Man kennt das Phänomen aus eigener Erfahrung: Angstlust. Wenn einem früher nach Gruseln zumute war, stieg man in eine Geisterbahn oder zog sich einen Horror-Film rein. Heute sind die Mittel andere. Extremkletterer suchen den Nervenkitzel in der Wand, Bungeespringen ist zum Volkssport avanciert. Und wenn ein Abenteuer-Urlaub mehr sein soll als eine Mogelpackung, ist ein gewisser Risikofaktor unerlässlich. Wann wurde in Deutschland eigentlich das Grusel-Fest Halloween populär?

Vielleicht haben all diese Erscheinungen damit zu tun, dass in der modernen Gesellschaft, in der man sich ohnehin gegen (fast) alles versichern kann, alle Risiken des Lebens tendenziell eliminiert werden. Handfeste Not- und Gefahrensituationen kennt der Mensch kaum noch. Und es scheint, als sei das Prickeln auf der Haut für den Menschen unverzichtbar. So gesehen sind mit Risiko oder Überwindung verbundene Aktivitäten wie die genannten vermutlich Kompensations-Phänomene – Ersatzhandlungen.

Angst ja, Gefahr nein

Eine völlig ungefährliche Art, sich zu gruseln oder ängstigen, bietet zurzeit eine Ausstellung in Freiburg. „To Catch A Ghost“ (einen Geist fangen): Auf das Bedürfnis nach Angstlust spekuliert die Schau im Museum für Neue Kunst bereits im Titel. Das Museum wird zur Geisterbahn, mit nicht weniger als sieben Sälen oder Abteilen. Vertreten sind annähernd 50 Künstler mit Werken, die die Geister beschwören. Die Bilder, Skulpturen und Installationen wecken jedenfalls in unterschiedlicher Weise Assoziationen von Spuk und Geistertreiben. Das Unheimliche regiert.

So in Rudolf Dischingers Gemälde „Bedrohung“ (1935). Zu sehen ist ein kahles Interieur. An der Wand hängt ein leerer Bilderrahmen, an einem Tisch sitzt eine gesichtslose, puppenhaft anmutende Figur mit auf die Hand gestütztem Kopf. Draußen vor dem hohen Fenster aber hat sich, unheimlich, eine riesenhafte Gestalt aufgebaut, in der sich wohl die politischen Gefährdungen der Zeit des Dritten Reichs personifizieren.

Rudolf Dischingers „Bedrohung“ (1935) weckt Gedanken, die dem Betrachter durchaus Angst machen können.
Rudolf Dischingers „Bedrohung“ (1935) weckt Gedanken, die dem Betrachter durchaus Angst machen können. | Bild: Hans-Peter Vieser

Um sich vor Dietmar Zapfs „Zimmer“ in Öl zu gruseln, bedarf es der Information, dass dem Gemälde ein Standbild aus Alfred Hitchcocks Film „Psycho“ zugrunde liegt. Der Blick fällt aufs Schlafzimmer der Mutter von Norman Bates, der für seine Morde in ihre Gestalt schlüpft. Und Jürgen Brodwolfs mumienartig bandagierte Figuren sind schon zu bekannt, als dass man sich vor ihnen noch herzhaft gruseln könnte.

Dagegen ist Alfonso Hüppis Steinhaufen am Boden fest in der Hand einer Schar kleiner Gespenster: Die einheitliche Bemalung der Steine mit einem weißen Oval mit vier Hohlformen – Augen, Nase, Mund – setzt mit einfachsten Mitteln unheimliche Schlüsselreize. Der gleiche Reiz wirkt auch in einer Arbeit von Werner Knaupp: Je länger man hinschaut, desto stärker beschleicht einen im Angesicht seiner großformatigen Kugelschreiber-Zeichnung das ungute Gefühl, von einem unheimlichen, undefinierbaren Wesen aus kleinen Augen angestarrt zu werden.

Geisterhafte Erscheinungen

Auch die Dingwelt läuft aus dem Ruder. Michel Sauers „Dreibeinige Glocke“ schwebt geisterhaft unter der Decke. In Hubert Sonners „Violine“ zeichnen sich die Umrisse des Streichinstruments spukhaft vage unter der Leinwand ab. In Turi Simetis titelloser Arbeit wiederum lässt sich das obskure Objekt, das hinter der Leinwand in den Raum drängt, gar nicht erst identifizieren, will sagen: begrifflich dingfest machen.

Ziemlich gruselig wird es in einem abgedunkelten Raum. Da warten unheimliche Objekte wie Walter Diederichs maskenartige „Köpfe“ aus Pappmaschee und Gudrun Krügers „Auge in Würfel“ in Bronze. Wie gut, dass man sich am Eingang mit einer Taschenlampe bewaffnen konnte! Und dass die gespenstischen Wesen sicherheitshalber hinter Gitter gesperrt sind.

„Experimental Archeology“ (2014) von Mathilde ter Heijne.
„Experimental Archeology“ (2014) von Mathilde ter Heijne. | Bild: Marc Doradzillo

Noch weitere gruselige Situationen hält der Parcours bereit. Einige Exponate, die nicht recht zum Thema passen, erscheinen deplatziert. Was nicht auf Romy Webers zwischen Mensch und Tier angesiedelte „Gute Geister“ zutrifft, die an blutige Rituale archaischer Kulturen denken lassen. Hannsjörg Voths mit Lederstreifen umwickelte „Vier Stecken“ muten wie das Instrumentarium für magische Zeremonien an.

In einer installativen Arbeit von Mathilde ter Heijne haust in einer Assemblage aus gewöhnlichen Transportkisten ein prähistorisches Idol. Und Curt Stenverts Material-Collage „Dancing Flitter, Monsters Are Romantic (Opus 518)“ bläst präparierte Fledermäuse im Schattenwurf zu überlebensgroßen Monstern auf. Peter Vogels filigrane interaktive Skulpturen aber fangen, sobald man sich ihnen nähert, wie von Geisterhand animiert zu klingen an.

Die Ausstellung "To Catch A Ghost" im Museum für Neue Kunst in Freiburg ist bis zum 24. März 2019 zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 17 Uhr. Weitere Informationen gibt es hier.