Die Bilder ähneln sich stets, wenn etwa ein Terroranschlag Opfer gefordert hat: Blumen, Kerzen und Fotos werden vor Ort aufgestellt, Schilder mit der Frage „Warum?“ thematisieren die Sinnlosigkeit des Geschehenen. Es ist ein Ritual, dem wir in solchen Situationen folgen. Ein Ritual der Schock- und Trauerbewältigung. Und gewiss auch ein Ritual, das durch die massenhafte Verbreitung in den Medien den Charakter hysterischer Fassungslosigkeit bekommen hat.

Während wir den natürlichen Tod aus unserem Leben zu verdrängen versuchen, indem wir das Sterben in Heime und Kliniken verlagern, reagieren wir umso heftiger auf tödliche Katastrophen – so, als hätten wir vergessen, dass der Tod noch immer mitten unter uns ist. So wird die Trauer zu einem medial zelebrierten Ritual.

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Eine, die den Tod nicht vergessen hat, sondern sich künstlerisch damit auseinandersetzt, ist die Amerikanerin Bunny Rogers. Die 30-Jährige hat für das Kunsthaus Bregenz eine Installation über die vier Stockwerke hinweg entworfen, die sich mit Tod und Trauer auseinandersetzt. Anders als in der Kunst üblich, geht es dabei weniger um das klassische Memento mori, also um die Mahnung an die eigene Sterblichkeit, sondern um die Frage danach, wie wir mit dem Tod anderer umgehen.

Beginnend mit einer Beerdigung durchsteigen wir Stockwerk für Stockwerk die Phasen der Trauerbewältigung, des Gedenkens und der Erinnerung – bis am Schluss fast nichts mehr von ihr übrig ist. Das ist ebenso düster beklemmend wie klar und logisch strukturiert.

Eine „depressive Optimistin“

„Ich bin eine depressive Optimistin“ – so hat sich Bunny Rogers dem Magazin „Monopol“ gegenüber selbst bezeichnet. Wenn sie kurz vor der Eröffnung ihrer Ausstellung in Bregenz in gedämpftem Tonfall über ihre künstlerischen Beweggründe spricht, ahnt man schnell, dass die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer für sie eine Frage existenzieller Notwendigkeit ist.

Bereits 2017 hat Rogers im dänischen Louisiana-Museum ihre eigene Beerdigung („Funeral To Myself“) inszeniert. Und auch im Kunsthaus Bregenz beginnt ihre Installation „Kind Kingdom“ mit einem großen Grabhügel, neben dem ein Selbstporträt steht.

Bunny Rogers malt sich selbst.
Bunny Rogers malt sich selbst. | Bild: Rudolf Sagmeister / Kunsthaus Bregenz

Sie selbst bezeichnet die Szene als „hyperromantisches Setting“. Und tatsächlich mag man darin etwas von der Todessehnsucht der Romantiker entdecken. Der Raum ist dunkel, und wenn man das Kunsthaus betritt, steigt einem zuallererst der Geruch des feuchten Rasens in die Nase, der im Erdgeschoss ausgelegt ist. Glühwürmchen tummeln sich darin, Boten einer romantischen Sommernacht.

Und doch liegt eine unheimliche Stille über der Szene. Wir sind zu spät. Die Beerdigung hat bereits stattgefunden, als wir uns dem Grab nähern. Der feuchte Rasen gibt bei jedem Schritt nach. Der Geruch in der Nase gewinnt an Penetranz. Der Grabhügel ist übersät mit blauen Rosen und Lilien. Die Blumensträuße in Eimern sind ebenso wie die Grabbeigaben bereits an die Seite gerückt.

Was von der Trauer übrig blieb: Reste einer Party stecken in Müllsäcken.
Was von der Trauer übrig blieb: Reste einer Party stecken in Müllsäcken. | Bild: Elisabeth Schwind

Eine Etage weiter oben begegnen wir einer ähnlichen Anordnung. Wieder ist großflächig ein Rasen ausgerollt. Doch statt des Grabhügels ist da ein Berg aus schwarzen Müllsäcken. Die Reste einer exzessiven Trauerparty, wie man sie in den USA wohl vor allem für junge Verstorbene veranstaltet.

Schwarze Luftballons, Pappteller mit Kuchenresten, leere Flaschen und Getränkedosen und wiederum die blauen Rosen liegen verstreut auf dem Rasen. Ein schwerer, süßlicher Alkoholgeruch liegt im Raum, der sich mit dem feuchten Rasen unangenehm verbindet. Erste Fliegenschwärme kreisen über dem Gras. Die Trauer hat mit dem kollektiven Versuch, sie in Alkohol zu ertränken, ihren emotionalen Höhepunkt erreicht.

Rosen in Beton: Aus der Trauer erwachsen Mahnmale und Sicherheitsvorkehrungen.
Rosen in Beton: Aus der Trauer erwachsen Mahnmale und Sicherheitsvorkehrungen. | Bild: Markus Tretter / Kunsthaus Bregenz

Nun beginnt ein Prozess der Sublimierung und der Abstraktion. Im nächsten Stockwerk findet man Zementstelen, in die Blüten und Blätter der Rosen eingegossen worden sind. Mahnmale als Zeichen einer versteinerten Trauer. Sie wirken wie Betonpfeiler, wie man sie aus Sicherheitsgründen aufstellt. Mit Bändern durchwobene Absperrgitter sind an die Wände gerückt. Sie erinnern nur noch indirekt an ein tödliches Szenario. Aus der Trauer sind Sicherheitsvorkehrungen geworden.

Zum Schluss wird die Trauer abgewaschen.
Zum Schluss wird die Trauer abgewaschen. | Bild: Markus Tretter / Kunsthaus Bregenz

Im obersten Stockwerk ist alles vorbei. Der Raum ist in Nebel gehüllt, so wie unsere Erinnerung. Boden und Wände sind gefliest, aus Duschköpfen an den Wänden tropft Wasser. In der Mitte des Bodens befindet sich ein Abfluss, bereit, das Waschwasser der Trauer aufzunehmen und abzuführen. Die Schmerzen sind vorüber. Was bleibt? Nichts. Ob man das nun als beruhigend oder unberuhigend empfindet, muss wohl jeder selbst entscheiden.

Die Ausstellung „Kind Kingdom“ von Bunny Rogers ist bis zum 13. April 2020 im Kunsthaus Bregenz zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und donnerstags von 10 bis 20 Uhr. Weitere Informationen finden Sie hier.