Zeitgenössisches Design kann ganz schön verrückt sein – oder sagen wir neutral mal besser: exzentrisch. Was soll man zum Beispiel von einem Lampenständer in Gestalt eines lebensgroßen schwarzen Pferds aus Glasfaser halten?

Oder von einer Teekanne in der Form eines Schweineschädels aus Porzellan – mit einem Überzug aus dem Fell einer Bisamratte, um die Wärme zu halten? Und was sagt man zu dem fabrikneuen und dabei gleichzeitig angekokelten Thonet-Stuhl? Man muss diese Objekte schon mit eigenen Augen gesehen haben, ehe man glaubt, dass es sie gibt.

Alte und neue Kreationen

Wie kommen Designer auf derart ausgefallene Ideen? Eine Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein präsentiert die Antwort. „Objekte der Begierde. Surrealismus und Design“ heißt die Schau, die auf überzeugende Weise den tiefgreifenden Einfluss des Surrealismus auf modernes Design aufzeigt.

Zu sehen sind Fotografien und Filme, Videos und Installationen, vor allem jedoch zahlreiche Designobjekte: von modernen Möbelklassikern wie dem Sofa „Bocca“ (1970) in der Form verführerischer roter Lippen – Radical Design aus Italien – bis hin zu brandneuen Kreationen wie dem Couchtisch „Guise„ oder der Stehlampe des niederländischen Studios Odd Matter von 2019.

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Als Referenzobjekte sind manchen Designerstücken zum teil hochkarätige Kunstwerke zur Seite gestellt. Geradezu frappierende Parallelen zwischen surrealistischer Kunst und Design werden da sichtbar. Doch das ist längst noch nicht alles. Surrealistische Künstler wie Salvador Dalí, Man Ray oder Meret Oppenheim waren selbst als Produktdesigner tätig – und verleugneten dabei kein bisschen ihre künstlerische Herkunft.

Eine Ader für ausgefallene Design-Ideen hatte insbesondere Dalí. Zwar zeigte er, ganz Kind seiner Zeit, in jungen Jahren durchaus ein Faible für modernes Design à la Bauhaus. Für sein Haus in Portlligat etwa bevorzugte Dalí, eine Aufnahme von 1931 dokumentiert das, nüchtern-funktionales Mobiliar à la Bauhaus.

Ungewöhnliche Designerstücke, so weit das Auge reicht.
Ungewöhnliche Designerstücke, so weit das Auge reicht. | Bild: Ludger Paffrath / Vitra Design Museum

Doch bereits wenige Jahre später hatte er die Idee zu seiner höchst ungewöhnlichen (und so gar nicht funktionalen) „Bracelli Lamp“. Schrill auch sein „Cat‘s Cradle Hands Chair“: ein Stuhl, bei dem zwei ausgestreckte, leicht stilisierte Arme als Lehne dienen – Pedro Friedbergs „Hand Chair“ von 1965 ist daran angelehnt.

Dalís vielleicht einflussreichste Design-Kreation dürfte freilich das Lippensofa von 1938 sein. Es diente nicht nur als Vorbild für „Bocca“ von Studio 65, sondern war wohl auch Ideenlieferant für Gaetano Pesces Sessel „La Mamma“, in dessen wollüstigen Formen versunken sich der greise Dalí ablichten ließ.

Pedro Friedebergs „Hand Chair“ (1965) ist links zu sehen, die „Horse Lamp“ (2006) von Front rechts.
Pedro Friedebergs „Hand Chair“ (1965) ist links zu sehen, die „Horse Lamp“ (2006) von Front rechts. | Bild: Ludger Paffrath / Vitra Design Museum

Dalí hatte eine Tür geöffnet, durch die nicht wenige Designer der Nachkriegszeit gingen. Verpflichtete das Bauhaus seine Schüler mit der Maxime „Form follows function“ (die Form richtet sich nach der Funktion) von jeher auf strenge Funktionalität, so vertrat surrealistisches Design die Antithese.

Gegen die Herrschaft von Vernunft und Rationalität setzte es verspielte Fantasie, Witz und Ironie ein – gern auch mit direkter Anspielung auf die Kunst.

So dürfte sich der Einfall zu dem beweglichen Glastisch „Tour“ der italienischen Architektin und Designerin Gae Aulenti von 1993 durchaus einem der frühesten Readymades (Alltagsgegenständen, die zu Kunst erklärt werden) verdanken – Marcel Duchamps Fahrradrad.

„MAgriTTA“ (1970) von Roberto Sebastian Matta Echaurren links im Bild erinnert an René Magritte, Gae Aulentis „Tour“ (1993) an Marcel Duchamps.
„MAgriTTA“ (1970) von Roberto Sebastian Matta Echaurren links im Bild erinnert an René Magritte, Gae Aulentis „Tour“ (1993) an Marcel Duchamps. | Bild: Ludger Paffrath / Vitra Design Museum

Statt auf Tischbeinen steht das bewegliche Möbel auf vier Fahrradrädern. Bereits 1957 hatten Achille und Pier Giacomo Castiglioni einen Balancier-Hocker mit halbkugelförmigem Fuß und einem Fahrradsattel als Sitzfläche entworfen. Die abgefahrene Kreation wirkt nachgerade wie eine Vorwegnahme postmodernen Designs.

Schwindelfrei sollte auch sein, wer sich auf Philippe Starcks Barhocker „W. W. Stool„ wagt. Wie für Designer, die sich vom Surrealismus inspirieren ließen, ist für das postmoderne Design Funktionalität kein Leitfaden mehr. Man zieht ihr selbst dysfunktionales Design vor. Wie im Fall der Haarbürste „Hairbrush“ (1999) des Berliner Studios BLESS: vergeblich der Versuch, sich damit die Haare zu bürsten. Hat sie an der Stelle der Borsten doch selbst einen Haarschopf.

Designs für düstere Zeiten

Ingo Maurers Hängeleuchte „Porca Miseria!“ (1994) führte den Dekonstruktivismus ins Design ein, während die Londoner Designer von Dunne & Raby bereits an künftige düstere Zeiten denken: Sie entwerfen schon mal Möbel für eine dystopische Zukunft auf einem überbevölkerten Planeten (2009). Das kann ja heiter werden.

Die Ausstellung „Objekte der Begierde. Surrealismus und Design“ ist bis 19. Januar 2020 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr. Weitere Informationen finden Sie hier.