Man vergisst es ja manchmal, wenn man sich in den deutschen Kinos umsieht. Aus Frankreich kommen nicht nur Komödien verschiedenen Drolligkeitsgrades, sondern auch ernste, bisweilen höchst dramatische Filme. „120 BPM“, die vergangene Woche angelaufene Aids-Aktivisten-Geschichte ist dafür ein sehenswertes Beispiel. Und nun folgt mit „Die Lebenden reparieren“ der Regisseurin Katell Quillévéré gleich das nächste.

Am Anfang ihrer Geschichte, die auf dem gleichnamigen Roman von Maylis de Kerangal, steht ein schrecklicher Autounfall. Der Teenager Simon (Gabin Verdet), gerade noch mit seinen Kumpels beim morgendlichen Wellensurfen, wird so schwer verletzt, dass den Ärzten im Krankenhaus nichts anderes übrig bleibt, als ihn für hirntot zu erklären. Ob man nicht sein Herz zur Organspende freigeben sollte? Diese Frage berührt in der Folge sehr unterschiedliche Menschen, von Simons trauernden, getrennt lebenden Eltern (Emmanuelle Seigner und Kool Shen) über die behandelnden Ärzte und Schwestern (darunter Tahar Rahim, Bouli Lanners und Mounia Chokri) bis hin zu einer ehemaligen Geigerin in Paris (Anne Dorval), die aufgrund ihrer lebensbedrohlichen Herzerkrankung dringend auf eine Spende angewiesen ist, und ihren beiden erwachsenen Söhnen.

Schon häufig kam das Kino zur Erkenntnis, dass Tod und Leben eng miteinander verknüpft sind, doch selten geschah es so überzeugend wie in „Die Lebenden reparieren“. Quillévéré („Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“) hat für ihren dritten Spielfilm nicht nur ein hervorragendes Ensemble zusammengestellt, sondern findet auch erzählerisch und strukturell geschickte Wege, eine Verbindung zwischen all ihren Figuren herzustellen. Ihre Stärke als Regisseurin zeigt sich nicht zuletzt darin, wie wenige Worte sie braucht, um unglaublich viel zu erzählen, sei es über Trauer, über Organ-Transplantationen (bemerkenswert realistisch nachgestellte Operationsszenen inklusive) oder darüber wie viel das Leben selbst eines fremden Mitmenschen mit einem selbst zu tun haben kann.

Weniger versierte Filmemacher wären angesichts solch einer Thematik im Handumdrehen in den Kitsch abgerutscht, doch davon kann bei Quillévéré – die überzeugend unterstützt wird von Kameramann Tom Harari sowie Thomas Marchand imw Schnitt – nicht die Rede sein. Emotional aufgeladen ist „Die Lebenden reparieren“ dennoch auf eindrückliche Weise. Nicht nur durch die Musik von Oscar-Gewinner Alexandre Desplat, sondern vor allem weil sie nie auch nur für einen Moment die Menschlichkeit aus den Augen verliert.

Abspann

Originaltitel: Réparer les vivants

Regie: Katell Quillévéré

Darsteller: Emmanuelle Seigner, Tahar Rahim, Anne Dorval, Bouli Lanners

Produktionsland: Frankreich/Belgien 2016

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Verleih: Wild Bunch

Fazit: Emotionales, aber nie kitschiges Drama über Leben und Tod, mit einem schlagenden Herzen im Mittelpunkt