gegenüber Ihnen vorhanden ist. Dass Sie sich vielleicht sogar ausgesprochen feindselig gegenüberstehen. Das könnte dann eine gewisse Ruppigkeit im Umgang miteinander erklären. Aber nur erklären – und nicht rechtfertigen.

Geehrt und ergeben

Wie höflich ein schriftlich ausgetragener Streit sein kann, das offenbart Ihnen jetzt eine Dokumentation des Stadttheaters Konstanz. Dokumentiert wurde der Streit um die Erstaufführung von Wolfgang Borcherts Theaterstück „Draußen vor der Tür“ im Jahre 1956. Ein ehemaliger Regimentskommandeur namens Hans Gies empört sich in einem längeren Brief an den „sehr geehrten Herrn Intendanten“ über das Stück und verabschiedet und grüßt ihn mit der Formel „Ihr ergebener …“.

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Dass „Ihr ergebener …“ im Höflichkeitsgrad sogar noch steigerungsfähig ist, zeigt eine Abschrift dieses Briefes, die der Oberst Gies dem „Hochverehrten Herrn Oberbürgermeister!“ zukommen lässt. Von ihm verabschiedet er sich mit der Formel: „Mit dem Ausdruck meiner Verehrung bin ich, hochverehrter Herr Oberbürgermeister, Ihr stets sehr ergebener Hans Gies.“

Der Intendant Hans Erich Kreibig erhält daraufhin einen Brief des Oberbürgermeisters Dr. Franz Knapp. Darin legt dieser dem Intendanten die Absetzung des Stücks nahe und verabschiedet sich „mit vorzüglicher Hochachtung“. Das lehnt Kreibig in seiner Antwort an den sehr geehrten Herrn Oberbürgermeister ab, bietet ihm stattdessen Verhandlungen zur Vertragsauflösung an und grüßt ihn höflich: „Mit vorzüglicher Hochachtung, Ihr sehr ergebener …“

Jedes Wort ein Treffer

Hochverehrte Leserin, hochverehrter Leser, erlauben Sie mir, Ihnen die Lektüre dieser 60-seitigen Dokumentation, die noch etliche andere Briefe in wohlgesetzten Worten enthält, sehr ans Herz zu legen. Sie erfahren darin alles über diesen denkwürdigen Streit. Es ist ein einzigartiges Dokument der Zeitgeschichte.

Und sollten Sie selbst einen Streit auszutragen haben, so finden Sie in dem Dokument einen reichen Fundus an Formulierungen, um Ihrem Disput zumindest sprachlich zu einer gewissen Erhabenheit zu verhelfen. Um es mit den Worten Hans Erich Kreibigs auszudrücken: „Ich gestatte mir, Ihnen hiervon höflich Kenntnis zu geben“, und grüße Sie mit dem Ausdruck meiner Hochachtung ergebenst.