Wenn das, was man sieht, mit dem, wie es benannt wird, nicht übereinstimmt, sollte eigentlich ein Einspruch erfolgen. Sebastian kündet als Begrüßungsschluck Bier und Prosecco an, kommt jedoch mit vier kleinen Pet-Flaschen Wasser zurück. Die anderen drei schauen etwas skeptisch drein, aber längst nicht so, als sei ihnen eindeutig klar, dass das so nicht stimmt. Roman meint sogar, mit Sebastian das Männerspiel spielen zu müssen, die „Bierflasche“ mit einmal Ansetzen leerzutrinken.

Gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit

Da fallen einem nun wieder reflexartig Trump und Co. ein. Moritz Rinke ist mit seinem Stück „Wir lieben und wir wissen nichts“ aber viel näher an den Menschen dran. Regisseur Stefan Eberle und die vier Schauspielenden auf der Werkstattbühne des Konstanzer Theaters machen aus diesem gestörten Verhältnis zur Wirklichkeit einen Ulk mit doppeltem Boden. Die ernährungsmäßig wertvollen Haferkekse sind billige Erdnussflips, die Sonnenblume ist eine Lilie, wer an der Tür klingelt, sagt „Es klingelt“, wobei keine Klingel zu hören ist. Und auch das Theater selbst ist nicht das, was es normalerweise vorgibt zu sein. Da wird wiederholt ein „Alex“ von der Technik angewiesen, mal schöne, mal leisere, mal andere Musik einzuspielen, mal hat jemand den Text vergessen oder kann nichts mit der Rolle anfangen.

Die Inszenierung baut solche Elemente, die schnell zum Selbstzweck werden können, wohldosiert ein. Die Sicht auf die zwei Paare, die sich zum Wohnungstausch treffen, benötigt tatsächlich auch einen Neuanstrich. Sie bedienen selbst inzwischen genauso viele Theaterklischees wie sie ein gelebtes Klischee städtischer Normbürgerschaft verkörpern. Der Kulturwissenschaftler Sebastian hat es nicht über Vorworte hinausgebracht, Hannah coacht Banker nach der Zen-Methode in Tiefenatmung. Sie muss für einige Zeit nach Zürich, wohin ihr Sebastian folgen soll. Der macht das nur widerwillig, er soll auch als Samenspender ran. Roman indes hat vorübergehend einen Job in Frankfurt, seine Frau Magdalena begleitet ihn, was ihm gar nicht passt. Beide Paare treffen wir bei der Wohnungsübergabe in Frankfurt an.

Kampf ums soziale Überleben

Anne Simmerings Hannah ist eine Macherin, was sie auch sein muss als Partnerin von Sebastian. Sie bildet mit Ingo Biermann ein nervenaufreibendes Gespann, vor dem man am liebsten in Deckung gehen möchte. Biermanns Weltinterpret ist in der bürgerlichen Werteskala als Loser verortet, was noch dadurch verstärkt wird, dass er sich als Zyniker gibt. Was er sagt, ist nur noch böser Kommentar. Biermann beherrscht die Bühne, die Kathlina Anna Reinhardt im Sinne einer vergammelten Bruchbude aus Sebastians Studentenzeit mit abgerissener Tropentapete und windschiefen Omasesseln ausgestattet hat.

Hier braucht es einen Neuanstrich: Magdalena (Katharina Stehr), Roman (Georg Mehlich), Hannah (Anne Simmering) und Sebastian (Ingo Biermann) renovieren.
Hier braucht es einen Neuanstrich: Magdalena (Katharina Stehr), Roman (Georg Mehlich), Hannah (Anne Simmering) und Sebastian (Ingo Biermann) renovieren. | Bild: Bjørn Jansen/Theater Konstanz

Auf der Werkstatt-Bühne sind allerdings keine Psychostudien zu verfolgen, sondern bis hin zur Verzerrung zugespitzte Figuren im Kampf ums soziale Überleben. Roman, das Gegenstück zu Sebastian, gibt den taffen Mitarbeiter eines Weltraumprojekts, den der Umstand, dass die Wlan-Verbindung in der Gast-Wohnung Probleme bereitet, an den Rand bringt. Daraus entwickeln sich schön böse Dialoge zwischen dem Technik- und dem Bücher-Freak, mit denen Georg Melich und Ingo Biermann in Ping-Pong-Manier ihr Publikum beschenken. Dass Roman eigentlich keinen Job mehr hat, ignoriert er. Anne Simmerings Hannah indes scheint ständig nahe dem Nervenzusammenbruch. Liebe unter diesen Umständen – niemand weiß, was das sein soll.

Annäherung unter Wahlverwandten

Zwischen den einzelnen Paarmitgliedern kommt es im Sinne einer Wahlverwandtschaft zu Annäherungen, die weder sexuell noch menschlich klappen. Jeder einzelne ist in seiner Rolle verstrickt, mitsamt all den verdrucksten Geheimnissen. Die allgemeine Verunsicherung ist total, sich und den anderen gegenüber. Man ist ausgelaugt vom Verbergenmüssen, dass man eigentlich nicht mehr kann. Manchmal gibt es noch diese kleinen Momente, zwischen Sebastian und Magdalena etwa, in denen plötzlich Nähe entsteht. Eine Tierpsychologin wie Magdalena zu spielen, kann sicherlich schlimm enden, wenn man‘s übertreibt. Katharina Stehr gibt sich als trauriges Mädchen mit den roten Haaren allerdings arg verhalten. Oder: War sie nicht diejenige, die ihre Rolle der unterwürfigen Ehefrau nicht verstehen will? Absichtsvolle Verweigerung also?

Menschen, die sich nicht mehr zutrauen, Wasser zu sagen, wenn Wasser drin ist. Eine der Stärken der Inszenierung von Stefan Eberle ist, dass man selbst entscheiden kann, wie komisch man sie finden will.

Weitere Vorstellungen: 29. und 31. Oktober; 5., 7., 8. und 16. November. Karten unter: Tel. 07531 900150 oder theaterkasse@konstanz.de. Weitere Infos: http://www.theaterkonstanz.de