Ein Kuss ändert alles. Und zwar zum Guten. Jedenfalls wenn es nach der am Valentinstag üblichen Werbung für Floristen, Pralinen oder Schmuckgeschäfte geht: Da markiert der Kuss stets den Beginn einer großen Liebesgeschichte, den Auftakt zu einer glückseligen Zukunft.

In der Literatur sieht das ganz anders aus. Der Kuss, dieses freudige Eingeständnis wechselseitiger Liebe, ist oft genug der Anfang vom Ende, der Auftakt zu einer Katastrophe.

Das gilt vor allem für die berühmteste Kussszene des Buchs der Bücher: den sogenannten Judaskuss. Dabei ist es gleichgültig, wie man Judas’ Handeln interpretieren mag. Ob als Verrat, wie es die klassische Lesart ist. Oder als Liebesbeweis, wie es neuerdings immer öfter heißt: Judas als Gehilfe des Messias, der diesen dazu bringt, den göttlichen Plan zu erfüllen. Für diese Version wirbt zurzeit am Theater Konstanz „Judas“, ein Drama von Lot Vekemans. „Jemand musste es tun“, lässt sie darin den vermeintlichen Verräter sagen. Denn ohne Martyrium hätte der Heiland die Menschheit nicht wwerlösen können. Aber warum musste er ihn dafür küssen?

Weil die Symbole der Liebe auch missbraucht werden können, heißt es in der Bibelwissenschaft. Der Judaskuss als Warnung an die christliche Gemeinde: Nicht jeder, der euch freundlich begegnet, ist es auch! Weil er als Überbringer der Todesbotschaft seinem Meister noch seine Liebe beweisen sollte, heißt es dagegen in einem Text des Tübinger Germanisten Walter Jens: „Ich ging auf ihn zu, sehr langsam, beinah bedächtig, er lächelte, ich küsste ihn, und wir umarmten einander.“

So oder so: Mit dem Kuss kommt in der Passionsgeschichte Tod und Verderben. Und die Verfasser zahlreicher Klassiker der Weltliteratur haben sich daran ein Beispiel genommen. Drei Beispiele:

  • „Die Leiden des jungen Werthers“: Der unglücklich Liebende verliert gegen Ende von Goethes Roman seine Fassung und bedrängt die verheiratete Lotte. Von „wütenden Küssen“ auf „stammelnden Lippen“ ist die Rede. Der Anfang einer großen Liebesgeschichte? Von wegen! Wenig später liegt Werther auf dem Boden. „Über dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn war herausgetrieben.“

Der Kuss war auch hier ein Todesurteil: diesmal nicht für den Geküssten, sondern für den Küssenden. Der hat nämlich nicht als Freund geküsst, sondern als Begehrender. Begehren aber darf im 18. Jahrhundert nur der Ehemann. Wird diese Regel verletzt, so kennt die gesellschaftliche Konvention nur zwei Auswege. Entweder die Frau verlässt das Korsett ihrer Ehe – zum Preis ihrer Ächtung. Oder Der Nebenbuhler verlässt diese Welt – zum Preis seiner Ächtung.

Ob Lotte keine Lust auf Ächtung hat oder vielleicht tatsächlich noch einen Funken von Liebe zu ihrem Ehemann verspürt, bleibt ungewiss. Tatsache ist, dass sie Werther eine Waffe zukommen lässt. „Kein Geistlicher hat ihn begleitet“, heißt es nach dessen vollbrachter Tat über seine Beerdigung: Eine größere Sünde als das Fremdküssen ist nur der Selbstmord.

  • „Die Wahlverwandtschaften“: Auch hier folgt auf den Kuss nicht das Glück, sondern der Untergang. Diesmal trifft es Eduard und Ottilie, beide bereits anderweitig vergeben. Das hindert sie nicht daran, am idyllischen Seeufer „entschiedene, freie Küsse“ zu wechseln. Noch ganz verwirrt vom Rausch dieser Küsserei steigt Ottilie in den wackligen Kahn, entschlossen, ans andere Ufer überzusetzen. Doch sie ist nicht allein. Denn in ihrem Arm hält sie Eduards kleines Kind. „Sie fühlt nicht, dass ihr Herz pocht, dass ihre Füße schwanken, dass ihr die Sinne zu vergehen drohn“, heißt es ahnungsvoll. Leider macht Liebe blind, und „die Bedenklichkeit, mit dem Kinde sich aufs Wasser zu wagen, verschwindet in diesem Drange“. Der Kahn kippt, das Kind fällt ins Wasser. Als sie es endlich fassen und bergen kann, ist es tot. Eine göttliche Strafe? Oder gar Erfüllung ihres geheimsten Wunsches?

In jedem Fall geht es mit Ottilie alsbald zu Ende: Sie liebt nicht mehr, spricht nicht mehr, isst nicht mehr. Und findet binnen kurzer Zeit in einer kleinen Kapelle ihre letzte Ruhe: Selbstmord durch Unterlassen statt durch Kopfschuss war für die Geistlichkeit offenbar akzeptabel.

  • „Die Marquise von O.“: Selbst der Kuss zwischen Vater und Tochter ist in der Literatur von Hollywood-Romantik denkbar weit entfernt. In Kleists Novelle kommt es zu einer hochgradig irritierenden Versöhnung: „Die Tochter still, mit zurück gebeugtem Nacken, die Augen fest geschlossen, in des Vaters Armen liegend; indessen dieser, auf dem Lehnstuhl sitzend, heiße und lechzende Küsse, das große Auge voller Thränen, auf ihren Mund drückte: gerade wie ein Verliebter!“ Ist das nicht etwas viel der väterlichen Liebesbekundung? Auf gut Deutsch: eine Vergewaltigung?

Der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt hat diese Szene in seinem Buch „Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur“ analysiert. Von Vergewaltigung will er darin – anders als viele feministische Interpreten – nichts wissen. Doch seine Lesart stellt dem Vater ein kaum besseres Zeugnis aus. In der wilden Küsserei sieht er dieselbe kindische Haltung, die ihn schon zuvor dazu gebracht hat, seine Tochter zu verstoßen: ein Mann, der von einem Extrem ins andere fällt und schon allein in dieser Maßlosigkeit eine Gefahr für seine Angehörigen ist.

„Küsse, Bisse, das reimt sich“, lässt Kleist seine Amazone Penthesilea im gleichnamigen Drama sagen: „Und wer recht von Herzen liebt, kann schon das Eine für das Andre greifen!“ Da hat sie gerade den geliebten Achilles buchstäblich zu Tode geküsst. Valentinstag: Das ist für literarische Gestalten wahrhaftig kein Grund zum Feiern.