Eine der großen ungelösten Fragen der Menschheit lautet: Gibt es tatsächlich einen Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Kunst? Manche sagen Ja und vermuten hinter dem Graffiti-Sprayer Banksy eine Künstlerin, weil sich Banksys Kunst mit sozialer Gerechtigkeit auseinandersetzt und häufig Kinder in den Motiven zu sehen sind. Schließlich gibt es nur zwei Gründe, Kinder in Bildern zu verewigen: Entweder der Künstler ist eine Frau – oder er ist pädophil.

Eine andere der ungelösten Menschheitsfragen lautet: Ist ein Bild, das von einer künstlichen Intelligenz erfunden und angefertigt wurde, Kunst? Das Auktionshaus Christie’s, das jetzt ein von einem Algorithmus erschaffenes Kunstwerk versteigert hat, hat darauf eine einfache Antwort: Je höher die Summe, die für das Bild geboten wird, desto mehr Kunst steckt darin.

Gute oder schlechte Kunst?

Das Porträt „Edmond de Belamy“ erzielte mit 432.500 Dollar (380.500 Euro) einen unerwartet hohen Preis. Das Bild zeigt einen schwarzgekleideten Mann. Stilistisch ahmt es Porträt-Malereien aus dem 18. oder 19. Jahrhundert nach. Ist es jetzt also besonders gute Kunst? Fest steht, dass hinter dem Werk das französische Künstler-Kollektiv Obvious steckt. Es hat eine Software mit 15.000 Porträts aus dem 14. bis 20. Jahrhundert gefüttert und ihr so die Regeln der Porträt-Malerei beigebracht. Für Pierre Faurel von Obvious ist die Sache klar: Das Kollektiv ist der Künstler, der Algorithmus nur das Werkzeug.

Mal angenommen, es handelt sich bei „Edmond de Belamy“ tatsächlich um Kunst – ist sie dann gut oder schlecht? Und ist sie männlich oder weiblich? Die Frage stellt sich nicht nur in der bildenden Kunst, sondern genauso in der Musik. Jetzt kommen die Donaueschinger Musiktage ins Spiel, die sich in diesem Jahr ebenfalls mit künstlicher Intelligenz auseinander gesetzt haben – und mit der Frage, ob eine Maschine ein Musikfestival kuratieren kann. Kann sie gute und hörenswerte von schlechter Musik unterscheiden?

Gute oder schlechte Musik?

Dazu hat der britische Komponist Nick Collins – ähnlich wie das französische Künstler-Kollektiv – eine Software mit Aufnahmen namhafter zeitgenössischer Klaviermusik gefüttert und ihr so beigebracht, was gute Klaviermusik ist. Spielt man ihr nun ein Klavierstück vor, entscheidet sie Takt für Takt, ob es sich dabei um gute oder schlechte Musik handelt und ob diese von einer Frau oder einem Mann komponiert wurde.

In Donaueschingen konnte man die nicht ganz erst gemeinte Probe aufs Exempel machen. Wir entschieden uns für ein Stück von Clara Schumann (1819-1896). Bei der Frage, ob es sich dabei um gute oder um schlechte Musik handelt, änderte die Maschine ziemlich häufig ihre Meinung. In einem Punkt aber war sie sich völlig sicher: Diese Musik stammt von einem Mann. Offenbar gibt es in Sachen künstlicher Intelligenz doch noch einiges zu tun.