Ein Szenen-Applaus jagt den nächsten, und der Schlussbeifall will kein Ende nehmen: Mit dem Schwulen-Musical „Ein Käfig voller Narren“ hat das Theater Basel ein genialen Coup gelandet. Das größte Drei-Sparten-Theater der Schweiz entfesselt sämtliche Kräfte, die ihm zur Verfügung stehen: erstklassige Schauspieler, hinreißende Choreografien und aufwändige Kostüme, hoch motivierte Musiker, die gut gelaunt mitspielen, ein Regie-Konzept mit aktuellen politischen Anspielungen – und das alles gespiegelt in einem vorzüglichen Bühnenbild mit opulenten Licht- und Stimmungswechseln. Mehr geht nicht. Angesichts dieser spielerischen Intelligenz können die auf Effekt getrimmten Kommerz-Musicals einpacken.

Schon die Stück-Auswahl überzeugt. Das Transvestiten-Musical „La Cage Aux Folles“, uraufgeführt 1983 in New York, reizt nicht nur die Sinne des Publikums, es ist auch politisch brisanter denn je. Ein älteres schwules Paar, das gemeinsam einen Sohn großzieht – das sieht man bis heute nicht alle Tage. Dass besagter Sohn ausgerechnet die Tochter eines rechtskonservativen Politikers heiraten will, weshalb ihm die beiden Schwulen eine Normalo-Familie vorspielen müssen: Das ist eine lustige Komödie über verzweifelte Anpassung.

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Der junge Regisseur Martin G. Berger treibt das virtuose Versteckspiel mittels Film-Einblendungen auf die Spitze: Auch die Konservativen haben etwas zu vertuschen. Einer ihrer Promis starb in den Armen eines minderjährigen Strichers, dieser afghanische Flüchtling passte in sein sexuelles Beuteschema. Für ein konservatives Publikum ist das harter Stoff.

Allerdings: Absicht dieser bravourösen Inszenierung ist es nicht, die Doppelmoral von Parteien wie AfD oder SVP bloßzustellen. Berger ist kein politischer Moral-Apostel, sondern ein Vollblut-Theatermann. Er ist auf Seiten der Sinnlichkeit. Er verhilft den geheimen Lüsten aller, den Homos wie den Hereros, zu einem offenen Triumph – und was ist öffentlicher, sinnlicher, lebendiger als die Kunst des Theaters?

Zwiespältige Stimmung auf der Bühne

Vorhang auf. Die Bühne von Sarah-Katharina Karl gibt die zwiespältige Grundstimmung des Abends vor, schillernd zwischen Transvestiten-Show und menschlicher Tragik. Vorn auf nachtschwarzer Bühne liegt die Drag Queen Zaza alias Albin wie erschöpft vom Amüsierbetrieb auf dem Boden. Die Pailletten-Corsage glitzert verführerisch, doch die hautfarbenen Strapsstrümpfe wirken altbacken. Wunderbar doppeldeutig wie Transvestiten sind auch die Kostüme von Esther Bialas.

Auf der Hinterbühne versucht derweil Georges, Club-Besitzer und Lebenspartner von Zaza, die flittrige Show in Gang zu bringen. Aber Zaza, der Star, will hofiert werden. Georges macht mit. Zaza hat einen Hang dazu, jede Kleinigkeit zu dramatisieren. Georges geht darauf ein. Tränen-Tremolo bei Zaza, Pragmatismus bei Georges, blöde Tuntigkeit nirgends. Wie gut.

Georges (Roland Koch, vorn links) und sein Sohn (Max Rothbart), im Hintergrund Karl-Heinz Brandt und Stefan Kurt.
Georges (Roland Koch, vorn links) und sein Sohn (Max Rothbart), im Hintergrund Karl-Heinz Brandt und Stefan Kurt. | Bild: Sandra Then / Theater Basel

So spielen die beiden einander entgegen, gestisch unterstützt von der übrigen Truppe. Die Show muss weitergehen, von Marguerite Donlon einfallsreich choreografiert. Und im dramaturgischen Aufbau raffiniert: Denn was hinten als unscheinbare Kostümnummer begann, wird im Lauf des Abends zur großen Revue auf der Vorderbühne auflaufen. Das Orchester wird aus dem Graben hochgefahren, das Publikum einbezogen. Jubel.

Stefan Kurt als Zaza und Roland Koch als Georges sind eine Idealbesetzung. Beide Schweizer Schauspieler, beide bekannt aus Film und Fernsehen, beide versiert in der Zusammenarbeit mit führenden Theater-Regisseuren. Zwei gleich starke Schauspieler bilden hier ein Paar, hart und zart, beleidigte Leberwürste, eitle Diven, jeder bekommt eine Solo-Nummer.

Wenn es um die Kostüme geht, lässt sich Zaza (Stefan Kurt) nicht lumpen.
Wenn es um die Kostüme geht, lässt sich Zaza (Stefan Kurt) nicht lumpen. | Bild: Sandra Then / Theater Basel

Wie Stefan Kurt („Der Schattenmann“) als giftgrün glitzernder Feuervogel das Publikum anmacht, zurückweist, wieder gewinnt, wie er mit den Zuschauern und Musikern umspringt: Das ist Verführung pur. Wie der hoch ironische Roland Koch (bekannt aus dem Bodensee-Tatort) als „Normal-Schwuler“ um ein starkes Männerbild ringt, wie er in der Truppe marschiert und sich tanzend verausgabt: Das muss man gesehen haben. Und gehört. Sie treffen den heiklen Zwischenton des Musicals.

Jede Szene ein Genuss. Kurt und Koch, einmal liegen sie auf einem goldenen Strandtuch und hängen im meerblauem Licht ihrer verflossenen Jugend nach. Ihre sexuelle Kraft, längst erschöpft, lebt in einem Tänzerpaar wieder auf. Männerliebe, wie attraktiv. Aber nicht für alle. Max Rothbart als Hetero-Sohn weckt Verständnis für sein Dilemma, die Homo-Ehe des Vaters verteidigen zu müssen. Alles queer und verquer: So verfällt ausgerechnet der konservative Schwiegervater (Martin Hug) den Reizen der Drag Queen, weil sie als Mutter im Dirndl auftritt. Das ist Show und Schau-Spiel pur.

Wenn Albin (Stefan Kurt, Zweiter von links) sich in Zaza verwandelt, wird selbst der zukünftige Schwiegervater seines Sohnes schwach.
Wenn Albin (Stefan Kurt, Zweiter von links) sich in Zaza verwandelt, wird selbst der zukünftige Schwiegervater seines Sohnes schwach. | Bild: Sandra Then / Theater Basel

Da will auch die zehnköpfige Band nicht beiseite stehen. Ihr musikalischer Leiter Thomas Wise lässt in seiner Bearbeitung mal Tschaikowsky, mal die Beatles antönen, es klingt nach Kurt Weill, nach Salon-Musik und natürlich nach dem Komponisten Jerry Herman. „Die schönste Zeit heißt Jetzt“ ist der Hit des Abends. Leben eben, hier und jetzt. Und alle klatschen mit. Finale. Gänsehaut-Gefühl. Stehende Ovationrn.

Weitere Aufführungen von "Ein Käfig voller Narren" gibt es am 21., 27. und 31. Dezember 2018 sowie am 6., 12., 18. und 28. Januar 2019 und dann bis in den Mai hinein. Karten und mehr Informationen finden Sie hier.